Stand: 12.07.2019 13:52 Uhr

Grenzenlose Kunst: Cornelia Schleimes Wirklichkeit

von Martina Kothe

In der Reihe "Grenzenlose Kunst. Biographien 30 Jahre nach dem Mauerfall" stellt NDR Kultur die Malerin Cornelia Schleime vor. Bereits kurz nach ihrem Abschluss bekommt sie in der DDR Ausstellungsverbot. Dabei war ihre Kunst nie explizit politisch; sie passte einfach nicht ins System. Auch nach ihrer Ausreise in den Westen bleibt Schleime unangepasst. Sie schreibt und malt, zeichnet und inszeniert sich in surrealen Kostümen und Masken in großformatigen Fotoarbeiten, die sie später übermalt. NDR Kultur hat die Künstlerin auf dem Dorf in Brandenburg besucht.

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Cornelia Schleime wächst in Ost-Berlin auf und studiert Grafik und Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden.

In der sommerlichen Weite des Ruppiner Lands übertönt das Gezwitscher der Schwalben die wenigen Autos. Roter Backstein, weite grüne Felder. Durch ein Wellblechtor geht es zum Hinterhaus. Hier hat sich die Malerin Cornelia Schleime in einer umgebauten Scheune einen Rückzugsort geschaffen. Wohnen und arbeiten, das war für sie immer schon eins: "Ich kann nicht 'auf Arbeit' gehen, bei mir geht alles ineinander über - also, Arbeiten und Leben muss bei mir eins sein. Könnte und würde ich sonst gar nicht aushalten."

"Wirklichkeit neu erfahrbar machen"

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Wohnen und arbeiten gehen im Atelier von Cornelia Schleime ineinander über.

Vom Wohnbereich mit offener Küche geht man durch eine breite Glastür ins Atelier. Im Winter lebt und arbeitet Cornelia Schleime auf La Palma; hier sind auch ihre neuen Fotoarbeiten entstanden, die - gerade von einer Ausstellung zurück - zum Teil noch unausgepackt im Atelier stehen: "Mir geht es darum, eine Distanz zur Wirklichkeit zu beschreiben - um Wirklichkeit wieder neu erfahrbar zu machen, indem dort Störelemente sind. Und, wie gesagt, ich mache mich selber zum Werkzeug für ein Bild."

Fünf Ausreiseanträge hatte die Künstlerin gestellt, bis sie 1984, mit ihrem kleinen Sohn an der Hand, durch den Glaspalast an der Berliner Friedrichstraße in den Westen ging: "Es fiel alles von mir ab. Also, es war total verrückt. Absolut glücklich, ja. War eine unglaubliche innere Befreiung."

Enger Freund entpuppt sich als Stasi-Mitarbeiter

Die innere Befreiung währte, bekam aber nach dem Mauerfall eine bittere Note, als sich herausstellte, dass ein enger Freund Cornelia Schleimes, Sascha Anderson, ein IM der Stasi war. Schleime verarbeitete den Schock in einer inszenierten Fotoserie mit Texten aus ihrer Stasi-Akte: "Ich kann es nur, wenn es eine politische Dimension hat, die mich selber betrifft - sprich: die Stasi-Serie. Ich kann nicht irgendwo gucken, wo ein Dilemma ist - und so war ja auch mein Arbeiten in der DDR: zweckfrei. Es hatte eher surreale Aspekte, die nicht gefragt waren. Und als ich in den Westen kam, hieß es sowieso: Malerei ist out, Konzeptkunst ist in. Was mir im Westen auffiel - und so war es nie in der DDR -, dass die Theorien um ein Werk fast mächtiger sind als das Werk selber. Und das wunderte mich. Ich habe mich gefragt: Wo ist eigentlich die Kraft, die aus dem Werk spricht?"

Ausgezeichnet mit dem Hannah-Höch-Preis

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Cornelia Schleimes Arbeiten sind vielfach ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Hannah-Höch-Preis.

Kraftvoll sind sie, die Bilder Cornelia Schleimes. Oft arbeitet sie an der eigenen Biografie entlang. Die katholische Erziehung durch die Großeltern mündet Jahrzehnte später in großformatige Nonnen-Porträts. Den Tod des Vaters filtert sie für sich durch das Bildnis des leidenden Papstes Johannes Paul des II. Die Maske, die Pose, der direkte Blick und das, was dahinter sein könnte, interessieren sie. Für ihre Arbeiten ist sie vielfach ausgezeichnet worden, zuletzt mit dem Hannah-Höch-Preis. Ihre Zeit in der DDR, die Kindheit, die Jugend, das Studium, die Freunde, all das hat sie geprägt - aber die Lust, Neues zu entdecken, war immer da. Genauso wie der Mut anzuecken: "Widerständigkeit ist unabhängig vom politischen System, sondern ist immer eine Frage des persönlichen Charakters."

Übersicht

Grenzenlose Kunst: Biographien 30 Jahre nach dem Mauerfall

2019 feiern die Deutschen das 30. Jubiläum des Mauerfalls. Drei Jahrzehnte nach der Wende stellen wir zehn Künstlerinnen und Künstler vor, die einen besonderen Bezug dazu haben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 16.07.2019 | 09:20 Uhr

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