Martin Tschechne © Martin Tschechne

Wie die Kultur sich der Wirtschaft ausgeliefert hat

Stand: 14.05.2021 18:11 Uhr

Wirtschaft und Kultur Hand in Hand - so kann es gehen. Doch manchmal ist es kein Zustand von Dauer, und die freundliche Handreichung mancher Unternehmen erweist sich in der Krise als ambivalente Angelegenheit.

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von Martin Tschechne

Damit nur keine Zweifel aufkommen: Jede Art von Engagement ist willkommen; jede Initiative wird dankbar quittiert. Gebt ein Lunchkonzert in der Handelskammer. Kauft junge Kunst für die Büroflure der Angestellten - falls es nach den Verwüstungen dieser Pandemie so etwas noch geben sollte, Büroflure und Angestellte. Übernehmt die Schirmherrschaft für eine Inszenierung im Theater. Stellt ein Firmenschild in den Eingang des Museums. Und ladet Geschäftsfreunde noch vor der Premiere zur Preview; so etwas galt immer schon als besonders schmückendes Privileg - alles ist wichtig, hilfreich und gut, um der Kultur wieder auf die Beine zu helfen.

Also: dem, was davon noch übrig geblieben sein wird. Denn niemand weiß, wie viele Maler, Musiker, Bildhauer und Schauspieler inzwischen aufgegeben haben und Pizza ausfahren oder auf Kindergeburtstagen tingeln. Wie viele Kinos, freie Bühnen oder Galerien geschlossen bleiben. Und wenn einmal offizielle Zahlen vorliegen: Niemand weiß, ob wirklich alle darin erfasst sind, die sich vorher mit ihrer Musik, ihren Bildern oder ihrer Schauspielerei gerade so über Wasser halten konnten und es nun eben nicht mehr können. Nicht jeder klagt auf dem Niveau eines Jan Josef Liefers.

Die Kultur als großer Kollateralschaden der Pandemie

Die Kultur gehört zu den großen Kollateralschäden der Pandemie. Dass es dahin kommen konnte, hat viele Gründe. Zunächst mal den, dass sich die Idee ganz grundsätzlich dem rein ökonomischen Denken widersetzt. Zweitens den, dass Kultur - zumindest in vielen ihrer Erscheinungsformen - die Anwesenheit und Nähe anderer Menschen voraussetzt. Und Theater, Kinos, Galerien, Kabaretts und Konzertsäle waren nun mal sehr früh und sehr hart von den Corona-bedingten Schließungen betroffen. Vermutlich auch, weil sie nicht die Lobby haben, derer sich etwa Autosalons erfreuen, die Gastronomie, Baumärkte.

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Was, drittens, umso schwerer ins Gewicht fällt, als es hierzulande viele Schultern sind, auf die sich die finanzielle Verantwortlichkeit für die Kultur verteilt: Bund, Länder, Kommunen, die Wirtschaft, private Stiftungen, das Publikum. Immer wieder neu verhandelt, auch mal vom einen auf den anderen weitergereicht. Das hat seine Vorteile: größere Beweglichkeit etwa, die Chance, sich aus dem Korsett eines Plans zu befreien und etwas im Wortsinn Außerordentliches auf die Beine zu stellen. Es hat aber auch den Nachteil immer wieder ungeklärter Zuständigkeit. Was passiert, nur mal zum Beispiel, wenn die öffentliche Hand für Bau und Betrieb eines Museums oder Konzerthauses aufkommt, aber die Einnahmen aus dem Tagesgeschäft wegbrechen, aus denen bisher die Gagen der Musiker bezahlt wurden, die Ankäufe neuer Kunstwerke oder die nächste Ausstellung?

Schluss mit der Kunstförderung

In England ist das Dilemma der Abhängigkeit besonders drastisch deutlich geworden. Dort war es - erstes Fallbeispiel - der Mineralölkonzern BP, der 2016 nach 26 Jahren seine Fördermittel für die Tate Gallery abzog. Der Anlass war Deepwater Horizon. Nach der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko sah sich der Konzern auf Jahrzehnte hinaus mit Schadenersatzforderungen in Milliardenhöhe konfrontiert. Als dann noch der Brexit hinzukam, neue Unsicherheit, war Schluss mit der Kunstförderung. Und nein, auch wenn die riesige Turbinenhalle der Tate immer wieder von Klimaschutz-Aktivisten als Bühne okkupiert worden war, um den Geldgeber dort an den Pranger zu stellen - die Entscheidung, so gab BP in der spröden Diktion eines Verlierers bekannt, habe allein wirtschaftliche Gründe.

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Nun ja, die Mittel für die Königliche Oper oder die Shakespeare Company flossen trotzdem weiter. Aber da hatte auch niemand gegen das Erdöl-Geschäft protestiert. Sage nur einer, die Wirtschaft nehme keinen Einfluss auf die Kultur.

Bei Shell, zwei Jahre später, zweites Fallbeispiel, lief der Vertrag mit der Londoner National Gallery aus. Nach mehreren Verlängerungen nun eben: keine mehr. Der Museumsleitung blieb wenig übrig, als die Entscheidung hinzunehmen und der zwölf Jahre lang erfolgreichen Kooperation noch ein paar Dankesworte hinterherzurufen. Man will es sich ja mit künftigen Partnern nicht verderben. Der Konzern indes kündigt an, die frei gewordenen Mittel nun in die Ausbildung von Technikern für seine Bohrinseln zu investieren. Liegt nahe, ist sein gutes Recht, aber die Kultur schaut bei solchen Deals immer wieder in die Röhre.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 15.05.2021 | 13:00 Uhr