Eine zartrosafarbene Blüte einer Magnolie. © NDR Foto: Anja Deuble

Essay: Zweiter Frühling - sinnloses Treiben statt Aufbruch

Stand: 03.04.2021 08:09 Uhr

Die Sehnsucht nach dem Frühling ist gewachsen in den Monaten des Lockdowns. Doch was ist geblieben von der Natur als Projektionsfläche unserer Sehnsucht? Ein Essay von Hannah Lühmann, stellvertretende Feuilleton-Chefin der Zeitung "Die Welt".

Eine zartrosafarbene Blüte einer Magnolie. © NDR Foto: Anja Deuble
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von Hannah Lühmann

Im Preußenpark, in der Nähe unserer Wohnung, sah ich neulich einen Mann. Er bewegte sich mit äußerster Langsamkeit auf der Stelle. Seine Handkanten zogen - einer Choreographie folgend - durch die Luft . Dazu erklang aus einem mitgebrachten CD-Player der Beatles-Song "Here Comes the Sun". Und sie kam wirklich, die Sonne. Mit faserigen, dünnen Strahlen tastete sie sich in das tschilpende Hellgrün des beginnenden Frühlingstages. Später sah ich noch einen zweiten Mann, der sich auf eine ähnliche Weise bewegte. Und dann noch eine Gruppe, von der ich mir nicht sicher war, ob es sich wirklich um eine Gruppe handelte oder nur um eine Ansammlung sich zufällig synchron bewegender Individuen.

Verbindung von Mensch und Natur

Es scheint, als seien Sportarten wie Tai-Chi oder Yoga, die man alleine und draußen praktizieren kann, langsam, unter höchster Konzentration, beliebt im zweiten Frühling der Corona-Pandemie. Gleichzeitig symbolisiert der Anblick dieser Menschen in den Parks das seltsame Gefühl des Stillstands im Aufbruch. Sie wirken wie Boten einer anderen Zeit, einer stillen und reibungsarmen Zukunft, in der wir die meiste Zeit alleine sind und achtsam unser Wohlergehen kultivieren. Eine Zeit der freundlichen Mäßigung wie aus einer Geschichte von Leif Randt, ein futuristisches Gleiten, das einen an den Film "Matrix" denken lässt oder an eine urbane Zukunftswelt wie in "Her" von Spike Jonze.

Je länger ich über die sich Bewegenden nachdachte, desto mehr erschien ihre Choreographie als eine Art apokalyptischer Irrsinn, erschienen ihre Glieder wie die tastenden Arme dürrer Insekten, die, aus einem Winterschlaf erwacht, die Welt zu befühlen beginnen. Sie wirkten, als seien sie etwas anderes als die Welt. Ich dachte an die Roboter, die die Firma Boston Dynamics zum neuen Jahr miteinander tanzen lässt oder an die spinnenartigen Kampfmaschinen aus "Krieg der Welten" und mir wurde schlagartig bewusst, worin die Dissonanz besteht, die einen in diesem Frühjahr von überall her anweht. Wir sind es gewohnt, uns mit der Natur verbunden zu fühlen, sie als Metapher unseres Innenlebens zu verstehen. Im Frühling liegt der Aufbruch. Die treibenden Knospen und die intensiver werdende Sonne lassen uns hoffen, sie lassen uns schneller gehen und die Nächte draußen verbringen wollen.

