Stand: 05.06.2020 15:21 Uhr  - NDR Kultur

Was hinterlassen wir unseren Enkeln?

von Martin Tschechne

Fast 400 Milliarden Euro werden in Deutschland vererbt - jedes Jahr. Nach 75 Jahren in Frieden und stetig wachsendem Wohlstand werden viele - und immer mehr - Menschen durch Erbschaft reich. Was aber bedeutet der demografische Wandel für diejenigen, die zu Erben werden? Welche Verantwortung steckt in einer finanziellen Hinterlassenschaft? Und welchen Sinn hat ein Vermögen, wenn der, dem es zufällt, selbst schon im Rentenalter ist? Vielleicht wäre es besser, das Erbe gleich den Enkeln zu übertragen. Denn wer mit 60 erbt, der baut kein Haus mehr und der gründet auch keine Familie - mit 30 dagegen lassen sich noch Weichen stellen.

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Autor Martin Tschechne ist Journalist und lebt in Hamburg.

Das Paar hatte spät noch geheiratet. Er war 76, sie fünf Jahre jünger. Beide bezogen anständige Renten aus langen Jahren im Beruf, er bis zur Hochzeit sogar noch eine Zusatzrente als Witwer seiner zwei Jahre zuvor gestorbenen ersten Frau. Doch es war eben Liebe, sagten die beiden Alten, ein Tag im Spätsommer, an dem sie sich noch einmal fühlen durften wie Romeo und Julia. Später waren eher Philemon und Baucis ihr Ideal: unzertrennlich bis zum letzten Tag. Die Ehe bestand fast 20 Jahre, und als er starb, friedlich und ohne Angst, da wünschte sie sich, mit ihm verbunden zu bleiben wie das greise Paar aus der griechischen Sage: als zwei Bäume, eine Linde und eine Eiche, deren Äste sich auf ewig ineinander verschlungen hatten.

Die Kinder aus seiner ersten Ehe sahen die Angelegenheit weniger romantisch: Da hatte der Vater in mehr als einem halben Leben, mehr als einem halben Jahrhundert mit ihrer Mutter eine Existenz aufgebaut - gleich nach dem Krieg, beide mittellos, doch im Lauf der Zeit, in gemeinsamer Arbeit und sparsamer Zurückhaltung, war sogar Wohlstand daraus geworden. Und dann folgte eben die neue Frau, ohne Kinder, nur ein paar Neffen und Nichten. Doch dachte ihr das Testament des Ehemannes, wie es den gesetzlichen Regeln entspricht, die Hälfte seines Vermögens zu. Die Erben dieser Hälfte würden wildfremde Menschen sein. Warum hatten die beiden überhaupt heiraten müssen? Mit fast 80 Jahren! Den Kindern des Ehemannes hatten sie erst hinterher davon erzählt.

Biografisches Neuland

Jede Familiengeschichte ist einzigartig, das stimmt schon. Aber jede ist auch ein Ausdruck ihrer Zeit und ihrer Umstände. Der demografische Wandel ist ein Phänomen, das sich zwar lange angekündigt hat, aber lange auch übersehen wurde: Innerhalb weniger Jahrzehnte ist die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern auf fast 80 Jahre geklettert, bei Frauen ein gutes Stück darüber. Und von denen, die im neuen Jahrtausend geboren sind, könnte, so die Prognose, jeder Zweite einmal hundert werden. Die Gesellschaft hat biografisches Neuland betreten; es ist riesig, ein ganzer Kontinent. Was das für die Sozialsysteme bedeutet, für das Zusammenleben, für jeden Einzelnen - das wird erst nach und nach klar. Zum Beispiel, wenn die Pflege alter Menschen zum Notstandsgebiet erklärt werden muss. Wenn Einsamkeit ganze Kohorten verzweifeln lässt, wenn Beziehungen nur noch auf dem Papier bestehen und auf das Alter noch ein kaum erforschter, neuer Lebensabschnitt folgt: das Greisenalter.

Martin Tschechne © Martin Tschechne

Was hinterlassen wir unseren Enkeln?

NDR Kultur - Gedanken zur Zeit -

Fast 400 Milliarden Euro werden jedes Jahr in Deutschland vererbt. Was aber bedeutet der demografische Wandel für diejenigen, die zu Erben werden? Ein Essay von Martin Tschechne.

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Ja, der Generationenvertrag hat sich überlebt. Die gerade Linie zwischen Geben, Nehmen und Weitergeben, eingeübt seit Jahrhunderten, seit Begriffe wie Individuum, Leistung und Eigentum das Denken einer bürgerlichen Gesellschaft beherrschen - sie ist ins Schlingern geraten. Und das schon zum dritten Mal in einem Zeitraum, den viele selbst miterlebt haben: zunächst den Krieg mit seinen Verwerfungen durch Schuld, Vertreibung und Zerstörung, dann die historisch einmalige Phase von Frieden und Wohlstand, sieben Jahrzehnte, in denen die Vermögen bis ins Unermessliche und ihre Unterschiede bis ins Unerträgliche angewachsen sind. Und jetzt, drittens, eine Demografie, die jede bekannte Ordnung über den Haufen wirft.

100 Prozent Erbschaftssteuer?

Zum persönlichen Abenteuer wird das demografische Durcheinander, wenn es ans Erben geht. Erben, so sagt der Soziologe Jens Beckert, sei eine, "Institution der Strukturbildung von Gesellschaften". Die Bestätigung eines Prinzips also, nach dem persönliche Leistung Wohlstand bedingt - und damit auch das Recht, über dessen Zweck und Verbleib bis über den eigenen Tod hinaus persönlich zu entscheiden. Genau darin liegt das ideelle Fundament einer Leistungsgesellschaft, auch wenn die hinterher mit dem Paradox umzugehen hat, dass durch Erbschaft erlangter Reichtum eben gerade nicht durch Leistung und persönliches Verdienst erworben ist, sondern sich sehr unverdient über die Nachkommen ergießt - die, nebenbei, niemandem ihre Tauglichkeit nachweisen mussten. Eine erhöhte Erbschaftssteuer also? Gar auf 100 Prozent, also die vollständige Abschaffung des materiellen Erbes? Das Zivilrecht regelt manches. Aber es mehren sich die Forderungen, denen es nicht weit genug geht.

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Denn immer wieder wird deutlich, dass und wie sehr diese Strukturen der gesellschaftlichen Realität hinterherhinken - etwa bei Gemeinschaften, die sich ganz bewusst für ein anderes Lebensmodell entschieden haben als das bewährte Papa, Mama und zwei Kinder. Bei Großeltern, die für ihre uralten Eltern in der Verantwortung stehen, anstatt den eigenen Ruhestand genießen zu dürfen. Bei kinderlosen Singles, deren ökonomischer Saldo fernen Stiefnichten und Großneffen zufällt. Oder bei Vermögenden, die keinen Nachfolger finden. Wenn es da um ein paar Tausend Euro auf dem Konto geht, schön, das lässt sich regeln. Aber was, wenn es sich um einen Betrieb mit Angestellten handelt? Ein Projekt, das noch auf seine Vollendung wartet? Um ein Grundstück, das bestellt oder verwaltet werden will? Und selbst in einem Aktiendepot steckt immer auch ein Stück Verantwortung.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 07.06.2020 | 19:00 Uhr

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