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Wo verlaufen die Grenzen der Meinungsfreiheit?

Stand: 07.05.2021 16:38 Uhr


Das PEN-Zentrum feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Ein Gespräch mit Regula Venske, der Präsidentin der Schriftstellervereinigung PEN in Deutschland, über 100 Jahre "Freiheit des Wortes".

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Frau Venske, 100 Jahre "Freiheit des Wortes" - was gehört aus Ihrer Sicht zu dieser Freiheit dazu?

Regula Venske: Wenn man sich diese 100 Jahre anguckt, dann sind es nicht nur 100 Jahre "Freiheit des Wortes", sondern vor allen Dingen auch 100 Jahre mit schrecklicher Unterdrückung der Freiheit des Wortes. Ob das in Deutschland ab 1933 war oder in vielen anderen Ländern der Welt. Es gehört immer dazu, dass wir selber lernen solche Gespräche zu führen, die in der Sache vielleicht kontrovers sind, aber im Ton und Stil doch zivilisiert. Auf Englisch ist das sehr schön formuliert: "We agree to disagree" - wir stimmen darin überein, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Und dass man das aber auch aushalten kann und Kritik ertragen lernt - und nicht denkt, dass wenn der andere einen kritisiert, dann sei die Meinungsfreiheit bedroht.

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Wenn wir uns angucken, wie die Situation international ist, dann werden wir sagen müssen, dass wir unsere aufgeregten Diskurse etwas herunterschrauben könnten und uns manchmal schämen müssten, wenn man sich da selber mit hineinziehen lässt. Wenn es um Begriffe geht wie "Corona-Diktatur", dann muss man sich mal angucken, was wirklich in Diktaturen geschieht, und was für ein kostbares Gut die Meinungsfreiheit ist. Ich meine auch, dass man das als Schulfach unterrichten müsste. Das wäre ein spannendes Fach, in den man viele Fächer einbinden könnte. Das wäre Geografie und Geschichte - man könnte auch das Debattieren selber einüben.

Der Börsenverein hat als Aufschlag der "Woche der Meinungsfreiheit" die "Charta der Meinungsfreiheit" formuliert, die jede und jeder unterschreiben kann. Man kann sie sich im Internet angucken und im Freundes- oder Familienkreis über die einzelnen Punkte diskutieren, bei denen wir alle angesprochen sind.

Bei einem Punkt steht, Meinungsfreiheit verpflichte zu einem Umgang, der von gegenseitigem Respekt, Zuhören, Ausredenlassen, Reflexion und argumentativem Abwägen geprägt ist. Das klingt manierlich, fast allzu pädagogisch. Wo bleiben da die Emotionen, von denen wir - gerade in meinungsstarken Auseinandersetzungen - begleitet und geleitet werden? Sollen die außen vor bleiben?

Venske: Nein, wir sind ja Menschen und keine Roboter. Natürlich haben wir Emotionen. Aber wenn man sich wirklich fruchtbar streiten will, dann ist es manchmal auch gut, mit dem Bemühen zuzuhören, die Emotionen außen vor zu lassen, weil uns Emotionen oft täuschen. Man ist dann schnell mit Unterstellungen bei der Hand, mit Missverständnissen, und man tut gut daran, ab und zu mal zu sagen: Jetzt bemühe ich mich mal, das sachlich zu betrachten.

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"Streitlust" - ein Wort, das Sie kürzlich in einem Interview gesagt haben. Da ist mir aufgefallen: Streiten und Lustvolles schließen sich nicht aus - wird das heute allzu oft vergessen?

Venske: Ich glaube, ja. Das erleben wir auch tagtäglich. Das ist aber eine hohe Kunst. Ich denke da an das Vorbild der englischen Debattierclubs, die das richtig eingeübt haben. Das gibt auch in unseren Schulen, dass man verschiedene Positionen übernimmt. Das muss sich gar nicht immer mit dem decken, was die Schülerinnen und Schüler selber zu einem Thema denken, sondern sie üben ein, für eine andere Position zu diskutieren. Man schlüpft in die Rolle des Anderen, verlässt sie dann aber auch wieder. Das ist eine sehr gute Schulung, damit man mal lernt, die Welt mit den Augen des Anderen zu sehen. Das ist im Grunde auch etwas, was die Literatur lehrt: Wer viel liest, der nimmt auch viele andere Meinungen zur Kenntnis. Das ist schon sehr hilfreich, um über den eigenen Tellerrand zu gucken. Denn wir sind alle begrenzt, können aber alle voneinander lernen.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer.

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NDR Kultur | Journal | 07.05.2021 | 18:00 Uhr