Stand: 09.02.2018 17:55 Uhr

Zu Gast bei Eugen Gomringer

von Thomas Senne

Eugen Gomringers Gedicht "ciudad (avenidas)" soll von der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin entfernt werden. Angehörige der Hochschule hatten argumentiert, die Verse "avenidas y flores y mujeres y / un admirador" seien degradierend, denn Frauen würden darin zum bloßen Objekt männlicher Bewunderung degradiert. Viel ist schon über diese Auffassung diskutiert worden; in ganz Deutschland, und auch in Oberfranken: Eine kleine Stadt im Landkreis Hof schafft nun Tatsachen, statt noch länger zu diskutieren. Unser Reporter Thomas Senne war zu Besuch.

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Eugen Gomringer wurde 1925 in Bolivien geboren.

Rehau im Fichtelgebirge. Die knapp 10.000 Einwohner zählende Kommune zeigt sich aufgeschlossen gegenüber moderner Kunst: In den Fluren des Neuen Rathauses hängen konstruktivistische Blätter, Werke von Max Bill, Otto Herbert Hajek oder eben Gedichte von Eugen Gomringer.

Seit Jahrzehnten wohnt der "Vater der konkreten Poesie" in der oberfränkischen Stadt. Natürlich hat man auch hier die Debatte um das Gomringer-Gedicht "avenidas" verfolgt, das die Fassade der Berliner Alice Salomon Hochschule ziert und wegen angeblich sexistischen Inhalts übertüncht werden soll. Vor ein paar Tagen hat sich der Rehauer Stadtrat in genau diese Debatte eingemischt und dem Lyriker mit einem eindeutigen Beschluss den Rücken gestärkt.

Gomringer freut sich über Solidarität

"Es war für uns letztendlich ein Zeichen der Solidarität, auch hin zu Eugen Gomringer, der seit Jahrzehnten in unserer Stadt wirkt und auch das Kunsthaus Rehau hier betreibt", sagt der Erste Bürgermeister von Rehau, Michael Abraham. "Deshalb war es für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir den Stadtrat mit der Frage beschäftigen, ob wir nicht dem Gedicht 'avenidas' eine Heimat geben wollen, wenn doch in Berlin die Hochschule dieses Gedicht übermalen möchte. Es ist immer schade, wenn ein solches Werk von einer Wand verschwindet. Und deswegen haben wir uns spontan dazu bereit erklärt, hier eine Wand für das Gedicht zur Verfügung zu stellen." Abraham erzählt, dass der umstrittene Text im kommenden Frühjahr auf die Giebelwand eines repräsentativen Jugendstil-Gebäudes angebracht werden soll: mitten im Herzen der Stadt auf dem Maxplatz.

Besonders freut sich darüber Eugen Gomringer. Von der unverhofften Unterstützung durch die Stadt ist der 93-Jährige sichtlich angetan: "Ich finde es sehr schön, wie ich überhaupt eine sehr gute Beziehung habe zur Gemeinde hier. Die Gemeinde tut viel für die Kunst. Übrigens sechs Stellen in Deutschland wollen das Gedicht auch."

Kommentar
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"Ich habe sie als Ignoranten bezeichnet"

Und das dürfte die Auseinandersetzung über die Freiheit der Kunst in der Republik weiter befördern. Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht in der Übertünchung des Poems einen "erschreckenden Akt der Kulturbarbarei". Kunst und Kultur bräuchten den Diskurs. Wer dieses Grundrecht durch vermeintliche 'political correctness' unterhöhle, betreibe "ein gefährliches Spiel", so Grütters. Eugen Gomringer hingegen kann den ganzen Wirbel um das aus seiner Sicht harmlose Gedicht nicht verstehen. Der in Bolivien geborene Schweizer wirft den Kunstzensoren der Berliner Alice Salomon Hochschule Ignoranz vor: "Ich habe sie als Ignoranten bezeichnet. Einfach weil die sich gar nicht informiert haben. Ich habe ihnen gesagt: Das Gedicht hat ja keine Eigenschaftswörter, sondern es sind nur Hauptwörter. Ich sage ja nicht 'schöne Frau', sage nicht 'schöne Blumen, schöne Straßen'. Ich sage nur, Straßen, Blumen und Frauen sind da. Ich beurteile die gar nicht. Das hätte man auch merken sollen. Es ging mir vielmehr um die Struktur."

Zeichen für die Kunstfreiheit

1953 erschien "avenidas" als programmatisches Gedicht auf Spanisch neben anderen Werken in Gomringers Buch "konstellationen". "Damit wollte ich eigentlich eine neue Poesie einführen. Ich habe auch ein Manifest dazu geschrieben, 'vom Vers zur Konstellation'", erinnert sich Gomringer.

Das Gedicht kennzeichnet den Beginn der "konkreten Poesie". Es entstand nach einer Spanien-Reise Gomringers, unter dem Eindruck der breiten Alleen von Barcelona. "Ein neues freundliches Straßenbild, und da kamen eben die Blumen vor, die Frauen, die Straßen. Und ich war der Bewunderer", so Gomringer.

Inzwischen hat der Dichter selbst Bewunderer - und Unterstützer. Aus Protest gegen die Übermalung seines Gedichtes an der Alice Salomon Hochschule zeigt die Berliner Akademie der Künste an der Fensterfront ihres Gebäudes am Brandenburger Tor nun einen anderen Text des Autors und Akademiemitglieds, nämlich dessen berühmte Arbeit "schweigen". So wandert ein Gedicht von Berlin nach Rehau, ein zweites erscheint neu an anderem Ort in Berlin: zwei sichtbare, lyrische, unmissverständliche Zeichen für die Kunstfreiheit.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 12.02.2018 | 07:40 Uhr

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