Stand: 01.04.2020 18:35 Uhr  - NDR Kultur

"Hat die Künstlichkeit das Menschliche gekapert?"

Christian Wittmann und Georg Zeitblom sind zwei Bayern in Berlin, die seit mittlerweile zehn Jahren als Duo wittmann/zeitblom komplexe Hörspiele produzieren. Ihr aktuelles Werk heißt: "Tell Me Something Good, Stockhausen". Ausgehend von Stockhausens "Gesang der Jünglinge" meditieren wittmann/zeitblom über das Ende alter Ordnungen und einen neuen Schöpfungsmythos. 

"Tell Me Something Good". Das ist eine Formel, die Google erfunden hat, um gute Nachrichten anzuzeigen. Diese Formel trifft nun in Ihrem neuen Werk auf Stockhausen, den Pionier der elektroakustischen Kunst. Wie geht das zusammen?

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Der Komponist Karlheinz Stockhausen gehörte zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts. Er hat besonders die Arbeit mit der elektronischen Musik geprägt und weiterentwickelt.

Christian Wittmann: Wir sind im Laufe der Recherche zu Stockhausen eher zufällig auf den "Tell Me Something Good"-Modus von Google gestoßen. Diese Maschine schien uns recht viel über unsere medial geprägte Gegenwart zu erzählen. Dann haben wir uns bei der Recherche die Lectures von Stockhausen angehört - aus einer zitieren wir im Hörstück. Darin verlangt er, dass man die Methodik verändern müsse, um neue Erfahrungen machen zu können, und dass diese neuen Erfahrungen dann zu einem neuen Menschenbild führen.

Wir glauben, dass ihm die Idee des "Tell Me Something Good"-Modus der Google-Maschinen, nur die Idee, gefallen hätte. Der Modus gibt vor, ausschließlich positive Nachrichten in die Welt zu setzen und damit auch die Veränderung der Haltung zur Welt zu lenken. Andererseits ist Google eines der größten kapitalistischen digitalen Monster unserer Zeit. So kann man den Titel auch ironisch lesen.

Das Hörstück ist auch eine Art Anrufung an Stockhausen, uns aus der ewigen kapitalistischen Gegenwart zu erlösen. Die Maschine ist dabei immer die Schnittstelle zwischen der Gegenwart und einer möglichen, erneuerten Zukunft. Da gibt es wieder starke Analogien zu Stockhausens Werk "Gesang der Jünglinge", wovon wir ursprünglich ausgegangen sind.

Was hat Sie an "Gesang der Jünglinge" inhaltlich und formal als Ausgangspunkt für die Arbeit an diesem Hörspiel gereizt?

Georg Zeitblom: "Gesang der Jünglinge" ist ein zentrales Stück für die Entwicklung der elektronischen Musik gewesen, in dem Stockhausen versucht hat, zum ersten Mal die Synthese von Elektronik und Stimme zu bilden. Er hatte damals einen 12-jährigen Knaben für dieses Stück engagiert, einen Sopran, der die menschliche Stimme gesungen hat und es war auch das erste Mal, dass jemand die Stimme verfremdet, diese Stimme in elektronische Musik einbindet. Es war auch konzipiert für eine Fünf-Kanal-Komposition, was aber am Schluss nur als Vier-Kanal-Komposition aufgeführt wurde. Uns hat die Weiterführung interessiert: Dieser Gedanke, mit der menschlichen Stimme und Elektronik zu arbeiten.

Wittmann: Das Ergebnis sind 12 rein digitale Gesänge, in denen wir aber nicht diesen gern zitierten Kampf zwischen Mensch und Maschine, also zwischen Schöpfer und Geschöpf inszenieren wollten, sondern stattdessen ausschließlich das Geschöpf erzählen lassen.

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Tell Me Something Good, Stockhausen!

01.04.2020 20:00 Uhr
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1956 revolutionierte Karlheinz Stockhausen mit dem "Gesang der Jünglinge" die elektroakustische Kunst. Inspiriert von seinen Ideen meditiert das Hörspielduo wittmann/zeitblom über einen neuen Schöpfungsmythos. mehr

Die Mensch-Maschine hat Sie ja schon in der Bauhaus-Arbeite beschäftigt. In "Tell Me Something Good" ist der Fokus verrückt worden - hier steuert jetzt nur noch die Maschine. Was fasziniert Sie an diesem Diskurs um künstliche Intelligenz?

