Stand: 13.06.2018 17:16 Uhr

FIFA WM 2018: "Das deutsche Team ist kein Titelkandidat"

Die FIFA Fußball-WM in Russland steht in den Startlöchern: Das bedeutet für die kommenden viereinhalb Wochen: viel Show, viel Politik und - auch ein bisschen Sport. Wolfram Eilenberger ist Philosoph, Publizist und DFB-zertifizierter Fußballtrainer.

Herr Eilenberger, bis zum heutigen Tag war die FIFA Fußball-WM 2018 bereits überschattet von Boykott-Aufrufen, Doping-Vorwürfen, Bau-Skandalen, Einreise-Querelen für Journalisten usw.. Dürfen wir uns trotzdem vorbehaltlos auf die WM freuen?

Bild vergrößern
Wolfram Eilenberger freut sich wie ein Kind auf die FIFA Fußball-WM.

Wolfram Eilenberger: In der Fragestellung, ob man sich auf etwas freuen soll, ist ja vorausgesetzt, dass man Affekte kognitiv so steuern könnte. Ich freue mich; ich weiß, dass diese Freude getrübt sein sollte, ich weiß, dass es viele Probleme gibt - aber man kann Affekte nicht derart verordnen, Ich glaube, es geht mir da wie vielen anderen in diesem Land: Ich freue mich ganz unbedingt und fast kindisch. Und mein Empörungskontingent, was diese politischen Fragen angeht, ist im Lichte der letzten zehn, 15, 25 Jahre sportpolitisch ein bisschen erschöpft. Ich finde einfach nicht die Energie in mir, mich auf diese Weise noch zu erregen.

Ganz idealtypisch sollten Sport und Politik voneinander getrennt sein - aber das gibt es eigentlich überhaupt nicht mehr. Warum? Ist es nicht so, dass Sport innerhalb einer Gesellschaft stattfindet und dadurch automatisch politisch ist?

Eilenberger: Das ist wie im Raum: Der hat eine Höhe, eine Länge und eine Breite. Und jedes Ereignis, das viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, hat auch eine politische Dimension, insbesondere eines, das für mehrere Wochen Milliarden von Menschen bannt und in seinen Einfluss zieht. Deswegen ist es ganz klar, dass es immer eine politische Dimension gibt. Ich glaube, es ist auch für Journalisten wichtig zu sagen: Es gibt sie auch gerade dort, wo sie implizit bleibt. Beispielsweise wurde die deutsche Nationalmannschaft durch Frau Merkel auch extrem politisiert, vereinnahmt und instrumentalisiert. In der Selbstbeschreibung der Deutschen spielt die Nationalmannschaft als multikulturelles Leitbild eine sehr wichtige Rolle. Das ist auch eine Form von Politisierung. Sie tritt also nicht nur dort auf, wo Missbrauch stattfindet, sondern auch im mutmaßlich positiven und produktiven Sinne.

Wir Deutschen tun uns normalerweise sehr schwer mit Deutschtümelei und Nationalismus. Es sei denn, es geht alle zwei Jahre um die deutsche Nationalmannschaft: Dann sind wir auf einmal in einem Taumel und brüllen: "Deutschland, Deutschland!" Macht das nicht ein bisschen Gänsehaut?

Kommentar

Brot und Spiele?

Fußball, so heißt es, ist eine Weltmacht; und selten war der politische Charakter einer Weltmeisterschaft so offensichtlich wie 2018 in Russland. mehr

Eilenberger: Es ist in dieser Diskussion schon mal gut, wenn man den Patriotismus vom Nationalismus trennt. Weil der Patriot hält das Eigene für etwas, was ihm liebenswert erscheint, ohne andere dadurch erniedrigen oder schlechtreden zu müssen. Und die Art und Weise, wie in Deutschland die Nationalmannschaft gesehen wird, hat eher etwas Positives, so einen hellen Patriotismus, der sehr wenig Dunkles, Zerstörerisches oder Herrisches hat. Wenn ich an das 7:1 der Deutschen gegen Brasilien denke und die Art und Weise, wie danach mit dem Gegner umgegangen wurde, dann war das ein großes Beispiel dafür, wie eine Nation sich als Mannschaft präsentieren kann und sich selbst patriotisch stolz fühlen kann, ohne andere erniedrigen zu müssen. Das heißt, dass es so etwas wie Heimatliebe gibt und dass diese Mannschaft viel verkörpert von dem, was wir auch sehen wollen und wie wir von der Welt gesehen werden wollen - das finde ich ganz gut. Problematisch wird es dann, wenn man sich nur freuen kann, wenn andere auch erniedrigt werden - und das gibt es leider auch im Fußball.

