Prof. Dr. Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO- Kommission, Deutschland © IMAGO Foto: Metodi Popow

Wie identitätsstiftend ist unser industrielles Erbe?

Stand: 14.10.2021 16:34 Uhr

Die Stiftung Zollverein richtet in Essen in Zusammenarbeit mit der Deutschen UNESCO-Kommission den internationalen Kongress "Industrielles Welterbe" aus. Auch die Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, Maria Böhmer, nimmt daran teil.

Prof. Dr. Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO- Kommission, Deutschland © IMAGO Foto: Metodi Popow
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Frau Böhmer, was bedeutet eigentlich "industrielles Welterbe"?

Maria Böhmer: Industrielles Welterbe wurde erstmals 1992 in die Welterbeliste eingeschrieben. Es waren übrigens das Bergwerk Rammelsberg und die Altstadt von Goslar. Es geht dabei um industrielle Bauten, Entwicklungen und auch die Zeit der Industrialisierung. Es geht aber auch weiter zurück, denn das Bergwerk Rammelsberg ist tausend Jahre alt.

Was hat uns so ein Welterbe über andere Kulturdenkmale hinaus zu sagen?

Böhmer: Die Industrieerbestätten zeichnet aus, dass sie zeigen, dass ein Welterbe nicht statisch ist, sondern dass es sich auch entwickeln kann, entwickeln muss, dass es auch Veränderung bedeutet. Nehmen wir die Zeche Zollverein: Der Förderturm war damals wichtig, damit die Bergleute einfahren konnten, und die gesamte Anlage diente dazu, Kohle abzubauen. Heute ist es nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern auch ein Ort der Gestaltung für die Zukunft. Was geschieht mit den Brachflächen? Können Sie renaturiert werden? Was geschieht mit den Gebäuden? Können sie für Veranstaltungen genutzt werden? Was kann man machen, um die Besucherinnen und Besucher für dieses Welterbe zu begeistern, ihnen zu vermitteln, welche Bedeutung es damals hatte? Denn es steht für die Zeit, in der Industrialisierung auch bedeutete, dass es den Menschen besser ging, dass sie einen neuen Zusammenhalt gewonnen haben und dass sie sich identifiziert haben mit ihrer Zeche Zollverein.

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Inwieweit darf man solche Denkmale verändern, ohne ihnen den Charakter zu nehmen?

Böhmer: Das ist eine ganz entscheidende Frage für die UNESCO und auch mit Blick auf die Welterbekonvention. Das bedeutet, dass das Ensemble nach wie vor authentisch sein muss. Es darf nicht so verändert werden, dass es nicht mehr dem Charakter einer Industireerbestätte entspricht. Das bedeutet auch, dass man Weiterentwicklung immer mit der UNESCO in Paris abstimmen sollte, um sich an diesen Kriterien zu orientieren. Aber Welterbe heißt nicht, dass man gebremst wird in der Entwicklung, sondern Welterbe bedeutet, dass man sich weiterentwickeln kann, aber gemäß dieser Rahmenbedingungen.

Sie haben in dem Begrüßungswort darauf hingewiesen, dass diese Denkmale durchaus auch Wegweiser sein können bei der derzeit stattfindenden Nachhaltigkeitswende. Das heißt also, sie weisen in die Zukunft, richtig?

Böhmer: Wir stehen ja vor ganz neuen Herausforderungen, etwa vor globalen Herausforderungen, die sich mit der Klimakrise verbinden. Wir haben vor einigen Wochen gesehen, was ein Hochwasser bei uns anrichten kann. Auf der anderen Seite kennen wir Regionen, wo es zu schrecklichen Bränden kommt. Das heißt, dass sich Welterbe in besonderer Art und Weise dieser Aufgabe stellen muss, Nachhaltigkeit zu praktizieren. Welterbestätten sind doch Nachhaltigkeitstätten per se, denn es geht um Schutz und Erhalt. Das bedeutet aber auch, dass sie Labore der Nachhaltigkeit sein könnten. Was bedeutet das für den Tourismus? Gelingt es, einen nachhaltigen Tourismus zu praktizieren? Können wir solche Welterbestätten nachhaltig schützen und auch weiterentwickeln? Und was bedeutet es, wenn Digitalisierung und weltweite Vernetzung stattfinden? Das sind Fragen, die uns bewegen müssen, und damit können auch Welterbestätten die Richtung weisen. Denn industrielle Welterbestätten zeichnet gerade dieser Wandel aus.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.10.2021 | 18:00 Uhr