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Unerfüllte Sehnsüchte

Wir verhalten uns zu dieser Natur selbst dann noch, wenn wir sie eigentlich gerade nicht spüren können. Der Depressive empfindet den Frühling ja deshalb als schrecklich, weil er sich abgespalten fühlt von der hellgrünen, knospentreibenden Fröhlichkeit der Anderen. Noch in der Verneinung der Welt liegt die Welt, in der Unfähigkeit, sich mit ihr zu verbinden. Durch Corona scheint es so, als gebe es diese Verbindung nicht mehr, als würde die Natur als Metapher scheitern, weil nicht mehr nur das Subjekt sich von ihr, der Natur, abgespalten fühlt, sondern die ganze Gesellschaft. Niemand erlebt einen Aufbruch, niemand nimmt einen Drink im Straßencafé. Niemand plant seinen Urlaub. Die Sonne tut nur so, als wäre etwas gut, aber sie bedeutet nichts mehr. Blasse Winterwesen, die wir sind, gehen wir hinaus auf die Straße, wir gehen in den Park und sind glücklich über die Sonne, aber sie taugt nicht mehr zur Beschreibung unserer Sehnsüchte. Ihr folgt kein Aufenthalt am Meer. Ihr folgen keine Nächte vor den Restaurants. Die Natur treibt einfach so vor sich hin, ohne dass wir etwas tun könnten, das diesem Treiben wirklich entspricht, und darin liegt etwas Beunruhigendes.

Der zweite Frühling ist anders

Während des letzten Frühlings war es noch anders: da gab es den ersten Lockdown, und während wir begannen, uns an unsere Wohnzimmer zu gewöhnen und an die Grünflächen des Parks um die Ecke und an die vielen, vielen Coffee-to-gos, die dieses Jahres bringen sollte. Während wir also begannen, die immer gleichen Bewegungsschleifen einzuüben, romantisierten wir die Natur: Es gab Meldungen von Delfinen, die durch Venedigs Kanäle schwimmen, bis sich herausstellte, dass die Fotos aus Sardinien stammten. Wir sprachen über Tiere im Zoo, die sich ohne uns Besucher auf einmal freier fühlten. Wir freuten uns über Löwen, die sich ungestörter paarten und Lamas, die sich näher an die Absperrung herantrauten. Wir diskutierten die sinkende Luftverschmutzung durch ausgefallene Flüge.

Ein Jahr später interessiert das niemanden mehr: Wir machen uns gar kein Bild mehr von der Natur. Wir freuen uns zwar über das gute Wetter, aber wir wollen nur noch planen, wollen endlich etwas haben, auf das wir uns freuen können. Der Gedanke an die leeren Strände, die ungenutzten Wiesen, die sumpfigen Wälder da draußen hat für uns, die wir in unseren Stadtwohnungen wohnen und es häufig gerade mal am Wochenende zum Waldsee schaffen, etwas Überwältigendes. Die Natur braucht uns nicht mehr, also wird sie uns fremd.

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Existenz der Natur zeugt von der Sinnlosigkeit des Daseins

Ist der Frühling etwas Schreckliches, wäre es besser Winter geblieben? Als T.S. Eliot 1922 sein berühmtes Gedicht "Das öde Land“" veröffentlichte, hätte er sich sicher nicht vorstellen können, dass die erste, unglaubliche Zeile hundert Jahre später eine von zwei lyrischen Frühlingsanspielungen sein würde. Sein "April is the cruelest month" ist als Einwurf das depressive Gegenstück zu Mörikes "blauem Band", das der Frühling wieder flattern lässt. Dabei offenbart sich das Schreckliche des Frühlings erst in den folgenden Zeilen, in denen beschrieben wird, wie der April den "Flieder aus der toten Erde" treibt, wie er "spröde Wurzeln" mit "Frühlingsregen" aufschreckt. Das Lyrische Ich berichtet in missgelauntem Tonfall aufgekratzter Eintönigkeit über den Sommer, der als Überraschung über den Starnberger See kommt und es - eingefasst in die Gemeinschaft einer Gruppe von Spazierenden - unter die Kolonnaden flüchten lässt. "Die Sonne kam wieder, wir gingen weiter zum Hofgarten und tranken Kaffee und redeten eine Stunde".

