Stand: 31.07.2020 17:21 Uhr  - NDR Kultur

Christopher Street Day: "Weiterhin Flagge zeigen"

Am 28. Juni 1969 kam es in der New Yorker Christopher Street zu einem Aufstand von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten gegen regelmäßig stattfindende Polizeirazzien in den Szene-Treffs. Er markierte den Stichtag zu den seither weltweit regelmäßig stattfindenden Christopher Street Days (CSD). In Hamburg findet am Sonnabend die 40. Ausgabe statt. Ein Gespräch mit dem Mitorganisator Stefan Mielchen.

Herr Mielchen, am Samstag findet die 40. Ausgabe des CSD in Hamburg statt. Die Stadt ist seit Tagen in Regenbogenfarben getaucht. Ihr Ziel der Gleichbehandlung scheint erreicht, oder?

Stefan Mielchen: Es ist zumindest ein Zeichen, dass sich die Stadtgesellschaft an unsere Seite stellt, indem in der ganzen Stadt und vor allen Dingen am Rathaus der Regenbogen weht. Das ist ein tolles Zeichen, und darauf haben wir lange hingearbeitet. Vor 40 Jahren ist der erste CSD mit gerade mal 1.500 Menschen durch die Stadt gezogen. 2017 war der bislang größte Erfolg: Die Ehe für alle konnte endlich erkämpft werden. Aber es gibt auch einige Bereiche, die noch nicht so funktionieren, wie wir uns das vorstellen.

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Wofür oder wogegen demonstrieren Sie morgen?

Mielchen: Wir haben einen Katalog an politischen Forderungen, der knapp 20 Punkte enthält. Es fängt ganz oben beim Grundgesetz an - Artikel 3, der Gleichheitsgrundsatz beziehungsweise das Antidiskriminierungsgebot: Niemand darf wegen - und dann folgen einige Merkmale - diskriminiert werden. Da fehlt bislang die sexuelle Orientierung und die geschlechtliche Identität. Das ist unter anderem deshalb wichtig, damit bereits erkämpfte Fortschritte, wie zum Beispiel die Ehe für alle, uns nicht wieder genommen werden können. Auf der anderen Seite hat das aber auch, wenn es im Grundgesetz steht, eine gewisse Strahlkraft in die Gesellschaft hinein, denn da bekennt sich unsere Verfassung zur Gleichstellung. Das ist ein wesentlicher Punkt. Es geht aber auch darum, sichtbar zu sein. Das ist für viele Menschen die einzige Gelegenheit im Jahr, wo sie sich wirklich trauen, einmal öffentlich so zu sein, wie sie sind. Das darf man genau für diese Leute nicht unterschätzen.

Es gibt aber auch Bestrebungen, Ihnen bestimmte Rechte wieder zu nehmen. Von wo weht Ihnen im Moment am schärfsten der Wind ins Gesicht?

Mielchen: Ganz konkret versucht hat es die AfD im Deutschen Bundestag. Die hat einen Antrag zur Abschaffung der Ehe für alle eingebracht und zur Abstimmung gestellt. Der ist zwar gescheitert, aber deren Agenda ist klar minderheitenfeindlich, und von dort weht uns ganz klar der Wind ins Gesicht. Es gibt am rechten Rand noch weitere - sowohl politisch als auch religiös motivierte - Organisationen. Es ist wichtig für uns - deshalb machen wir morgen diese Fahrraddemonstration - weiterhin Flagge zu zeigen.

Sie veranstalten diese Fahrraddemo, weil das Demonstrieren in Zeiten der Corona-Krise schwierig geworden ist. Ist das möglicherweise auch eine Rückkehr zu den Wurzeln? Denn in den vergangenen Jahren ist der CSD immer mehr zu einem riesigen Happening geworden und weniger zu einer Kundgebung.

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Mielchen: Die CSDs in Deutschland haben generell das Phänomen, dass der Zulauf wahnsinnig groß geworden ist, unter anderem dadurch, dass dort auch gefeiert wird. Ich finde, Politik und Feiern schließen sich nicht grundsätzlich aus - man muss nur ein vernünftiges Gleichgewicht finden. In Hamburg waren im letzten Jahr 240.000 Menschen in der Innenstadt. Es gab viele große Trucks, und da wird Party gemacht, aber es wird auch eine Botschaft transportiert. Wenn sich dort zum Beispiel bekannte Hamburger Unternehmen zeigen, dann tun sie dies auch, um sich an die Seite von LGBTQ zu stellen, also von Lesben, Schwulen, Transgendern, Bisexuellen und intergeschlechtlichen Menschen. Sie werben auch dafür, dass sie ein aufgeschlossenes Unternehmen sind.

Wir haben viele Fußgruppen in den Demonstrationen dabei. Wir sprechen ganz bewusst von Demonstrationen und nicht von Paraden, um den politischen Charakter deutlich zu machen. Man darf auch nicht vergessen, dass der CSD nicht nur dieser eine Tag auf der Straße ist. Wir haben in einem normalen Jahr in der Pride Week 30 bis 40 Veranstaltungen inhaltlicher Art, und darum ranken sich noch viele andere Dinge. Man darf also nicht den Fehler begehen, den CSD nur auf die bunte, fröhliche Parade, wie sie von vielen Leuten wahrgenommen wird, zu reduzieren, sondern er hat einen politischen Kern. Allein die Tatsache, dass so viele Menschen einer gesellschaftlichen Minderheit sich die Stadt für einen Tag "nehmen", ist schon Politik genug.

Mittlerweile finden allerorten CSDs statt. Das lässt den Verdacht aufkommen, dass das Ganze zu einem etwas wohlfeilen Happening wird. Fühlen Sie sich da nicht etwas vereinnahmt?

Mielchen: Man muss da sehr genau aufpassen. Natürlich gibt es Gruppen oder auch Parteien und Politiker, die diese Plattform für sich nutzen. Wir haben es in Hamburg in den letzten Jahren so gehalten, dass wir auf der Kundgebung keine Politiker und Politikerinnen mehr sprechen lassen. Das erledigen wir im Vorfeld bei Diskussionsveranstaltungen, wo es wirklich um Inhalte geht und nicht nur um den medienwirksamen Fototermin. Aber Sie haben Recht - man muss da sehr genau hinschauen, dass das nicht eine gefällige Soße wird.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Zwei farbenfrohe Männer nehmen an der Parade zum Christopher Street Day (CSD) teil © picture alliance/Markus Scholz/dpa Foto: Markus Scholz

Christopher Street Day: "Weiterhin Flagge zeigen"

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In Hamburg findet am Sonnabend die 40. Ausgabe des Christopher Street Days statt. "Es geht auch darum, sichtbar zu sein", sagt Mitorganisator Stefan Mielchen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.07.2020 | 19:00 Uhr

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