Die Kyll ist in Erdorf über die Ufer getreten und hat Teile des Dorfes geflutet. © picture alliance/dpa Foto: Harald Tittel

Welche Lehren ziehen wir aus der Flutkatastrophe?

Stand: 19.07.2021 16:17 Uhr

Hätte die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands verhindert werden können? Der stellvertretende Chefredakteur der "Zeit", Bernd Ulrich, beschäftigt sich in seinen Texten mit dem Thema Klima und hat das Buch geschrieben: "Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie".

Die Kyll ist in Erdorf über die Ufer getreten und hat Teile des Dorfes geflutet. © picture alliance/dpa Foto: Harald Tittel
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Herr Ulrich, wie viel hat das Unwetter mit dem Klimawandel zu tun? Sie selbst sagen ja schon lange: "Hört den Weckruf!"

Bernd Ulrich: Ich bin weder Meteorologe noch Klimatologe. Ich kann nur sagen, was ich lese - und da ist es ziemlich eindeutig, dass wir eine Häufung von Extremwettersituationen und von Stagnationswettersituationen durch die Erhitzung der Erdatmosphäre bekommen. Natürlich kann man nicht jeden einzelnen Wassertropfen, der im Südwesten der Republik gefallen ist, auf das Klima direkt zurückführen, aber dass wir so etwas häufiger bekommen und dass die Unwetter stärker werden, das ist ziemlich eindeutig. Insofern geht es hier nicht um Hegemonie, sondern um einigermaßen wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse.

Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse hätten vielleicht die Katastrophe voraussagen können. Zumindest hätten vielleicht besser funktionierende Frühwarnsysteme etwas verhindern können. Was sagen Sie dazu?

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Ulrich: Wenn wir über Prävention reden, muss man aussprechen, wie ernst solche Dinge eigentlich genommen werden. Irgendwann muss es Fehler in der Meldekette gegeben haben, sodass doch nicht alle gewarnt worden sind oder nicht alle die Warnungen ernst genug genommen haben. Aber Prävention ist ja mehr. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir weiterhin jeden Tag mehrere Fußballfelder von Landschaft zuasphaltieren können und dann erwarten, dass sich die Unwetter nur in dem nicht vorhandenen Sickerboden abspielen. Es gibt so viele Dinge, die darauf hinwirken. Selbst die Wälder, wenn es reine Forstwälder sind mit wenig Unterholz, sind nicht so gut geeignet, um die Regenmassen aufzuhalten. Wir tun so viel, um es den Katastrophen leicht zu machen, was wir nicht tun dürften. Prävention ist etwas sehr Umfassendes.

Die Katastrophe platzt mitten hinein in den Wahlkampf. Es wird gerade genau hingeschaut, wer was tut und wie er oder sie es tut. Wie nehmen Sie das wahr?

Ulrich: Ich finde, dass man sich zu sehr auf das Rezensentische konzentriert. Wer hat ernst geguckt? Wer hat eine gute Figur gemacht? Wer hat aus Versehen gelacht? Das ist auch Politik, aber ich finde das nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, ob man jetzt etwas aus der Katastrophe lernt, zum Beispiel besser Katastrophenschutz zu betreiben, auch präventiv. Und lernt man daraus etwas für die Klimapolitik? Und da haben einige versucht, Klimapolitik gar nicht erst als Thema hoch kommen zu lassen. Andere haben gesagt, das ist Teil von der Klimakrise, in der wir sind. Armin Laschet zum Beispiel hat alles Mögliche gleichzeitig gesagt. Erst hat er das Klimapaket der EU kritisiert, dann hat er gesagt, Klimapolitik müsse beschleunigt werden. Aber an wen richtet sich eigentlich bei einem Kanzlerkandidaten diese Forderung? Eigentlich müsste er sagen: Ich verspreche euch hier und heute an dieser Stelle, dass die Klimapolitik beschleunigt wird und zwar von mir. Das hat er aber nicht getan. Und dann hat er wenige Stunden später gesagt, er werde nicht wegen eines Ereignisses seiner Politik ändern. Er schwankt täglich hin und her, und das liegt daran, dass er die Realitäten der Klimakrise nicht wirklich zur Kenntnis genommen hat. Er versucht, vor dem Thema zu fliehen und nur das Nötigste zu sagen. Das ist aber sehr schwer in einer Situation, wo die Klimakrise so akut wird in der Region, in der er zufälligerweise regiert.

Welche Schlüsse wird man aus der Katastrophe ziehen? Wird man am Ende sagen, dass auf Deutschland sowieso nur zwei Prozent der globalen CO2-Emissionen entfallen, und dass da ganz andere Player am Zug sind wie China, Russland, Indien, Japan, USA? Wird man hierzulande das Klima ernster nehmen? Welche Hausaufgaben hat Deutschland ganz konkret zu erledigen?

Ulrich: Ich frage mich auch, was Deutschland aus solchen Situationen lernen kann, wenn solche Argumente immer wieder wiederholt werden. Dass Deutschland nur zwei Prozent der CO2-Emissionen emittiert ist richtig - allerdings hat Deutschland nur ein Prozent der Weltbevölkerung. Insofern emittieren wir doppelt so viel wie andere. Und was das Argument angeht, es müssten die anderen auch einbezogen werden: Das Abkommen von Paris ist ja gerade das Einbeziehen aller. Es gibt ganz wenige, die sich daran halten, es gibt welche, die halten sich ein bisschen daran, und es gibt welche, die Versprechungen abgegeben haben, aber die Taten passen nicht dazu. Zu dieser Gruppe gehört auch Deutschland. Die Überzeugungskraft, dass man die anderen daran erinnern kann, dass sie das Abkommen einhalten sollen, steigt ja, indem wir unsere eigenen Vereinbarungen einhalten. Aber davon sind wir weit entfernt. Insofern ist das Zwei-Prozent-Argument eigentlich null und nichtig. Aber wir beschäftigen uns mit solchen Argumenten seit Jahren immer wieder neu, und das ist ein Teil davon, dass wir das Thema nicht wirklich ernst nehmen.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.07.2021 | 18:00 Uhr

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