So könnten wir heute sprechen, könnten von unseren Gängen zum Park, unseren Flügen nach Mallorca, unseren langen, von nichts als dem monotonen Auf und Ab der Maßnahmen-strukturierten Wochen und Monaten berichten. Die gefühlte Entfremdung von der Natur ist immer Symptom gestörten Welterlebens, das auch das Politische, das Gesellschaftliche, die Sinnhaftigkeit überhaupt betrifft. Es ist wie in Sartres "Der Ekel", in dem der Protagonist seinen Ekel- beim Anblick der Wurzel eines Kastanienbaums, angesichts der schwarzen und knotigen, ganz und gar rohen Masse, die ihm auf einmal als reine, obszöne Existenz entgegentritt - endlich versteht. Die einfach nur noch so vor sich hin existierende Natur zeugt von der Sinnlosigkeit des Daseins.

Frühling in Dauerschleife

T.S. Eliot entwarf in seinem Gedicht den Schrecken seiner Zeit und den des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er schrieb es 1921 unter dem Eindruck politischer und wirtschaftlicher Krisen, und nicht zuletzt schrieb er es in dem Jahr, in dem die Spanische Grippe gerade zu Ende gegangen war. Welche Katastrophen ahnen wir jetzt, wo wir, entkoppelt von der Welt und unseren Mitmenschen, in den Frühling hinausgehen und uns von ihm Tröstung erwarten?

Der Frühling tröstet uns. Er gibt uns Zwitschern und Sonnenschein, den Geruch von warmen Steinen am Rande von Springbrunnen, an denen Kinder spielen. Er gibt uns Baustellen und Eis und Spaziergänge am Wasser, aber weil wir nichts tun können, als in unserem Viertel, in unserer Stadt, in unserem Land zu bleiben, ist der Frühling auch ein unheimlicher Wiedergänger seiner selbst. Er ist entkoppelt von dem, was uns seine Funktion zu sein schien: uns Aufbruch zu schenken und uns ins Jahr hinaus ziehen zu lassen. Er ist ein Frühling, der zu nichts anderem führt als sich selbst:, ein Frühling in Dauerschleife. Ein Frühling, dem nichts folgen wird, als ein heißer Sommer und die immer fahriger werdende Hoffnung, dass die Situation irgendwann einmal unter Kontrolle gebracht wird.

Corona beschleunigt Individualisierung der Gesellschaft

Corona hat manifestiert, was uns jahrelang als zugespitzte Behauptungen erschien: Dass sich die Gesellschaft polarisiert, dass wir das Vertrauen in die Politik verlieren. Dass wir uns ins Private zurückziehen, dass jeder sich nur noch um das eigene kümmert. Und ein bisschen ist es, als würde auch der Frühling, als würde die Natur einem nur noch wirklich aus den Tausend Fotos der Tausend Freunden entgegentreten. Eine Lifestyle-Bloggerin bewirbt das "Abenteuer Garten". Sie nimmt ihre Follower mit in den Schrebergarten und lehrt sie, wo sie Spinat, wo Karotten und wo sie Dicke Bohnen säen sollen. Auf dem faserigen Holz brauner Kisten stehen die Wörter: "dicke Bohnen" und "Erdbeerschlinge". Dazu das breite Grinsen, die emsige Betriebsamkeit der Influencer, die einen über ihren Alltag zu Tode plaudern: Der völlig unironisch zum Nachverfolgen vorgeschlagene Frühjahrsputz, die unzähligen Anleitungen zum Gärtnern und Balkonbepflanzen. Es ist eine nach innen wachsende Natur, wie blasse Wurzeln, die, von Steinplatten bedeckt, zurück ins Erdreich drängen. Der Frühling spendet uns nur einen schnellen, oberflächlichen Trost, denn die Natur bietet uns keine Zuflucht. Sie ist unheimlich geworden.

Wir sind alleine mit der Ungewissheit, ob die Eltern bald geimpft sein werden, mit der Ungewissheit, ob eine nächtliche "Grüppchenbildung" noch erlaubt ist, mit der Ungewissheit, ob die Kitas offen sind, die Schulen, alles. Wir sind alleine mit der Ungewissheit, ob die Viren uns nicht am Ende vielleicht doch einfach besiegen und kleinkriegen: durch ihr wildes, gedankenloses und doch intelligentes Treiben. Denn auch sie sind Natur.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 03.04.2021 | 13:00 Uhr