Stand: 30.10.2017 17:46 Uhr

Zaimoglu: "Diese Worte hatten eine Wirkung"

500 Jahre Reformation - nun gehen die Feierlichkeiten in der Lutherstadt Wittenberg mit diversen Veranstaltungen zu Ende. Feridun Zaimoglu hat sich ebenfalls mit der Reformation und Martin Luther intensiv beschäftigt und den Roman "Evangelio" darüber geschrieben.

Herr Zaimoglu, seitdem "Evangelio" im Frühjahr erschienen ist, ist viel passiert: Sie waren unentwegt mit dem Buch auf Reisen und sind es immer noch. Ist das für Sie normal, waren Sie bei Ihren Büchern immer so oft unterwegs? Oder ist das mit "Evangelio" besonders?

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"Ich kam als ein anderer aus dieser Geschichte heraus", sagt Feridun Zaimoglu.

Feridun Zaimoglu: Ich gehöre zu den Schriftstellern, die sich mit jedem Buch auf diese Reisen begeben, aber ich muss sagen, mit diesem Buch "Evangelio" übertrifft es alles andere. Ich bin fast jeden Tag unterwegs - es gibt ein paar Sonntage, an denen ich schnell nach Kiel fahren kann, um am nächsten Tag wieder loszufahren. Es hat mit diesem Jahr zu tun, aber auch mit etwas, was in der Kultur lange Zeit als abgetan, als alt oder als Artikel einer versunkenen Welt galt, nämlich mit dem Glauben.

"Evangelio" ist ein Buch über Martin Luther, über den Protestantismus. Mit der Religion, den Kirchen ist es ja in Deutschland nicht überall gut bestellt. Auch die Bilanz des Reformationsjubiläums sieht nicht ganz so rosig aus, wie man sich das gewünscht hätte. Wie ist Ihr Buch an den unterschiedlichen Orten aufgenommen worden?

Zaimoglu: Tatsächlich war ich in ganz Deutschland unterwegs, aber auch im katholischen Österreich. Ich habe in katholischen und in evangelischen Kirchen gelesen, also auch an Orten, in die es nicht immer nur literaturinteressierte Menschen hinzieht. Es macht mich ein bisschen verlegen, ich sage es aber trotzdem: Das Buch stößt auf Gegenliebe. Ich habe mir nicht die besonders bekloppte Frage gestellt: Was kann Luther uns heute sagen? Ich habe in einer Sprache, den Worten nachempfunden, die man damals sprach, das Buch verfasst. Es freut mich sehr, dass die Menschen das Buch annehmen. Es kommt aber auch vor, dass einige Menschen, die sich ein anderes Bild gemacht haben, aufstehen und weggehen - aber sehr höflich, ohne Türen zuzuknallen. Ich bin selber überrascht über die gnädige Aufnahme des Buches.

Gab es denn Unterschiede? Hat man das Buch insbesondere im Osten von Deutschland anders rezipiert?

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Zaimoglu: Natürlich kommt Martin Luther aus dem heutigen Osten Deutschlands, und natürlich könnte man sagen: Da ist die DDR-Vergangenheit und es interessiert die Menschen dort weniger. Das kann ich so nicht bestätigen. Ich kann nur sagen, dass es die einen gibt, die ihn als einen brausenden Gottesmann ansehen, und andere wiederum, weil er von dort kommt. Im katholischen Süden, überspitzt gesagt, gedenkt man ja der Reformation wie der Toten der beiden Weltkriege. Und da muss ich sagen, dass die eine oder der andere schon darauf hinweist: Das war schon ein Befreiungsschlag, und wir Katholiken oder wir im Vatikan haben uns danach ein bisschen zusammengerissen.

Allgemein gilt, dass man das Buch deswegen annimmt, weil hier kein Leisetreter daherkommt. Ich schildere ihn als einen Menschen aus Fleisch und Blut, aber auch als einen unerschrockenen, großen Deutschen. Ich scheue mich auch nicht, in diesem Buch die ganzen Finsternisse zu zeichnen, denn schließlich bin ich ja ein Schriftsteller.

Sie haben sich sehr in die Sprache Martin Luthers hineinversetzt. Vielen ist die Sprache zu derb, zu wuchtig, zu schroff, in jedem Fall ist sie an einigen Stellen nicht sehr elegant, an anderen durchaus. Was hat diese Sprache mit Ihnen gemacht?

Zaimoglu: Ich versuche mich in jedem Buch der Protagonistin oder dem Protagonisten anzuverwandeln. Als Geist, der sich in die Geschichte, in Martin Luther und in den Ich-Erzähler, einen katholischen Landsknecht, hineinversetzt, musste und wollte ich mich nicht um heutige Empfindlichkeiten kümmern. Um nichts zu verzeichnen und zu verstellen, musste ich - hart an den Fakten orientiert - Worte finden, die ihm nicht einfach etwas auf den Mund legen, Worte, die seiner Christlichkeit, seinem Christsein und seinem Saus und Braus als streitbarer Gottesmann gerecht werden. Ich habe versucht, einen großen, heftigen Gesang von der großen Gottesanrufung zu verfassen.

Hat Sie das verändert?

Zaimoglu: Ich habe dieses Buch nach eineinhalb Jahren Recherche in dreieinhalb Monaten, wie im Fieberwahn, niedergeschrieben. Tatsächlich bin ich nicht ungeschoren davongekommen. Die Worte drangen in mich ein, sie schlierten in meine Träume. Ich konnte nicht sagen: So, jetzt habe ich mein Tagessoll erfüllt, und bis morgen ruht die Geschichte. Nein, ich kam als ein anderer aus dieser Geschichte heraus, denn diese Worte machten etwas aus mir. Ich musste bluten, ich musste büßen, ich musste hart kämpfen. Man denkt ja: Der Schriftsteller verfasst eine Geschichte, und das sind nur Worte. Aber diese Worte hatten eine Wirkung und einen Nachhall. Und ich kann immer noch nicht sagen, dass ich wirklich aus meinem Roman ausgestiegen bin.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.10.2017 | 19:00 Uhr

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