Museumsleiter Karsten Müller steht vor dem Ernst Barlach Haus. Im Hintergrund sieht man den Werbebanner zur Ausstellung "Kanzlers Kunst - Die Sammlung von Helmut und Loki Schmidt". © picture alliance/dpa Foto: Georg Wendt

Wie die Hamburger Museen mit den Schließungen umgehen

Stand: 13.04.2021 13:47 Uhr

Zu, auf und wieder zu: Wie gehen die Hamburger Museen mit den Corona-bedingten Schließungen um? Wie verändert die Planungsunsicherheit die Arbeit im Museum?

Außenansicht des Ernst Barlach Hauses im Hamburger Jenischpark © Ernst Barlach Haus Foto: Stefan Sommer
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von Silke Lahmann-Lammert

Gerade mal fünf Tage durfte Karsten Müller, Direktor des Ernst Barlach Hauses im Hamburger Jenisch Park, im März die Türen seines Museums öffnen. "Das war die letzte Ausstellungswoche einer sehr sehr gut besuchten und mit Euphorie wahrgenommenen Ausstellung zur privaten Kunstsammlung von Helmut und Loki Schmidt", erzählt er. "Das heißt, da ging unser Haus dann wirklich von null auf hundert, wenn nicht über hundert. Wir hatten tatsächlich mehrere hundert telefonische Terminanfragen täglich", so Müller.

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Das Ernst Barlach Haus im Hamburg © NDR.de Foto: Marc-Oliver Rehrmann

Kulturpartner: Ernst Barlach Haus Hamburg

Das Ernst Barlach Haus beherbergt Hauptwerke des expressionistischen Bildhauers, Zeichners und Schriftstellers Ernst Barlach. extern

Geplant war, am 28. März die nächste Ausstellung zu eröffnen. "Wir haben mit sehr viel Enthusiasmus und einem Haufen junger motivierter Künstlerinnen und Künstler aus Kiel eine Ausstellung quasi in diesen neuen Lockdown hinein aufgebaut", berichtet der Direktor. Doch statt der Vernissage gab es erneut geschlossene Türen. Und eine Ausstellung, die vorerst ohne Publikum auskommen muss. Eine bittere Enttäuschung für alle, die ihr Herzblut in die Schau mit dem kuriosen Titel "Spechte am Meisenknödel" gesteckt haben. Aber zum Jammern bleibt Karsten Müller wenig Zeit: "Denn Corona ist eine Situation, die mehr Arbeit macht, als man ohnehin hat. Es gibt viel umzuplanen, es gibt viel zweigleisig zu planen."

"Das Publikum ist dankbar, wenn etwas länger läuft"

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Blick aufs Museum für Kunst und Gewerbe. © NDR Foto: Ralf Meinders

Kulturpartner: Museum für Kunst und Gewerbe

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G) ist eines der wichtigsten Häuser für Gestaltung in Deutschland. extern

Mit großem organisatorischem Aufwand haben viele Hamburger Museen Ausstellungen, die Corona-bedingt geschlossen waren, verlängert. Das macht man nicht "mal eben so": Denn dadurch verschiebt sich der gesamte Zeitplan - und die Logistik innerhalb des Hauses gerät ins Wanken. Besonders schwierig wird es, wenn schon Verträge mit Leihgebern und Versicherungen für die Folgeschauen bestehen. Tulga Beyerle, Chefin des Museums für Kunst und Gewerbe, ist deshalb froh, schon vor der Coronakrise die Regellaufzeiten ihrer Ausstellungen auf fünf bis sechs Monate erhöht zu haben: "Ich bin schon länger der Ansicht, dass diese wahnsinnige Produktionsmaschine - Ausstellungen drei Monate, abbauen, nächste Ausstellung - auch das Publikum überfordert und dass das Publikum durchaus dankbar ist, wenn etwas länger läuft", sagt Beyerle. Auch aus Nachhaltigkeits- und Ressourcengründen sei ihr das wichtig.

Die Diskussion über das Für und Wider von Museumsschließungen gehe oft am Thema vorbei, ärgert sich die MKG-Chefin: "Es wird auch vollkommen übersehen, dass wir nicht bloß kontemplativ die Betrachtung von Kunst anbieten. Wir sind alle miteinander Häuser, die die Auseinandersetzung rund um die Themen sehr aktiv ausgebaut haben, um auf Augenhöhe mit unserem Publikum in Austausch und Diskurs zu treten. Wir sind Orte, wo eine Gesellschaft sich selbst befragt", meint Beyerle.

Bewegende Einträge in Gästebüchern

Während der Öffnungstage im März war in allen Hamburger Häusern zu spüren, wie sehr das Publikum diese Veranstaltungen vermisst hat. Selten zuvor habe er in den Gästebüchern so dankbare Einträge gelesen, sagt Museumsleiter Karsten Müller: "Welche geradezu bewegenden Notizen da eingeschrieben wurden, dass man endlich wieder Kunst sehen kann. Sowohl auf der individuellen Ebene ist es ein ganz wichtiger Faktor, als auch in der gesamtgesellschaftlichen Verständigung über die Zustände, in denen wir leben und in denen wir leben wollen", findet Müller. "Insofern ist das eine Frage, die vom Kleinen bis ins Größte hinein alle tangiert und bei der man sich immer fragt, warum die zugunsten von wirtschaftlichen Erwägungen so weit zurückgeschoben wird."

Das empört auch seine Kollegin Tulga Beyerle. Sie ist überzeugt, dass eine Rückkehr zum infektionsfreien Museumsalltag längst möglich ist: "Und das möchte ich - sobald es irgendwie geht - mit Teststrategie und Mundschutz anbieten können!"

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Der Fotograf Stefan Dendorfer steht in einer Galerie und bedient Equipment, um Bilder zu digitalisieren. © NDR Foto: Anina Pommerenke

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NDR Info | 13.04.2021 | 06:40 Uhr