Stand: 10.09.2019 17:56 Uhr

Warum macht Singen im Chor Spaß?

In Deutschland sind in offiziellen Chorverbänden mehr als zwei Millionen Mitglieder organisiert. Leidenschaftliche Sängerinnen und Sänger, die nicht in einem Verband organisiert sind, gibt es aber viel mehr. Deren regelmäßiges Treffen ist seit 2011 die alle zwei Jahre stattfindende chor.com. Nach den ersten vier Ausgaben in Dortmund findet die fünfte nun in Hannover statt. Deren künstlerischer Leiter ist Moritz Puschke.

Hochkarätige Ensembles auf der chor.com

Herr Puschke, chor.com, geschrieben wie eine Internetadresse - was ist das?

Bild vergrößern
Moritz Puschke ist künstlerischer Leiter des Festivals chor.com.

Moritz Puschke: Ich fing vor zehn Jahren an, für den Deutschen Chorverband zu arbeiten. Das ist einer von diesen großen Verbänden mit ungefähr einer Million Sängerinnen und Sängern. Ich habe festgestellt, dass es zwar Festivals und lokale Zusammenkünfte gibt, aber es fehlt eine Plattform, ein Kongress, ein Festival, ein Forum für die Macherinnen und Macher der Chorszene. Die, die vor dem Chor stehen, die die Geschicke des Chors in der Hand haben, die sich um die Zukunft des Chores kümmern: Chorleiter, Dirigenten, Musikpädagogen in der Schule, Professoren an der Universität, Chormanagerinnnen und Chormanager, Vereinsvorstände.

Dazu musste ich mir etwas ausdenken, und mir wurde irgendwann klar, dass das ein Dreiklang sein muss aus ganz vielen Workshops, wo man lernt, wie es weitergehen kann, wo ich praktische Anleitung bekomme für mein tägliches Arbeiten im Chor. Es muss aber auch etwas sein, wo die Stars der Vokalmusik zu Gast sind, die tolle Konzerte machen, Konzerte auf einem Niveau, wie ich sie so zu Hause nicht höre. Und es muss eine Plattform sein, wo sich auch Musikverlage, CD-Labels, Chorverbände und Institutionen zeigen können. Aus diesen verschiedenen Elementen zusammengeknüpft habe ich diesen Marktplatz chor.com gegründet, und der findet jetzt das erste Mal Hannover statt.

Es gibt eine Menge Menschen, die gerne singen. Was macht das Chorsingen so reizvoll?

Weitere Informationen

46 Chöre singen bei der chor.com in Hannover

In Hannover hat am Donnerstag Europas größtes Chorfestival chor.com, präsentiert von NDR Kultur, begonnen. Neben zahlreichen Workshops gibt es 34 Konzerte mit insgesamt 46 Chören. mehr

Puschke: Eine Frage, mit der man wahrscheinlich eine Zwei-, Drei-Stunden-Sendung füllen könnte. In unserer digitalisierten Welt sind viele Menschen auf der Suche nach einer sinnstiftenden Tätigkeit in Gemeinschaft. Dass man sich abends trifft, in echt, dass man seinen Körper aufrichtet, einatmet, ausatmet, dass man versucht, sich mit Menschen einig zu werden - darum geht es ja beim Singen. Es geht auch darum, dass man das, was man als Hobby macht, ab und zu auch mal aufführt, seinen Freundinnen und Freunden, seiner Familie zeigt. Das ist etwas ganz Schönes, etwas ganz Elementares.

Wir wissen aus der medizinischen Forschung, dass das Singen Glückshormone ausstößt. Wir wissen, dass das Singen im Kindergarten ein praktisches Element ist, das der Integration, auch von schwierigen Kindern, dient, dass es zum Spracherwerb dient. Wir wissen auch, dass das Singen mit Demenzkranken, die gar nicht mehr sprechen können, dazu führt, dass sie sich auf einmal wieder an das eine oder andere alte Lied aus ihrer Kindheit erinnern können. Das Singen ist außerdem elementar: Man braucht kein Hilfsmittel, man muss kein Instrument gelernt haben - man kann einfach loslegen. Bei Kindern, wenn sie auf die Welt kommen, sagen wir: Sie brüllen und quaken. Wenn man genau hinhört, könnte man auch sagen: Sie singen und geben Töne von sich. Eigentlich ist es völlig logisch, dass man das dann sein ganzes Leben lang weitermachen möchte.

