Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. © picture alliance/dpa Foto: Carsten Koall

"Die selbständigen Künstler haben mal wieder das Nachsehen"

Stand: 02.12.2021 19:10 Uhr

Die bei der Ministerpräsidentenkonferenz in Sachen Pandemiebekämpfung beschlossenen Kontaktbeschränkungen sind für Kulturveranstaltungen mit Publikum reines Gift. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann.

Herr Zimmermann, was bedeuten die heutigen Beschlüsse für den Kulturbetrieb - für Theater, Konzerthäuser, Kinos?

Olaf Zimmermann: Sie bedeuten, dass wir bundesweit 2G haben, dass in Zukunft nur noch Geimpfte und Genesene in die Kultureinrichtungen hineinkommen - egal, wie hoch die Inzidenz ist. Damit sind wir dann auch gleichgestellt mit den Restaurants und den Gaststätten.

In geschlossenen Räumen dürfen bei Großveranstaltungen im Kulturbereich nur noch 30 bis 50 Prozent der Kapazität genutzt werden. Aber ist es nicht gerade für privatwirtschaftlich betriebene Einrichtungen, wie beispielsweise Theater, Kinos, Musikclubs oder auch große Hallen, wieder mal das berühmte: zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel?

Zimmermann: Diese Einschränkungen sind natürlich ohne Zweifel massiv. Wir sind auch in einer massiven Krise, und deswegen wissen wir auch im Kulturbereich, dass wir die Verantwortung mittragen müssen. Aber wir müssen sie auch tragen können. Und deswegen ringen wir im Moment mit der Politik und mit der Verwaltung darum, dass die Hilfsmaßnahmen so passgenau werden, dass die Einrichtungen trotz dieser rigiden Maßnahmen weiter ihr Kulturangebot machen können.

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Wir wissen, dass beim Herunterfahren der Kultur die selbständigen Kulturschaffenden, die nicht bei Theatern oder Orchestern festangestellt sind, am heftigsten betroffen sind. Haben wir aus den vergangenen Wellen gelernt, oder machen wir jetzt die gleichen Fehler wieder?

Zimmermann: Zumindest sind sie nicht extra adressiert, sondern sie sind der Kollateralschaden, der jetzt wieder zu beklagen ist. Man macht es den Kultureinrichtungen jetzt ganz besonders schwer, und das wird natürlich Auswirkungen haben. Nicht alles wird stattfinden können, vieles wird mit viel weniger Publikum stattfinden - und dann wird es letztendlich auch weniger Honorar geben, wenn man dort auftritt. Die selbständigen Künstlerinnen und Künstler haben mal wieder das Nachsehen. Die Unterstützungsprogramme sind verlängert worden und werden verlängert werden. Aber das eine ist das Geld, das notwendig ist, damit man überleben kann, das noch viel wichtigere ist, dass man seine Kunst machen kann. Und das wird jetzt wieder für einige Wochen - ich hoffe nicht Monate - sehr erschwert.

Bei NDR Info haben Sie heute Morgen den Wunsch geäußert, dass mit den Beschlüssen Gleichgewicht zwischen der dringend notwendigen Pandemiebekämpfung und dem Kulturleben gefunden werden muss. Ist Ihr Wunsch erfüllt worden?

Zimmermann: Zumindest ist ein Ungleichgewicht, was ein bisschen befürchtet worden ist, nicht eingetreten: Es gab noch gestern die Hinweise, dass man den Sport besser als die Kultur stellen wollte. Das hätte ich sehr fatal gefunden. Das ist jetzt nicht so: Kulturveranstaltungen und Sportveranstaltungen werden gleich schlecht behandelt. Das ist in diesem Punkt zumindest etwas gerechter.

Aber was in diesem Papier vollständig fehlt, ist, dass ein Unterschied gemacht wird zwischen den Kulturveranstaltungen und Kultureinrichtungen, die ja durch unser Grundgesetz, nämlich die Kunstfreiheit, geschützt sind, und anderen Freizeitaktivitäten. Da haben die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin es sich mal wieder zu einfach gemacht. Sie haben alles über einen Leisten geschoren, und eigentlich geht das nicht. Wir werden darauf drängen, dass man endlich erkennt, dass das Durchführen einer Kulturveranstaltung etwas anderes ist, als in eine Kneipe zu gehen. Beides braucht der Mensch, aber es ist trotzdem ein Unterschied.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat zur Unterstützung des Kulturbetriebs enorme Geldmittel akquiriert. Auf Grütters folgt vermutlich Claudia Roth. Trauen Sie ihr Ähnliches zu?

Zimmermann: Sie hat einen schwierigen Job, den sie übernimmt. Sie ist natürlich ein Politik-Profi, und deswegen haben wir die Hoffnung, dass sie das so weiterführen kann. Monika Grütters hat - gerade in den letzten knapp zwei Jahren - hervorragend für den Kulturbereich verhandelt. Das ist aber auch wichtig und notwendig gewesen. Wir erhoffen uns von Claudia Roth, dass sie weiterhin genauso hervorragend verhandelt, weil wir im Moment auf die Unterstützung des Bundes gar nicht verzichten können. Ich glaube, dass sie das tun wird, und ich glaube auch, dass in der Bundesregierung klar ist, dass man den Kulturbereich in der neuen Bundesregierung nicht hinten runterfallen lassen kann.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.12.2021 | 18:00 Uhr

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