Zum Tod von John le Carré: "Hamburg war seine große deutsche Liebe"

Stand: 14.12.2020 16:45 Uhr

John le Carré, der Meister des Spionage-Thrillers, ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Der Journalist Yassin Musharbash hat unter anderem als Rechercheur für le Carré gearbeitet.

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Herr Musharbash, Sie kannten John le Carré persönlich - wie haben Sie von seinem Tod erfahren?

Yassin Musharbash: Ich habe es gar nicht selber mitbekommen - ein Freund aus der Schweiz rief mich an. Vor ein paar Wochen hatten wir noch korrespondiert, und John le Carrés letzter Brief lag noch auf meinem Schreibtisch - da liegt er immer noch. Darin schrieb er, dass es ihm selbst einigermaßen gut gehe. Ich hatte ihn im April in Cornwall sehen wollen, aber das haben wir wegen Corona verschoben. Ich hatte die leise Hoffnung, dass das vielleicht im kommenden Frühjahr klappt. Das war ein sehr trauriger Abend.

Sie haben unter anderem als Rechercheur für John le Carré gearbeitet. Was haben Sie für ihn gemacht? Wie haben Sie mit ihm kommuniziert?

Yassin Musharbash © picture alliance / Eventpress
Der Journalist Yassin Musharbash hat für John le Carrés Buch "The Most Wanted Man" recherchiert.

Musharbash: Das begann 2007. Er hatte sich vorgenommen, ein Buch als Reaktion auf "9/11" und den "war on terror" zu schreiben, was in Deutschland spielen sollte. Dafür suchte er einen Rechercheur in Deutschland, der sich mit islamistischem Terrorismus und mit deutschen Sicherheitsbehörden auskennt und der Englisch kann. Da wurde ich ihm empfohlen. Wir trafen uns persönlich im Café Einstein in Berlin zum Mittagessen. Es war ein sehr schönes, anregendes Gespräch. Er hat mir skizziert, worum das Buch gehen sollte und was er an Informationen braucht, die er selbst nicht zur Hand hatte und wo ihm jemand zuarbeiten sollte. Das konnte ich mir sehr gut vorstellen.

Er hat Sie wiederum beeinflusst und zum Schreiben animiert - ist das richtig?

Musharbash: Ja. Als wir so eine Art Abschlussbesprechung nach der Arbeit zu "The Most Wanted Man" hatten, sagte er: "Du hast ein ganz gutes Händchen beim Plotten. Vielleicht solltest Du selbst versuchen, einen Thriller zu schreiben." Und dann habe ich das gemacht. Als Person hat er mich sowieso beeinflusst, aber er hat mich auch dazu animiert, das Thriller-Schreiben anzufangen.

Inwiefern hat er Sie denn beeinflusst - schreiberisch, aber auch persönlich?

Musharbash: Bevor ich ihn traf, habe ich schon in seinen Büchern etwas gefunden, was mir sehr viel bedeutet, nämlich Ambiguität, diese Nicht-Festlegung, ob etwas bis ins Letzte gut oder schlecht ist. Diese fehlende Eindeutigkeit, dieses Zweifeln der Akteure, die nicht immer wissen, was das Richtige ist, oft falsche Entscheidungen treffen, weil es vielleicht gar nicht die Möglichkeit gibt, die richtige Entscheidung zu treffen. Dieses realistische menschliche Bild von Agenten und Verrätern bekommt man in der Regel in der Thriller-Literatur gar nicht zu sehen, sondern stattdessen diesen Superhelden-Quatsch. Bei John le Carré gibt es eigentlich keine Helden, sondern nur scheiternde Figuren. Das fand ich schon immer extrem nachvollziehbar, und da gibt es eine gewisse Verwandtschaft zum Journalismus. Ich bin hauptberuflich Journalist, und auch wir versuchen immer alles herauszufinden, aber die Wahrheit bleibt flüchtig. Man kann immer nur durch ein Schlüsselloch gucken und sieht sehr selten das ganze Bild.

Als Person war er unglaublich angenehm, nett und freundlich. Ich habe ihn erst kennengelernt, als er schon fortgeschrittenen Alters war, aber er hatte diese kindliche Freude am Schreiben. Jedes Mal, wenn eines seiner Bücher fertig war, hatte er diese Aufregung, als wäre es sein erstes Buch. Er hat für seine Bücher immer vor Ort recherchiert und zum Beispiel mitten im Bügerkrieg in Beirut Jassir Arafat getroffen - wenn er solche Geschichten beim Abendessen erzählt hat, war das fantastisch. Natürlich habe ich mir immer den einen oder anderen Rat, den er en passant hat fallen lassen, versucht zu Herzen zu nehmen.

Sie haben John le Carré auch in Hamburg getroffen, unter anderem bei einer Lesung im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals. Er war aber auch davor viele Jahre beruflich in Hamburg, im Auftrag des britischen Auslandsgeheimdienstes. Hat er Ihnen etwas über seine Beziehung zu Hamburg erzählt?

Musharbash: Ja. Ich glaube, Hamburg war schon seine große deutsche Liebe. Hamburg hat ja auch etwas Anglophiles, würde ich sagen, und da hat er sich sehr wohl gefühlt. Er ist auch oft privat in Hamburg gewesen, öfter als in Berlin zum Beispiel. Er kannte die Stadt gut. Vor der Veranstaltung an der Elphi habe ich drei oder vier Tage mit ihm und seiner kleinen Entourage verbracht, und das hat ihm so eine Freude gemacht. Wir haben uns stundenweise über seine Rede gebeugt, weil er die so ernst genommen hat. Da steckt wahnsinnig viel Arbeit drin, weil es für ihn damals schon sicher war, dass das sein letzter großer öffentlicher Auftritt in Deutschland werden würde. Dieser Auftritt war ihm sehr wichtig.

Er hatte eine ganz besondere Beziehung zu Deutschland, er hat fließend Deutsch gesprochen, hat lange Zeit hier verbracht und hatte sehr viele zuverlässige Leser hier. Denen gegenüber hat er sich in einer sehr engen Bindung empfunden. Er wollte, dass sie von ihm gut behandelt werden - ich glaube, das war ihm wichtiger als in anderen Ländern. Er war überall auf der Welt erfolgreich, aber Deutschland war etwas Besonderes für ihn.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Der englische Schriftsteller John le Carré bei einer Filmpremiere 2016 in Deutschland © picture alliance Foto: Gregor Fischer

AUDIO: Britischer Schriftsteller John le Carré gestorben (3 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.12.2020 | 18:00 Uhr