Stand: 23.01.2019 17:08 Uhr

"Die Überlebenslüge der frühen Bundesrepublik"

Der vielfach preisgekrönte Journalist und Autor Willi Winkler hat ein neues Buch geschrieben: In "Das braune Netz" beschreibt er, "wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde".

Herr Winkler, warum jetzt so ein Buch? Wollen Sie die Deutschen zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes daran erinnern, was da mitgeschleppt wird?

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"Die Bundesrepublik war nicht von vornherein eine reine Demokratie, an der wir uns heute erfreuen", betont Willi Winkler.

Willi Winkler: Ich möchte die Feierlaune schon ein bisschen stören. Man muss daran erinnern, dass der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, 1933 dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hat, also für die Abschaffung der Weimarer Demokratie. Und der begründet als Staatsoberhaupt die neue Demokratie.

Ich möchte auch daran erinnern, dass der erste Bundeskanzler, der ein Opfer des Dritten Reiches war, Konrad Adenauer, gleichzeitig der Mann ist, der sagt: Wir müssen mit dieser Nazi-Riecherei Schluss machen, wir brauchen Tabula rasa. Ich möchte daran erinnern, dass es nicht von vornherein eine reine Demokratie war, an der wir uns heute erfreuen. Dazu brauchte es noch sehr lange.

Viele Geschichten, die Sie erzählen, sind nicht unbekannt. Sie legen allerdings Wert darauf, dass etwa Adenauers langjähriger Kanzleramtschef, der Jurist Hans Globke, der im Dritten Reich Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassengesetze war, entgegen der "reinen Lehre", wie Sie schreiben, eine "teilbraune Eminenz" gewesen sei. Was bedeutet das?

Winkler: Er konnte sich nach 1945 als Widerständler ausgeben - das nennt man vermutlich Pragmatismus, Machiavellismus oder was auch immer. Er war ja ein Kronzeuge in den Nürnberger Prozessen, im Wilhelmstraßen-Prozess, zum Beispiel gegen Ernst von Weizsäcker. Er war der ideale Mann als Schießbudenfigur, insofern, als er die Pfeile auf sich gezogen hat. Er war der Böse, der Überlebende aus dem Dritten Reich. Aber wenn er akzeptiert war, wenn er weitermachen konnte, dann konnten das Millionen ehemaliger Parteigenossen auch. Globke war nicht in der NSDAP, aber er hat die Judenvernichtung ermöglicht, er hat das Handbuch dafür teilformuliert und kommentiert. Er ist auch der gewesen - weil er erpressbar war -, der dafür gesorgt hat, dass die Bundesrepublik Deutschland zum ersten Mal Entschädigungszahlungen an Israel geleistet hat - gegen den Widerstand der FDP und zu großen Teilen auch der CDU. Er verkörperte in seiner Person die ganze Ambivalenz dieser Nachkriegszeit, dass man dabei gewesen sein konnte und behaupten konnte, Widerstand durch Mitarbeit geleistet zu haben. Das ist die Überlebenslüge der frühen Bundesrepublik.

Es hat Netzwerke früherer Nazis in vielen Bereichen gegeben - in der Politik, der Justiz, in Medien, in akademischen Kreisen. War das nun eine Welt aus Netzen oder tatsächlich ein "braunes Netz", das sich einem Ziel verschrieben hatte, womöglich gar einer Verschwörung ähnlichsah?

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"Das braune Netz" ist im Rowohlt Verlag erschienen und kostet 22,00 Euro.

Winkler: Das wurde zum letzten Mal 1953 in der Naumann-Verschwörung versucht: die ehemaligen Gauleiter zu versammeln, die FDP zu unterwandern und so eine Art Staatsstreich herbeizuführen. Nein, man kann sagen, dass bis Mitte der 60er-Jahre die größte Fraktion im Bundestag die der ehemaligen NSDAP-Mitglieder gewesen wäre - aber sie haben längst begonnen, sich an die neuen Verhältnisse anzupassen. Wer im Dritten Reich in der Verwaltung ein Opportunist war, der war es in der Bundesrepublik wieder. Diese Gesamt-Verschwörung gegen die Bundesrepublik hat nie stattgefunden, sondern die Verschwörung war eine des Schweigens: Wir reden nicht über das Vergangene, wir sind uns aber auch keiner Schuld bewusst.

Entscheidend dafür, dass alles so funktionieren konnte, war auch ein stabiles Feindbild, der Kommunismus. Hat das "braune Netz" dieses Feindbild ganz bewusst mit erschaffen, hat es benutzt, was im sich anbahnenden Kalten Krieg ohnehin in der Luft lag?

Winkler: Das wurde bruchlos fortgeführt. Hitler hatte die jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung bekämpft, und 1945 dachten nicht wenige, jetzt würde der Kampf weitergehen, nur mit Unterstützung der Amerikaner, denn alleine war man zu schwach. Der spätere Generalinspekteur der Bundeswehr Ulrich de Maizière hat 1945 gedacht, als er Gefangener war: Jetzt helfen uns die Amerikaner und wir marschieren gegen Russland. Das ging dann seltsamerweise nicht mehr, aber das Feindbild blieb das gleiche, zumal die Zonengrenze sehr nahe war. Die Bundesrepublik etablierte sich mit diesem Feind und wurde groß und mächtig.

Sie geben ihrem Buch einen knappen Schluss mit, der in den Jahren 1969 und 1970 spielt. Auch die Zeittafel schließt mit Willy Brandts Wahl zum Bundeskanzler. Die von Adenauer als Abendlandsuntergangsgespenst attackierte SPD regiert. War damit nun alles gut? Warum keine Fortschreibung in die Gegenwart?

Winkler: Das wäre ein anderes Buch, da haben Sie schon recht. Aber für mich war in der Rekonstruktion 1969, als Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt wird, tatsächlich, wie er es gesagt hat, ein Stück Machtwechsel erreicht. Es war möglich, die alten Mächte abzulösen, dass ein Immigrant Bundeskanzler wird, Willy Brandt - und nicht, wie sein Vorgänger, ein NSDAP-Mitglied.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.01.2019 | 19:00 Uhr

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