Menschen in einem modernen Büro © Bildagentur-online/Blend Images Foto: Roberto Westbrook

Christoph Bartmann erklärt moderne Arbeitsplätze

Stand: 14.06.2021 16:11 Uhr

Während der Corona-Pandemie haben viele Menschen im Homeoffice gearbeitet. Christoph Bartmann hat sich mit dem Phänomen Büro beschäftigt. Er leitet das Goethe-Institut in Warschau und hat das Buch "Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten" geschrieben.

Menschen in einem modernen Büro © Bildagentur-online/Blend Images Foto: Roberto Westbrook
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Herr Bartmann, wie ist ihre Arbeitssituation? Waren sie in den letzten Monaten im Homeoffice? Sind sie immer noch dort? Oder füllt sich das Institut in Warschau auch so langsam wieder?

Christoph Bartmann: Ja, es füllt sich langsam wieder. Vielleicht sind wir im Juli oder August wieder einigermaßen normal präsent. Ich war in den letzten 15 oder 16 Monaten vielleicht zwei Drittel meiner Zeit in Deutschland und bin seit einigen Wochen überwiegend wieder am Dienstort. Es gab ja auch diese Grenzschließungen, weil Polen eine Weile Hochinzidenzgebiet war, und es gab einige Gründe, alles auf digital zu stellen, was wir auch getan haben.

In vielen Bereichen stehen wir vor einem Transformationsprozess. Homeoffice wurde von vielen lange ersehnt und war plötzlich möglich. In Ihrem Buch sehen Sie eine fließende Grenze zwischen Privat- und Arbeitsleben durchaus kritisch, richtig?

Buchcover: Christoph Bartmann - "Leben im Büro" © Hanser Verlag
"Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten" ist im Hanser Verlag erschienen und kostet 18,90 Euro.

Bartmann: Ja, aber vielleicht auch als unausweichlich. Als ich das Buch schrieb - das ist schon neun Jahre her -, da gab es Homeoffice oder mobiles Arbeiten etwa an einem Tag pro Woche. Mein Eindruck damals war, dass sich die Sphären zwischen Zuhause und Arbeitsplatz zunehmend vermischen, weil es durch die Arbeitsmittel letztlich nicht mehr so stark darauf ankommt, wo man ist. Diese Tendenz, die in der Pandemie ihren Höhepunkt erlebt hat, war damals schon deutlich zu erkennen.

In einem Kapitel Ihres Buches zählen Sie auf, wie Ihr Tag abläuft. Dabei legen Sie Wert auf sogenannte Räume zum Nachdenken. Eignet sich der Büroalltag überhaupt zum konzentrierten kreativen Denken?

Bartmann: Ja. Es ist eine Frage der Struktur, die man selber dem Bürotag gibt, und der Struktur, die einem auferlegt ist. Es kann bisweilen der Eindruck entstehen, und dieser Eindruck entstand bei mir und entsteht jetzt wieder im Homeoffice, dass das eine pausenlose Abfolge von Terminen ist. Viele Leute würden ihren aktuellen Bürostress darauf zurückführen, dass es von diesen Terminen zu viele gibt.

Kluge Arbeitgeber arbeiten schon daran, solche Reflexions-, Muße- und Besinnungsphasen in den Alltag einzubauen. Im Moment musste das überwiegend digital geschehen, und das nervt dann noch obendrauf. Das ist nicht der Sinn der Sache. Aber wenn man sich ab Herbst wieder im Büro trifft, dann muss man ein paar Dinge tun, die der Kontemplation und dem Nachdenken dienen.

Wären das dann auch klare Regeln, die die Arbeit so oder so organisieren und strukturieren?

Bartmann: Es kommt ganz stark darauf an, was für ein Job das ist. Wenn man einen reinen Verwaltungsjob hat, sieht das anders aus, als wenn man einfach nur viel Zeit am Computer verbringt - da hat man sicherlich andere Ansprüche und Bedürfnisse. Aber die Pandemie ist auch eine Einladung dazu, grundsätzlich über die Arbeitsorganisation danach nachzudenken und vielleicht einige Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.

Bevor Sie nach Warschau kamen, waren Sie Leiter des Goethe-Instituts in New York. Stellen Sie kulturelle Unterschiede zwischen einem Büro in den USA und einem Büro in Europa fest?

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Bartmann: Ja, das fängt schon mit den räumlichen Gegebenheiten an. Amerika ist ja das Mutterland von allen möglichen Büroarchitekturen, sowohl von dem Zellenbüro, das man vielfach auch bei uns noch kennt, als auch vom Großraumbüro. Das Großraumbüro ist dann wiederum durch viele Phasen der Veränderung gelaufen. Insgesamt habe ich den Eindruck gehabt, dass Amerika uns in puncto in Arbeitsorganisation und Büroarchitektur um einige Jahre voraus ist.

Interessant fand ich aber auch einen anderen Aspekt: Wir stellen uns die USA als Mutterland der Effizienz vor. Wir hören mit Erstaunen, dass man nur zehn oder zwölf Tage Urlaub hat, und alle Amerikaner die ich kenne, erzählen mir, dass sie schon um sieben Uhr am Arbeitsplatz sind und wahnsinnig lange arbeiten. Ich habe das aber nie am Arbeitsergebnis festmachen können. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die erfolgreicher oder effizienter sind, sondern das ist Teil der protestantischen Ethik: Es ist ein eingefleischter Appell, zu langen Arbeitstagen zu kommen, weil man sich ansonsten schlecht fühlen würde. Das fand ich immer recht bemerkenswert.

Wie sähe denn Ihr Idealbüro der Zukunft aus?

Bartmann: Was das Räumliche angeht, wünsche ich mir so eine Bürolandschaft, wie sie heutzutage überall entsteht. Moderne Arbeitsplätze müssen offen sein, multifunktional, mit Ruheräumen, mit Gruppenräumen, mit einer netten Cafeteria, mit verschiedenen Plätzen, an denen Geselligkeit möglich ist, und anderen, wo konzentriertes Arbeiten möglich ist. Ich erkenne das in vielen modernen Bürolandschaften durchaus wieder - wenn das nicht zu sehr zu einer Zelebration von Kreativität auswächst und wie großartig man doch ist.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.06.2021 | 18:00 Uhr

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