Ganz tugendhaft könnte man sagen: Der Fußball ist ein Gegenmodell zur allgegenwärtigen Egomanie: Da sind elf Freunde, die bilden ein Team und sie sind nur gemeinsam stark. Das liebe ich als Fußball-Fan, weiß aber natürlich: Das sind elf millionenschwere Ich-AGs, denen ich als Fan vollkommen egal bin. Warum habe ich trotzdem diese unglaubliche Faszination für dieses Spiel, für diese elf Jungs in kurzen Hosen?

Eilenberger: Fußball, wie fast alle Mannschaftssportarten, stellt eine Herausforderung dar, die wir alle aus unserem Leben kennen: unsere individuellen Präferenzen und Interessen mit denen anderer auszumitteln und sie unter ein gemeinsames Ziel zu stellen. Dass Mannschaftssportarten und der Fußball unter dem Verdacht stehen, dass sie unser ganzes Leben repräsentieren, das zeigt sich eben auch in dieser ganz speziellen Anforderung. Sie haben Recht: Die Egoismen, der Starkult, die finanziellen Interessen, die für jeden einzelnen Spieler auf dem Spiel stehen, sind ganz enorm - sie tragen aber auch zur Energie und zu einer positiven Reibung bei. Ich habe schon das Gefühl, dass Herr Löw und Herr Bierhoff über die Jahre ein sehr gutes Modell gefunden haben, diese Spannung einerseits aufrechtzuerhalten und etwas zu leisten, was mit den deutschen Nationalmannschaften in besonderer Weise verbunden wird: den Teamgeist. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern, die in der Vorbereitung große Probleme haben, sind die Probleme, die wir mit Herrn Gündogan und mit Herrn Özil beispielsweise gerade erleben, relativ klein. Diese Mannschaft wird, glaube ich, doch geschlossen und gut als Team auftreten.

Weitere Informationen
Panorama 3

Furcht vor Hooligans bei der WM

12.06.2018 21:15 Uhr
Panorama 3

Russische Hooligans gelten seit der EM 2016 als besonders brutal. Wie geht die Polizei damit um? Und was machen deutsche Hooligans? Panorama 3 hat sich umgehört. mehr

Sehen wir in der FIFA-Entscheidung, die Fußball-WM 2026 in Kanada, in den USA und in Mexiko auszutragen, das große internationale Shakehands? Zwischen den USA und Mexiko soll ja eine Mauer gebaut werden.

Eilenberger: Das wird sicherlich ein Narrativ, eine Deutung oder ein Spin, wie man das heute nennt, sein, diese Entscheidung. Tatsächlich ist das viel nüchterner: Es gab einen Kandidaten, der infrastrukturell bereit war, diese WM auszurichten: Kanada, USA, Mexiko. Und es gab ein Land, das kurz den Finger gehoben hat, perspektivisch, dass sie vielleicht in 15, 16 Jahren sich noch einmal bewerben können: Marokko. Es war also kein ernster Wettbewerb. Eine Entscheidung für Marokko wäre in keinster Weise mit den Kriterien der FIFA vereinbar gewesen.

Abschließend muss ich Sie als Philosophen aber vor allen Dingen Sie als Fußballtrainer fragen: Wer wird Weltmeister?

Eilenberger: Ich fürchte, nach der Entscheidung, den spanischen Nationaltrainer zu entlassen, dass Brasilien jetzt als Favorit gelten muss, weil das an der spanischen Mannschaft nicht spurlos vorbeigehen wird. Ich habe eine ganz irrationale und schöne Hoffnung, dass das Team von Kolumbien die große Überraschungsmannschaft sein wird. Ich würde sie gerne im Finale sehen, und dann ist alles möglich.

Ich habe nicht ein einziges Mal "das deutsche Team" aus ihrem Munde gehört?

Eilenberger: Nein. Das ist eine gewisse Hoffnung, aber plausiblerweise ist das deutsche Team dieses Jahr kein Titelkandidat. Das Halbfinale wäre großartig, das Viertelfinale vernünftig. Es kann aber auch sein, dass die deutsche Mannschaft etwas erleidet, was die spanische Mannschaft als Titelverteidiger vor vier Jahren erlitten hat: dass sie früh kollabiert. Wir haben eine relativ starke Vorgruppe, und ich wäre mir gar nicht so sicher, dass das so rundgeht.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.06.2018 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

28:13
NDR Info
43:36
Unsere Geschichte

Als die Jeans noch Nietenhose hieß

22.09.2018 11:30 Uhr
Unsere Geschichte
58:33
NDR Fernsehen

Lüneburg und die "Roten Rosen"

20.09.2018 14:15 Uhr
NDR Fernsehen