Wittmann: Die künstliche Intelligenz wird immer relevanter für unser Menschenbild. Zum Beispiel die Frage, wohin das alles mit den exponentiell wachsenden Rechnerleistungen läuft, Datenverarbeitungspotenzialen, die dann letztlich zu immer mehr Simulation von Menschlichem durch Maschinen führen. Das wirft für uns als Hörspielmacher und Autoren immer wieder die spannende Frage auf, wie menschlich die künstliche Intelligenz bereits ist? Oder andersrum gesehen: Wie weit die Künstlichkeit das scheinbar Menschliche, was nur der Mensch sein kann, bereits gekapert hat.

Irgendwann werden sich diese Fragen nicht mehr verdrängen lassen: Wer oder was verwaltet, verodnet? Wer führt Krieg? Wer oder was erlässt die Gesetze, trägt die Verantwortung? Diese Fragen sind sehr herausfordernd und interessant fürs Hörspielmachen - wenn man es nicht nur theoretisch durchspielt, sondern konkret machen muss, in Form von Figuren im Hörspiel.

Herausfordernd ist das nicht nur für uns, sondern auch für den Hörer. Beide Seiten müssen sich auf ein Spiel mit vielen Unbekannten und dem Unvollkommenen einlassen. So ein Hörspiel kann nie die ganze Welt abbilden, auch wenn wir das versuchen, aber wir können nur aus unserer Sicht heraus die Welt zeigen. Diese Herausforderung kann beide Seiten in der Weltbetrachtung weiterbringen.

Inhalt und Form kommen hier zusammen: Die theoretischen Fragestellungen finden ihre Entsprechung in dem futuristischen Klang Ihres Hörspiels. Das Stück ist bei uns in einer Stereofassung und in einer sogenannten "binauralen" Fassung abrufbar: Was genau ist das und wie stellt man so etwas her?

Zeitblom: Die Stereofassung ist die bekannte Fassung, die im Radio laufen kann und die binaurale Fassung ist eine spezielle Mischung, die einen 360-Grad-Klangraum abbildet, den man nur über Kopfhörer erfassen kann. Mit modernster Technologie zu arbeiten, ist bei uns ganz wichtiger Bestandteil. Wir fordern uns selbst immer wieder, weiterzugehen und neue Erfahrungsräume zu erforschen. Dazu gehört auch das binaurale Hören.

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Tell Me Something Good, Stockhausen!

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1956 revolutionierte Karlheinz Stockhausen mit dem "Gesang der Jünglinge" die elektroakustische Kunst. Inspiriert von seinen Ideen meditiert das Hörspielduo wittmann/zeitblom über einen neuen Schöpfungsmythos. NDR/DLF/BR 2020. ndr.de/radiokunst Audio (61:14 min)

Für die Hörerinnen und Hörer, die das ganz genau wissen wollen und das nachfühlen wollen: Wir haben auf unserer Webseite beide Fassungen zur Verfügung gestellt. Man kann das Testhören. Wo im Stück in seiner binauralen Fassung ist der Unterschied besonder gut erlebbar?

Zeitblom: Die binaurale Mischung, die erweitert ja eben vor allem den Hörraum. Das funktioniert immer dann besonders gut, wenn Musik, Geräuschhaftes und Sprache zur gleichen Zeit auftauchen, was unseren Erzählweisen extrem entgegenkommt, weil bei uns die Sprache nie alleine steht, sondern immer von Musik und Geräuschen umgeben ist. So gesehen ist die binaurale Mischung über die gesamte Länge des Hörstücks ein Gewinn für die Hörer, weil sie eben dadurch mitten im Geschehen stehen können.

Man kann sich das vielleicht ein bisschen vorstellen wie bei einem Tafelbild und einer Holografie: Wenn man vorm Tafelbild steht, sieht man diese Zweidimensionalität des Bildes. Bei der Holografie denkt man, obwohl es ebenso nur ein Bild ist, man könnte sie greifen. So ähnlich ist das, wenn man mitten im Geschehen einer binauralen Inszenierung steht, die Sounds sind wie zum Greifen, man möchte fast hinfassen. Das hat eine andere Tiefenschärfe, würde man in der Fotografie sagen, eine andere Tiefe als das Stereobild.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Karlheinz Stockhausen © imago images / Kai Bienert

"Hat die Künstlichkeit das Menschliche gekapert?"

NDR Kultur - Journal -

Christian Wittmann und Georg Zeitblom im Gespräch über ihr neues Hörspiel "Tell Me Something Good, Stockhausen" und moderne Hörspieltechniken.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.04.2020 | 19:00 Uhr

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