Ryusuke Hamaguch © IMAGO / Xinhua Foto: IMAGO / Xinhua

Zum Abschluss der Berlinale

Stand: 09.03.2021 15:07 Uhr

Freitag Mittag um zwölf Uhr ging sie zu Ende: die 71. Berlinale. Im Programm reduziert, auf fünf Tage zusammengestaucht und als reine Online-Ausgabe für Journalistinnen und Journalisten.

Ryusuke Hamaguch © IMAGO / Xinhua Foto: IMAGO / Xinhua
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Der Hauptpreis ging an einen rumänischen Film "Bad Luck Banging or Loony Porn" und damit die Frage an unsere Filmkritikerin Katja Nicodemus: Freuen Sie sich über die Entscheidung, sind sie wütend darüber oder können sie damit leben?

Katja Nicodemus: Ich kann ganz gut mit der Entscheidung leben. Man entwickelt im Laufe der Jahre eine Nonchalance gegenüber der Jury und ihren Entscheidungen und besonders bei dieser komischen Online-Berlinale, bei der man sich nicht mit Kollegen austauschen konnte, fehlte das lebendige Gespräch über Favoriten oder über Filme, die man nicht mochte. Der Preisträgerfilm, der Goldene Bär, wirft einen ganz bösen Blick auf die rumänische Gesellschaft. Er beginnt mit einem kurzen Amateurpornofilm, einem Hardcore-Porno - man sieht wirklich Sex in verschiedensten Stellungen und die Geschlechtsteile sehr expliziert. Es wird auch ein bisschen gepeitscht.

Dieser Film ist ein Triptychon und im ersten Teil sehen wir die Hauptfigur, eine Lehrerin, durch Bukarest laufen. Sie hat diesen Film mit ihrem Partner gedreht und der Reparateur ihres Laptops hat den Film ins Netz gestellt. Bei ihren Gängen durch die Stadt stellt die Frau fest, indem sie immer wieder auf ihr Handy schaut, dass der Film massenhaft verbreitet wurde. Sie versucht vergeblich, das zu unterbinden. Der zweite Teil ist ein Zusammenschnitt von Archivaufnahmen und dokumentarischen Bildern, die die Bigotterie, die Scheinheiligkeit, und die Verdrängungen der rumänischen Gesellschaft und ihre Verstrickung in den Faschismus zeigen. Außerdem zeigt der Film ihre Entwicklung zur Hardcore-Konsumgesellschaft. Der dritte Teil ist eine Art Elternversammlung, bei der die Lehrerin wegen ihres Pornos der Prozess gemacht wird. Es heißt, sie könne nicht mehr unterrichten, weil sie kein Vorbild für Kinder mehr sein könne. Der Film wirkt ein bisschen wie aus der Hüfte geschossen. Er wurde mit einer Handkamera gedreht und eher skizzenhafter hingeworfen. Dieses Skizzenhafte verbindet ihn auch mit anderen Filmen der Berlinale. In diesem Wettbewerb gab es viele Filme, die wie Momentaufnahmen wirken.

Der zweitwichtigste Preis wurde vergeben an einen japanischen Film: "Wheel of Fortune and Fantasy" von Ryusuke Hamaguchi. Ein verdienter Preisträger für den Großen Preis der Jury?

Nicodemus: Ich glaube schon. Auch dieser Film hat wirklich etwas von einer Momentaufnahme, obwohl er ganz anders, mit einer ganz ruhigen Kamera, gedreht wurde. Aber auch hier geht es um das Festhalten von etwas Flüchtigem. Bei dem rumänischer Film ist die Frau die ganze Zeit in Bewegung und man hat nie ein ruhiges Bild. Hier ist es ganz anders. Der Film gliedert sich ganz in aller Ruhe in drei Episoden, in denen jeweils der Zufall eine ganz entscheidende Rolle spielt. Es geht um drei Begegnungen und alle erzählen vom Kommen und Gehen der Gefühle, auch von erotischen Spannungen. Die schönste Begegnung fand für mich im dritten Teil statt. Hier treffen sich irgendwo in einer japanischen Großstadt zwei jüngere Frauen auf der Straße und die eine hält die andere irrtümlich für eine Schulfreundin. Schon in der nächsten Szene erzählen sich die beiden ihr Leben und aus der Flüchtigkeit dieses Moments entsteht etwas Wunderschönes - eine Zuneigung und Freundschaft in einem vielleicht einzigartigen Moment.