Etwa zwei Drittel aller Chöre haben ein eher weltliches Programm und ein Drittel ein eher kirchliches. Manifestiert sich da womöglich auch ein Säkularismus?

Video
13:45
NDR 1 Niedersachsen

Plattenkiste: chor.com

NDR 1 Niedersachsen

Moritz Puschke und Oliver Gies von chor.com sprechen mit Moderatorin Martina Gilica über das bevorstehende Festival des Deutschen Chorverbandes in Hannover. Video (13:45 min)

Puschke: Ich glaube, diese Statistiken zeigen erst mal, wie der Chor verfasst ist. Es stimmt, es gibt deutlich mehr weltliche Chöre, weil sie in Vereinen organisiert sind. Wenn man sich aber genauer mit dem Repertoire beschäftigt, dann sieht man auch, dass diese weltlich organisierten Chöre immer wieder sehr viel geistliche Musik singen und aufführen. Das hängt damit zusammen, dass bis zum 19. Jahrhundert überwiegend geistliche Musik komponiert worden ist. Aber: Es tut sich in den letzten 20, 25 Jahren einiges. Anders als in anderen musikalischen Genres ist es so, dass in der Chorszene sehr viel zeitgemäßer aktuelle Musik aufgeführt wird. Auch auf der chor.com werden ganz viele Komponisten und Arrangeure sein, mit denen man reden kann, die nicht im Elfenbeinturm sind und die nicht nur atonale Musik schreiben, sondern sehr gesangliche. Das sind Komponisten, die Texte aus der heutigen Zeit benutzen, die durchaus eine gesellschaftliche Relevanz, eine politische Dimension haben, die das aufnehmen, was uns gerade bewegt.

Das ist Musik, die man gar nicht mehr in diesen klassischen deutschen Schubladen unterteilen kann - U-Musik, E-Musik, Pop, Jazz oder Klassik -, sondern das mischt sich durchaus ein Stück weit. Und so sind auch die Teilnehmer, die zur chor.com kommen: Leute, die neugierig sind, die zwar klassische Chorleitung studiert haben oder Kirchenmusiker sind, sich aber trotzdem für Vocal Pop, für Bühnenpräsenz, für Body Percussion, für Performance Art interessieren. Ich glaube, da ist noch eine Menge Potenzial. Gerade in großstädtischen Milieus merken wir, dass es immer mehr solcher neugierigen Chorleiterinnen und Chorleiter gibt, die eine gute Ausbildung an den Hochschulen erfahren. Und da verspreche ich mir von dieser "chor.com" einige Impulse.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Moritz Puschke © Joanna Scheffel Foto: Joanna Scheffel

Warum macht Singen im Chor Spaß?

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Zum ersten Mal findet die chor.com, das Festival des Deutschen Chorverbandes, in Hannover statt. Der künstlerische Leiter Moritz Puschke erklärt, was das Chorsingen so reizvoll macht.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Weitere Informationen

Wo singen Sie denn?

Das NDR Kultur Chor-Projekt stellt die unterschiedlichsten Gesangsensembles im Norden vor. Bewerben Sie sich und setzen Sie auch Ihren Chor auf unsere musikalische Landkarte! mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.09.2019 | 19:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Warum-macht-Singen-im-Chor-Spass,journal2104.html

Mehr Kultur

83:44
NDR Info

Album (2/2)

NDR Info
00:30
NDR Elbphilharmonie Orchester

"For Seasons": der Trailer

NDR Elbphilharmonie Orchester