Cartoonist Martin Perscheid hält seinen Band "Der fette Perscheid" mit seinen besten Cartoons 2018 in der Hand (Archivbild - der Künstler ist in der Nacht zum 31. Juli 2021 im Alter von 55 Jahren verstorben) © Uwe Zucchi/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Uwe Zucchi

Zum Tod von Martin Perscheid: "Er war ein sehr feiner Mensch"

Stand: 05.08.2021 17:18 Uhr

Der Cartoonist Martin Perscheid ist tot. NDR Kultur hat mit der Programmleiterin des Oldenburger Lappan Verlags, Antje Haubner, gesprochen.

Beitrag anhören 4 Min

Frau Haubner, Martin Perscheid hat man immer aus Tausenden heraus erkannt. Was hat ihn eigentlich so besonders gemacht?

Antje Haubner: Was Martin so besonders gemacht hat ist natürlich erst einmal die grafische Wiedererkennbarkeit seiner Cartoons, die ja relativ minimalistisch gehalten waren. Seine Zeichnungen hatten wenige Striche, und auch mit Farben war er nicht wahnsinnig verschwenderisch, um wahrscheinlich den Fokus auf den Inhalt zu legen. Und der ist eben bei Martin einfach rabenschwarz.

Was hat ihn denn dazu animiert, so schwarz zu sein?

Haubner: Er hat seinen Finger immer auf die Stellen gelegt, wo es richtig weh getan hat. Er war ein großer Kritiker, zum Beispiel der Kirche, der Bigotterie und der Verlogenheit. Und das hat er so entlarvend wie möglich und so böse wie möglich in Cartoons verpackt.

Der Cartoonist spießt gern auch mal die Politik auf. Bei der Tagespolitik hat Perscheid sich eher zurückhaltend verhalten, oder?

Haubner: Er war kein Karikaturist, der tagesaktuell eine Tageszeitung bedienen musste. Aber er hat auch tagesaktuell gezeichnet. Ansonsten hat er einfach auch verschiedene wichtige Strömungen oder gesellschaftliche Phänomene genommen, wie Rassismus oder Sexismus, Bigotterie oder Cancel Culture, um sie mit schwarzem Humor in Cartoons zu verarbeiten und bloßzustellen.

Wie war er denn als Mensch? War er auch im Alltagsleben so schwarzhumorig?

Haubner: Er war als Mensch ein vollkommen anderer als man denken könnte, wenn man seine Cartoons sieht. Seine Cartoons sind krachend böse, manchmal auch brutal und mitleidlos. Und Martin Perscheid war genau das Gegenteil. Martin Perscheid war ein sehr feiner Mensch, sehr, sehr leise, sehr bescheiden und ein Mann von sehr wenigen Worten.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe, NDR Kultur.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.08.2021 | 18:00 Uhr