Weitere Informationen
Eine Frau (Katia Pascariu) mit OP-Maske sitzt an einem Tisch mit Blumen - Szene aus dem Film "Bad Luck Banging or Loony Porn" von Radu Jude, Goldener Bär der Berlinale 2021 © Silviu Ghetie/ Micro Film 2021

Maren Eggert erhält Silbernen Bären für "Ich bin dein Mensch"

Die Hamburgerin Maren Eggert erhält den Silbernen Bären für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle. mehr

Vier der 15 Wettbewerbsfilme stammen von deutschen Regisseurinnen und Regisseuren. Ausgezeichnet wurde zum Beispiel die Regisseurin Maria Speth mit dem Preis der Jury für ihren Dokumentarfilm "Herr Bachmann und seine Klasse" und die Schauspielerin Maren Eggert für die Hauptrolle in Maria Schraders Film "Ich bin dein Mensch". Wie bewerten Sie diese beiden Preise?

Nicodemus: Ich muss mich erst einmal richtig begeistern und auch ein bisschen Schwärmen für Maria Speths Film "Herr Bachmann und seine Klasse", weil das eine ganz berührende Langzeitbeobachtung ist. Es geht um den Lehrer Dieter Bachmann, der im hessischen Städtchen Stadtallendorf die Klasse 6b mit ganz großer Liebe und Zuneigung unterrichtet. Er klampft auch mal auf der Gitarre, er musiziert mit ihnen oder bringt diesen Kindern nicht einfach nur Stoff bei, sondern gibt ihnen eine ganz optimistische Haltung fürs Leben mit - das Recht gehört zu werden, einen Platz in der Welt zu haben. Der Film zeigt diese sechste Klasse als ein Ensemble, das von diesem Lehrer wirklich orchestriert wird und zu einer Band wird. Und dieser Lehrer verdrängt den Leistungsdruck nicht. Er versucht ihn zu minimieren, weil er weiß, dass diese Kinder von zu Hause von ihrem großteils migrantischem Hintergrund schon genug schweres Gepäck mit in die Schule bringen. Viele von ihnen müssen mehrere Sprachen gleichzeitig lernen und sind erst kurze Zeit in Deutschland. Sie merken, ich könnte über diesen Film noch ewig sprechen, aber wir sollten auch noch über den Preis für die beste Hauptrolle für Maren Eggert sprechen. Man kennt die Schauspielerin zwar aus Tatorten oder aus den Kinofilmen von Angela Schanelec. Aber in Maria Schraders Film "Ich bin da ein Mensch" spielt Maren Eggert eine Wissenschaftlerin, die einen Roboter als Lebenspartner austesten soll und die sich dann ganz widerspenstig in ihn verliebt. In der Rolle dieser skeptischen, kühlen Wissenschaftlerin kann Maren Eggert auf die verschiedensten Tonlagen kommen. Sie kann Temperamente und Stimmungen spielen. Sie kann als Schauspielerin ihre Möglichkeiten ausspielen, während Maria Schraders Film unter den Möglichkeiten des Themas Künstliche Intelligenz bleibt.

So viel zu den Preisgekrönten, aber hat die Jury auch Filme übersehen? Wer hätte Ihrer Meinung nach noch etwas bekommen sollen oder müssen?

Nicodemus: Vielleicht muss ich jetzt meine Gelassenheit über den Haufen werfen, weil ich ausdrücklich und offiziell dagegen protestiere, dass Dominik Graf für seine wirklich wunderbare Verfilmung von Erich Kästners "Fabian" keinen Preis gewonnen hat. Der Film erzählt eine wunderschöne, traurige Liebesgeschichte auf umwerfende Weise mit Gegenwartsbezügen, die einem den Hals zuschnüren. Der Film hätte einen Preis verdient. Der wird in die Kinos kommen und trotzdem seinen Weg machen.

Wie fühlen Sie sich jetzt nach einer Online-Berlinale, nach einem Heimkino-Festival?

Nicodemus: Es ist natürlich Leiden auf hohem Niveau, wenn ich sage, dass ich so eine Berlinale nicht noch mal erleben möchte - jeden Tag vier bis sechs Filme online am eigenen Fernseher sehen zu müssen. Das fühlt sich sehr strange an. Ich fand es eine interessante Beobachtung, dass die Barbarisierung des Alltags genauso eintritt wie bei einer normalen Berlinale. Das Interessante ist, dass die Wäsche genauso liegen bleibt wie bei einer physischen Berlinale, bei der man jeden Tag ins Kino geht.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.03.2021 | 18:00 Uhr

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