Eine Kirche, dekoriert mit Weihnachtsbäumen © imago

Weihnachten und Kirche: "In kleinen Andachten liegen große Chancen"

Stand: 15.12.2020 17:57 Uhr

Trotz der massiven Corona-Beschränkungen bleiben Kirchen an Weihnachten geöffnet. Weihnachten ohne Gottesdienst - das geht ja auch gar nicht. Oder muss es gehen? Ein Gespräch mit dem katholischen Philosophen Jürgen Manemann.

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Herr Manemann, das Christentum ist in erster Linie eine "Lebensform", sagen Sie. Welche Rolle spielen für diese "Lebensform" Präsenz-Gottesdienste?

Jürgen Manemann: Präsenzgottesdienste spielen für eine Lebensform eine ganz große Rolle, weil es darum geht, Menschen in ihrer Leiblichkeit zu begegnen - und nicht digital. Der digitale Raum bietet Möglichkeiten, und wir sind froh darüber, dass uns diese Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Aber wenn wir in einem starken, emphatischen Sinn von Lebensformen sprechen, dann geht es darum, Lebendigkeit zu spüren und zu erfahren. Das gilt auch im Blick auf die Lebensform Christentum und auf die spirituellen Lebensformen, zu denen auch die Gottesdienste gehören.

In diesem Jahr ist alles eingeschränkt: Man muss sich für die Gottesdienste anmelden, sie sind kürzer, alles ist enger getaktet, der oder die Nächste sitzt weit weg. Man darf noch nicht einmal singen. Kann sich da überhaupt so etwas wie Besinnlichkeit einstellen?

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Manemann: Die Frage ist - gerade aus christlicher Perspektive - nicht, was wir Christen vom Christentum erwarten, sondern was erwartet die Welt, was erwarten die anderen Menschen von uns? Und da kann man festhalten, dass die Menschen in erster Linie von uns erwarten, dass wir bei den älteren Menschen in Pflegeheimen sind und die Sterbenden nicht allein lassen. Dieser Auftrag und diese Erwartungshaltung, die an uns ergeht, muss zuerst benannt werden. Und dann kommen die Fragen, die uns selbst am Herzen liegen. Aber eine Spiritualität, ein Gottesdienst vorbei an der Situation der Notleidenden, wäre kein Gottesdienst. Wir sollten nicht immer fragen, was wir uns wünschen, sondern wir sollten fragen, was andere von uns erwarten, sich von uns wünschen und erhoffen. Denn darauf kommt es Weihnachten an: Was können wir erhoffen?

Wenn wir die Frage über die Gottesdienste diskutieren, ist es nicht so, dass es nur um die Gottesdienste in den Kirchen geht. Sondern die Kirchen haben gerade für diese Zeit angekündigt, dass viele Andachten im Kleinen stattfinden sollen. Einige Christinnen und Christen mögen der Auffassung sein, dass das nur kleine Minimalveranstaltungen sind - für mich stecken aber gerade in diesen kleinen Andachten, die auf der Straße stattfinden, vor der Haustür, von einem Balkon zum anderen, Chancen, weil wir uns auf das Wesentliche, auf das Elementare besinnen müssen. Es heißt: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich unter ihnen." Das setzt nicht einen großen kirchlichen Raum voraus. Vielleicht liegt gerade in diesen kleinen Zusammenkünften die Chance, das Christentum endlich wieder als eine Lebensform zu begreifen. Denn wenn wir es nicht nur von der Institution Kirche aus denken, sondern als Lebensform begreifen, dann müssen wir das Christentum von unten her neu entdecken. Deswegen glaube ich, dass in diesen kleinen Andachten ganz große Chancen liegen.

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Ob kleine Andacht oder große, egal mit welchen Abständen - die Aufgabe, die uns auf aufgegeben ist, ist, dass wir Weihnachten als ein Geburtsfest feiern. Dieses Geburtsfest ist nur dann ein Weihnachtsfest, wenn es mit der Erwartung des Neuen verbunden ist. Die Frage ist: Welche Erwartung können wir für die Welt, für die Menschen und für uns selbst in diesen Andachten und Gottesdiensten zum Ausdruck bringen? Denn darauf sind wir in dieser Ausnahmesituation alle angewiesen, dass bei uns die Hoffnung nicht austrocknet und das Hoffnungslicht nicht erlischt. Darauf müssen wir uns konzentrieren und nicht auf diese leidigen Debatten, die oft ein bisschen wehleidig klingen: Gibt es jetzt noch einen Gottesdienst in der Kirche oder nicht? Ich habe bei vielen Reaktionen den Eindruck, dass da sehr viel Selbstmitleid rüberkommt, und ich frage mich: Hat die Kirche nicht zu viel Mitleid mit sich selbst und zu wenig Mitleid mit der Welt?

Corona als Lehrmeister - verstehe ich Sie da richtig? Also eine Pandemie, die uns zurück zu uns selbst bringt und vielleicht auch unser Verhältnis zur Kirche und zum Glauben noch mal neu hinterfragen lässt?

Manemann: Richtig, weil uns diese Pandemie mit dem Unverfügbaren konfrontiert. Und Religionen können helfen, das Unverfügbare wahrzunehmen und damit zu leben. Der amerikanische Philosoph George Santayana hat es einmal so formuliert: "Religion ist die Liebe zum Leben im Bewusstsein eigener Ohnmacht." Und genau diese Liebe ist in der Krise von großer Bedeutung, denn wir werden gegenwärtig auf den unterschiedlichen Ebenen mit Ohnmachtserfahrungen konfrontiert. Auch privilegierte Menschen erfahren plötzlich, dass sie ihr Leben nicht vollends kontrollieren können, dass ihr Leben gefährdet ist. Religion kann uns helfen, dass wir eine neue Empfindlichkeit für unsere unterschiedlichen Verwundbarkeiten entwickeln. Das würde ich mir zu Weihnachten erhoffen.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.12.2020 | 18:00 Uhr