Stand: 13.08.2018 17:59 Uhr

Wie aus Wahnsinn Kunst wird

Genie und Wahnsinn sind, insbesondere in Kunst und Literatur, zwei enge Vertraute. Man merkt dem Genie allerdings nicht unbedingt gleich den Wahnsinn an, genausowenig wie man im Wahnsinn immer gleich das Geniale erkennt. Aber viel Kunst hat ihre Wurzeln in einem psychischen Syndrom - das konstatiert Monika Niehaus in ihrem aktuellen Buch "Die Frau, die ihren Mann für einer Doppelgänger hielt". Bei der Untersuchung von 36 seltenen und ungewöhnlichen psychischen Syndromen stellt die Neurobiologin fest: Aus etlichen ist Kunst hervorgegangen.

Frau Dr. Niehaus, geben sie uns ein Beispiel: Wo sehen Sie einen direkten Zusammenhang zwischen Verrücktheit und Kunst?

Bild vergrößern
Monika Niehaus ist Neurobiologin und Schriftstellerin.

Monika Niehaus: Ich denke, der Zusammenhang ist eng, denn jeder Künstler muss Dinge mit anderen Augen sehen, sonst wäre er kein Künstler. Das Wort "verrückt" hat das ja irgendwie schon in sich: Ein Künstler sieht die Dinge mit anderen Augen, von einer anderen Stelle und damit aus einer anderen Perspektive. Da gibt es sehr viele Beziehungen, wo die Kunst die Psychiatrie befruchtet hat durch Namen. Lewis Carroll hat zum Beispiel über "Alice im Wunderland" geschrieben und "Alice im Wunderland" ist zu einem psychischen Syndrom geworden. William Shakespeare war natürlich besonders fruchtbar: Das Othello-Syndrom ist nach einer seiner Figuren benannt, und auch in anderen Figuren, zum Beispiel bei "Macbeth", finden Sie die mörderische Schlafwandlerin Lady Macbeth oder den hinterher paranoisch werdenden Lord Macbeth.

Da stellt sich ein bisschen die Huhn-und-Ei-Frage: Was war eher da? Ist die "Verrücktheit" da und versucht die sich in Kunst einen Ausdruck zu verschaffen, oder ist die Kunst da, und man wird darüber ein bisschen "verrückt"?

Niehaus: Diese Frage lässt sich nicht definitiv beantworten, beides gehört zusammen. Schauen Sie sich die Höhlenmalereien von vor 40.000 Jahren an - da war auf jeden Fall Genie drin. Wie wahnsinnig die Leute waren, kann man natürlich nicht sagen, aber die Verbindung ist eng. Jemand, der völlig normal ist, hat gar nicht das Bedürfnis, Kunst zu schaffen, jedenfalls nicht so, dass er sich bis zum Äußersten dafür anstrengt.

Sie haben als Beispiel das Alice-im-Wunderland-Syndrom genannt. Was ist das für ein Syndrom?

Bild vergrößern
"Die Frau, die ihren Mann für einen Doppelgänger hielt" ist im Hirzel-Verlag erschienen und kostet 21,90 Euro.

Niehaus: Das ist von dem Psychiater Todd benannt worden, weil er Patienten hatte, die sich ganz groß sahen und auf einmal ganz klein, ganz breit oder ganz langsam. Er hat es so verglichen: Wenn sie auf alten Jahrmärkten in einen Zerrspiegel guckten, dann hatten sie dieses Gefühl, groß und klein zu werden, dick und dünn usw. Diese Leute waren keineswegs verrückt, sie wussten, dass das, was sie sahen, nicht real war, aber es war für sie in diesem Augenblick so real, dass sie in den Spiegel oder in eine Fensterscheibe guckten, um sich zu vergewissern, dass sie nicht wirklich auf einmal ganz groß oder ganz klein waren. Das Interessante dabei ist, dass einer der Auslöser dieses Syndroms Migräne ist, und es wird stark angenommen, dass Carroll unter Migräne litt, dass da also ein Zusammenhang ist und dass möglicherweise dieser Schriftsteller und Mathematiker selbst unter seinem eigenen Syndrom litt.

Was macht diese "Verrückten" eigentlich so interessant? Für die "Normalsterblichen" sind sie immer wieder ein Faszinosum - warum?

Niehaus: Ich glaube, weil sie Extreme ausleben, von denen wir die Grundfunktion alle in uns haben. Jeder, der liebt, weiß, was Eifersucht ist, und jeder, der mal vor Gericht war, möchte auch gerne Recht haben. Aber es ist die Sache, wie weit man das Ganze treibt. Wenn aus Liebe Liebeswahn wird, sodass Sie den Anderen praktisch mit ihrer Liebe ersticken, oder aus Eifersucht Eifersuchtswahn, sodass Sie den Anderen im Zweifelsfall sogar umbringen - in den USA kommen sie damit übrigens dann straffrei davon -, oder wenn Sie als Querulant vor Gericht um Ihr Recht streiten, aber dann kein Maß mehr kennen und wegen einer Kleinigkeit eine Bombe unter das Gericht legen, dann geht das über alles, was wir als normal bezeichnen, hinaus. Natürlich ist es faszinierend, wie weit dieses komplexe Organ, das wir da oben im Kopf tragen, die Dinge treiben kann.

Wenn Sie das so erzählen, dann geht im Kopf immer gleich ein kleiner Film ab: Was kann Sie meinen mit Rechthaberei? Kohlhaas, Kleist, Macbeth denkt man sicher. Inwiefern sind diese Figuren auch schon genau so angelegt, dass man sich heranarbeiten kann über das Syndrom?

Niehaus: Kleist ist ja auf einen klassischen Fall zurückgegangen, auf Michael Kohlhaas, den es wirklich gegeben hat und der wegen zweier geschundener Pferde ganze Dörfer niedergebrannt hat. Kleist hat das Potenzial gesehen, was in dieser Geschichte liegt. Andere haben das vielleicht unter Gerichtsakten abgehakt, aber er hat gesehen, wie sich ein liebender Familienvater, ein ganz normaler Mensch, langsam, aber unaufhaltsam in eine Situation hineingesteigert hat, wo er eben zum Mörder wurde.

Da gibt es auf der einen Seite die Kunst, die solche Syndrom beschreibt, und dann gibt es auf der anderen Seite die Wissenschaft, die sie wissenschaftlich angeht und auch benennt, und zwar sehr oft nach den künstlerischen Vorbildern. Warum?

Niehaus: Ich glaube, es ist einfach griffig. Es ist griffiger, wenn ich sage: Es ist ein Dornröschen-Syndrom, als wenn ich sage: Das ist das Kleine-Levin-Syndrom. Beim Othello-Syndrom weiß fast jeder Bescheid, dass es um Eifersucht geht. Insofern sind diese Bezeichnungen sehr plakativ, und vielleicht veranlasst das den einen oder anderen dazu, mal nachzulesen und vielleicht etwas mehr Verständnis dafür zu wecken.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.08.2018 | 19:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Wie-aus-Wahnsinn-Kunst-wird,journal1404.html

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

03:31
DAS!
54:32
NDR Info

Miss June Ruby

18.11.2018 21:05 Uhr
NDR Info
02:40
Landpartie - Im Norden unterwegs

Porträt: Der Hirschhornschnitzer Günter Schubert

18.11.2018 20:15 Uhr
Landpartie - Im Norden unterwegs