Lothar Mohn © dpa/Landesmusikrat Niedersachsen Foto: Fabian Gartmann

Vor dem Dialog: Die Erwartungen der Künstler an die Politik

Stand: 26.04.2021 16:20 Uhr

Am Dienstag lädt die Bundeskanzlerin Kunst- und Kulturschaffende zum virtuellen Dialog. Insgesamt 14 Vertreter der Kulturwirtschaft sind aufgerufen, über ihre Erfahrungen aus der Pandemie und ihre Erwartungen an die Politik zu sprechen.

Lothar Mohn © dpa/Landesmusikrat Niedersachsen Foto: Fabian Gartmann
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Der Landesmusikrat Niedersachsen ist selbst nicht dabei, aber trotzdem - oder gerade deshalb - wollen wir wissen, welche Forderungen er an die Regierung er stellen würde. Ein Gespräch mit dem Präsidenten Lothar Mohn.

Herr Mohn, wenn Sie morgen mitreden dürften: Was wäre Ihr größtes Anliegen?

Lothar Mohn: Mein größtes Anliegen wäre, Szenarien zu schaffen, wie wir wieder Räume und Plätze öffnen können, um gemeinsam Musik machen zu können. Die vielen freiten Musiker, aber auch die, die in Orchestern angestellt sind, hatten innerhalb des letzten Jahres gar keine Möglichkeit zu musizieren. Vielleicht mit einer kleinen Ausnahme, dass man in Gottesdiensten mitwirken konnte. Aber das ist sehr begrenzt gewesen. Auch die Zuhörer haben eine Sehnsucht danach, wieder Live-Musik zu erleben. Und dieses wurde in den letzten Monaten nicht ermöglicht.

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Es gab ja einige Konzepte von verschiedenen Veranstaltern. Haben Sie das Gefühl, dass denen zu wenig Gehör geschenkt wurde?

Mohn: Es wurden viele Konzepte entwickelt, mit den Abständen, mit Belüftungen usw, aber man ist sehr vorsichtig gewesen und man hat die Möglichkeiten, die die Häuser gegeben haben, nicht ausgeschöpft.

Bis zu Ihrem Ruhestand im letzten Jahr waren Sie eine feste Größe der niedersächsischen Kirchenmusik - zuletzt als Kirchenmusikdirektor für den größten Teil des Sprengels Hannover und Kantor in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis Hannover. Zwischen Religions- und Kunstfreiheit wurde ja im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes unterschieden. Den Kirchen wurden im Vergleich zu den kulturellen Einrichtungen mehr Freiheiten zugesprochen. Wie wichtig ist es unter diesem Vorzeichen, dass sich Kirche mit den Künsten solidarisiert?

Mohn: Die Kirchen haben sehr viel dazu beigetragen, dass Musiker wieder in kleinstem Rahmen musizieren durften. Ich habe das in meiner Arbeitsstelle auch gesehen. In der Neustädter Hof- und Stadtkirche, in der ich tätig war, haben wir eine Reihe mit Bach-Kantaten an jedem ersten Sonntag im Monat veranstaltet. Da, wo normalerweise ein Chor eingesetzt wurde, haben vier Solisten gesungen, und die Instrumentalbesetzung haben wir eingedampft - vielleicht war das damals bei Bach auch so. Wir konnten aber den Anwesenden doch eine große Freude machen, indem wir dort musiziert haben. Der Organist konnte natürlich ohne große Beschränkungen seine Musik machen.

Ende der vergangenen Woche gab es die Aktion #allesdichtmachen, die viel Aufsehen erregt hat. Mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspieler haben mit ironischen Videos die Corona-Maßnahmen kritisiert, wofür es Jubel und Zustimmung, aber auch harsche Kritik gab. Wie finden Sie das?

Mohn: Es ist natürlich schwer, Ironie zu verkraften und aus der Ironie die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Das war vielleicht von vornherein nicht so zu erwarten, dass das manche zu ernst genommen haben, was dort wiedergegeben wurde. Diejenigen, die wirklich hinter die Kulissen schauen, haben es aber trotzdem richtig verstanden.

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Und Sie konnten der Kritik auch etwas abgewinnen? Sie unterstützen das Anliegen dieser Künstler?

Mohn: Das Anliegen in jedem Fall. Es ist natürlich die Frage, welchen Weg man wählt, um sein Anliegen darzustellen. Und dies war ein Experiment, und ich denke, es ist - nicht nur, aber auch - gelungen und hat manche wachgerüttelt.

Es ist erst ein paar Tage her, dass Sie zum Präsidenten des Landesmusikrats gewählt worden sind - eine herausfordernde Zeit, um ein solches Amt anzutreten. Mit welchem Anspruch und mit welchem Grundgefühl tun Sie das?

Mohn: Es gibt noch vieles zu tun, gerade für die Solo-Selbständigen, die wirklich am Existenzminimum kratzen. Es gibt jetzt auch eine neue Entwicklung: Es gibt einen neuen Verband der freien Klassikszene, dessen Mitglieder versuchen, ihre Interessen darzustellen, weil sie bislang sehr wenig berücksichtigt worden sind.

Aber neben dem Ganzen gibt es auch eine Zeit nach Corona, und da liegt mir besonders die Musikpädagogik am Herzen. Ich finde es ganz wichtig, dass Musik in Grundschulen eine feste Größe wird und dass entsprechend viele Musikpädagogen in diese Richtung ausgebildet werden. Denn wenn wir keine Schüler haben, die Musik lernen, haben wir als Musiker auch keine Zukunft, weil wir kein Hörpublikum haben und auch keine Personen, die selbst Interesse haben, Instrumente zu lernen, in Chören zu singen et cetera.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.04.2021 | 18:00 Uhr