Stand: 29.08.2019 09:37 Uhr

"Was man von hier aus sehen kann" an den Kammerspielen

von Katja Weise

Mit ihrer Geschichte hat Mariana Leky viele verzaubert: Der Roman "Was man von hier aus sehen kann" hielt sich nach seinem Erscheinen 2017 nicht nur monatelang auf den Bestsellerlisten, er wurde auch im Feuilleton gut besprochen. Inzwischen liegt das Taschenbuch vor, eine Verfilmung ist geplant und - eine Theateraufführung. Die Hamburger Kammerspiele eröffnen die neue Saison mit der Uraufführung von "Was man von hier aus sehen kann". Katja Weise hat bei einer Probe zugeschaut.

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Die Theateradaption von "Was man von hier aus sehen kann" kommt mit nur zwei Schauspielern aus.

Noch sind sie auf der kleinen Probebühne im Logensaal der Hamburger Kammerspiele: Gilla Cremer und Rolf Claussen. Sie habe sich beim Lesen sofort in den Roman verliebt, sagt Cremer, und das Buch inzwischen ungefähr 50 Mal verschenkt. "Es ist wirklich ein Buch über das Leben im Allgemeinen, das ganze großflächige Leben, wie Frau Leky immer so schön sagt", schwärmt sie. "Gleichzeitig, finde ich, stellt es sehr herausragende, sehr grundsätzliche Fragen an das Leben: Wie wollen wir leben, was ist denn eigentlich wichtig im Leben?"

Keine platten Bilder

Der Roman fragt das am Beispiel einer Dorfgemeinschaft im Westerwald. Aber es sei schwer gewesen, diesen Stoff für das Theater passend zu machen, ihn zu fassen zu bekommen. So viele Geschichten, so viele Personen: Die lebenskluge alte Selma, ihre Enkelin Luise, der bis zur Selbstaufgabe liebende Optiker. "Das, was die Leute am meisten erinnern, ist, dass es da eine Großmutter gibt, die manchmal von einem Okapi träumt, und wenn sie das tut, dann stirbt hinterher jemand", erzählt Cremer.

Wie also bringt man das auf die Bühne? Andeutungsweise, bloß nicht platt bebildern, sagt der Regisseur Dominik Günther: "Wir haben uns für eine Struktur mit zwei Erzählerfiguren entschieden, die mit den Figuren in der Geschichte etwas zu tun haben", erklärt er. "Sie erzählen die Geschichten und durchleben die Geschichte, indem man in bestimmte Situationen des Buches spielerisch einsteigt."

Eine Umstellung für die Schauspieler

Das bedeutet für die Schauspieler: Rollen- und Perspektivenwechsel, manchmal in Sekundenschnelle. Für Gilla Cremer ist das nicht neu. Im vergangenen Jahr hat sie mit ihrem Ein-Frau-Theater "Unikate" 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Wunderbare Produktionen sind in diesen Jahren entstanden: "Mobbing" nach dem Roman von Annette Pehnt, die Hildegard Knef Hommage "So oder so", "Die Dinge meiner Eltern", ein Abend über das, was bleibt, wenn die Eltern sterben. Und immer war die Schauspielerin allein auf der Bühne.

Doch dieses Mal erzählen und spielen Gilla Cremer und Rolf Claussen gemeinsam. Für beide eine Umstellung. Cremer selbst bezeichnet sich als einen sehr ungeduldigen Menschen: "Mir geht immer alles zu langsam, nicht schnell genug. Ich will es immer besser und noch besser haben, und da kann ich wirklich ziemlich unangenehm werden und sein, aber mit Rolf ist es klasse."

Dem Original treugeblieben

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Der Regisseur verzichtet auf platte Bebilderung und setzt stattdessen auf Andeutungen.

Rolf Claussen kommt vom Improvisationstheater. Das erfordert einen ganz anderen Umgang mit Text: Jetzt muss der schlicht sitzen und das heißt lernen, lernen, lernen. "Jetzt während der Probenarbeiten habe ich doch angefangen, den Text einzukreisen und wiederholbar zu machen und nähere mich immer mehr dem Premierentext. Ich habe aber auch schätzen gelernt, dass man so ganz anders an Figuren arbeiten kann", erläutert er seine Vorgehensweise.

Gilla Cremer hat die Textfassung erstellt, unterstützt von ihrem Regisseur. Auch der Autorin Mariana Leky hat sie den Text geschickt. "Sie antwortete: 'Naja, ich hab das Gefühl, sie haben das ja einfach nur gekürzt!'", schmunzelt Cremer. "Ich habe dann zurückgeschrieben: Der Grund, warum ich ihren Text machen möchte ist, weil ich ihren Text so liebe und nicht, weil ich ihn verändern möchte."

Achtsamkeit als Botschaft

Der rote Faden sind die drei Liebesgeschichten, die Leky in dem Roman erzählt, u.a. die von Luise. Sie verliebt sich in einen Mönch, der sich eines Tages in das Dorf verirrt, obwohl er eigentlich in einem Kloster in Tibet lebt.

Es ist klug, dass Gilla Cremer dem Text treu bleibt, und Regisseur Dominik Günther die Bilder vor allem im Kopf des Zuschauers entstehen lassen will. So kann - vielleicht gerade in diesem kleinen Format - eine große Kraft liegen und sich die Botschaft des Romans entfalten. "Es geht um die unbedingte Anwesenheitspflicht im eigenen Leben. Neudeutsch ist das dann Achtsamkeit", erklärt Claussen. "Es hat aber, wenn man es runterbricht, einfach damit zu tun, zu sehen, mit wem man zusammenlebt. Dann ist das Verlässlichkeit", fasst er zusammen.

"Was man von hier aus sehen kann" an den Kammerspielen

Mit ihrem Roman hat Mariana Leky viele verzaubert. Die Hamburger Kammerspiele eröffnen nun die neue Saison mit der Uraufführung von "Was man von hier aus sehen kann".

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Hamburger Kammerspiele
Hartungstraße 9 - 11
20146  Hamburg
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