Stand: 30.07.2019 18:17 Uhr

Künstliche Intelligenz mischt Kunstbetrieb auf

von Marc Hoffmann, NDR Info

Täglich haben wir mit Künstlicher Intelligenz (KI) zu tun, auch wenn wir es nicht immer merken. Sie hat sich inzwischen auch in die Welt der Kunst eingeschlichen. So sind mithilfe von Supercomputern bereits Gemälde entstanden, ganze Musikalben wurden komponiert und Drehbücher geschrieben. Aber können KI-Systeme wirklich kreativ sein? NDR Info hat einen Musiker und dessen Künstliche Intelligenz getroffen.   

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So sieht es aus, wenn Joachim Heintz mit Künstlicher Intelligenz arbeitet.

Joachim Heintz sitzt in einem schallgedämpften kleinen Raum in der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, vor ihm steht ein Computerbildschirm. Er hat ein Mikrofon am Mund und eine Hand an der Computermaus. Mit der anderen bedient er ein kleines Keyboard mit Reglern und Knöpfen. "Ich entscheide, welche von vier möglichen Tasten ich drücke. Aber wenn ich die Taste noch einmal drücke, kommt nicht dasselbe. Warum? Weil 'Alma' aus diesem Sektor zufällige Schnipsel auswählt."

"Alma" - so hat Heintz seine Künstliche Intelligenz getauft. Das Programm hat er selbst geschrieben. Es sei mehr als nur eine Effektmaschine, erklärt der Musiker. "Alma" analysiert die eingespielten Töne - egal ob gesprochene Sprache, Gesang, Melodien oder Geräusche. Dann zerlegt sie die akustischen Signale, um neue experimentelle Klänge daraus zu formen - nach den Vorgaben des programmierten Algorithmus. "Wenn man selbst programmiert, dann formt man eben das eigene Instrument auf der Ebene der Software. Das Interface, mit dem ich hier spiele, ist Standard. Aber natürlich ist das Programm selbst eine ganz eigene Formung. Das tun auch andere natürlich. Ich bin da nicht der einzige."

Ein Computer schreibt einen eigenen Song

Für Aufsehen sorgte vor knapp drei Jahren der Song "Daddy's Car", der am Sony Computer Science Laboratory in Paris entstanden ist und sehr nach den Beatles klingt, aber aus der Feder einer Künstlichen Intelligenz stammt.

Das System analysierte rund 15.000 Lieder, lernte daraus typische Akkordabfolgen, Rhythmen und Töne und kreierte aus den erlernten musikalischen Mustern den Song. "Das sind beschreibbare Regeln. Und alles, was beschreibbar ist, heißt im Computer, in der Programmierung, Algorithmus. Das kann im Prinzip auch eine Maschine ausführen", erklärt der Musikwissenschaftler.

Auch ein Gemälde wurde schon errechnet

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"Edmond de Belamy" war das erste KI-Gemälde, das bei einem großen Auktionshaus unter den Hammer gekommen ist.

Je komplexer die Muster, desto umfangreicher die benötigte Software und desto mehr Rechenleistung ist nötig. Das gilt auch für Gemälde. Mithilfe Künstlicher Intelligenz ist das Porträt mit dem Titel "Edmond de Belamy" entstanden - ein etwas verwaschenes Bildnis eines fiktiven Adligen.

Ein Algorithmus generierte das Werk auf der Basis von 15.000 eingespeisten Porträts, die zwischen dem 14. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Im Herbst 2018 kam das goldgerahmte Bild bei Christie's in New York für mehr als 430.000 US-Dollar unter den Hammer. Ungeklärt blieb dabei die Frage, wer hier nun eigentlich der Künstler ist, so Richard Lloyd vom Auktionshaus im amerikanischen Fernsehsender CBS: "Ist es die Person, die den Algorithmus schreibt, sind es die Urheber der Werke, die hochgeladen worden sind, oder sind es die Leute, die sich um die Software kümmern? Solche Fragen mussten wir bisher nicht beantworten."

Wird KI zur Konkurrenz für die Künstler?

Robotik Greifer übergeben einen weissen Kubus © fotolia.com Foto: Patrick P. Palej

Künstliche Intelligenz verändert die Industrie

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In einer Serie betrachtet NDR Info die Auswirkungen von sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI) auf unser Leben. In diesem Beitrag geht es um die Folgen für die Industrie.

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Eine weitere Frage, die sich stellt: Ist das Software-Gemälde selbst überhaupt Kunst? Wissenschaftler sprechen von "explorativer Kreativität", wenn solche Werke auf der Basis bekannter Regeln und Muster entstehen. Der Musiker Heintz spricht von "Stilkopien". Mit echter eigenständiger, kreativer Schaffenskraft habe das nicht so viel zu tun - zumindest bislang nicht: "Eine Künstliche Intelligenz, über die wir heute diskutieren, ist ein Fachidiot für ganz bestimmte Dinge. Und das ist nicht Komponieren. Die entscheidenden Dinge beim Komponieren sind eben zu merken, was ist meine Idee, wie bildet sich etwas heraus. Das ist ja nicht irgendwie fertig da, sondern das sucht man."

Fest steht: Künstliche Intelligenz hat den Kunstbetrieb aufgemischt. Die Kreativ-Szene beschäftigt sich rege mit dem digitalen Wandel und versucht auszuloten, ob KI in der Zukunft nur Werkzeug bleibt - oder ob sie sich zu einer echten Konkurrenz entwickelt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 30.07.2019 | 07:20 Uhr

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