Stand: 13.02.2020 16:36 Uhr  - NDR Kultur

Vor 75 Jahren: Dresden erinnert an Bombardierung

Vor 75 Jahren haben die Alliierten Dresden bombardiert. Dabei wurde die Innenstadt des bis dahin vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschonten Dresdens in großen Teilen zerstört, bis zu 25.000 Menschen verloren ihr Leben. Der Geschichtswissenschaftler Matthias Neutzner hat mit einer unabhängigen Historikerkommission die Luftangriffe auf Dresden in jahrelanger Forschung aufgearbeitet.

Herr Neutzner, Dresden ist nicht die einzige Stadt, die durch Bomben der Alliierten zerstört wurde. Trotzdem spielt nirgends die Erinnerung daran eine so große Rolle und nirgends wird sie so politisiert wie in Dresden. Wie kommt es dazu?

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"Wir haben die Verantwortung, die Kausalitäten, die zu dieser Zerstörung geführt haben, mitzudenken", warnt Matthias Neutzner.

Matthias Neutzner: Das hat mit dieser nun schon 75 Jahre andauernden politischen Aufladung des öffentlichen Erinnerns an Dresden 1945 zu tun. Die wiederum ist eine direkte Folge der nationalsozialistischen Kriegspropaganda. Noch während die Bomben auf Dresden fielen, gingen die ersten Nachrichten aus der schwer getroffenen Stadt nach Berlin, und man erkannte dort, in Goebbels Propagandaministerium, dass jetzt eine längst vorbereitete Propagandakampagne gegen die westlichen Alliierten ausgelöst werden könnte. Und die behauptete zwei Superlative: zum einen den unerreichbaren kulturellen Wert der Stadt, hinter dem die militärische Bedeutung der Großstadt Dresden vollständig verborgen werden konnte. Damit konnten die Luftangriffe als militärisch sinnlos behauptet werden. Auf der anderen Seite gab es einen Superlativ an Zerstörung, den man durch wirkmächtige Sprachbilder konstruierte, gleichzeitig aber auch durch Verfälschungen, indem beispielsweise die Zahl der in Dresden getöteten Menschen verzehnfacht wurde.

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Neutzner: Diese Historikerkommission hat zwischen 2007 und 2010 vor allem an einer Frage gearbeitet: der Frage nach der Zahl der in Dresden im Februar 1945 getöteten Menschen. Das wurde mit größter Sorgfalt aus den unterschiedlichsten Perspektiven untersucht. Die Kommission hat sich mit weiteren Themen beschäftigt, aber der Fokus ist diese Zahlendebatte. Was ich seither beobachte, ist, dass sich die Diskussion rund um Dresden 1945 im regionalen, im nationalen, aber auch im internationalen Kontext versachlicht hat. Diese Verfälschungen, Überhöhungen, Verdrehungen dieser jahrzehntelangen propagandistischen Nutzung werden mittlerweile gegenstandslos gemacht durch verlässliches historisches Wissen. Das hat auch den Diskurs in unserer Stadt verändert: Zumindestens in der demokratischen Stadtgesellschaft hat es zu einer pluralen, dezentralen Erinnerungskultur geführt.

Sie plädieren also schon dafür, auch weiter an Dresden zu erinnern. Denn - ob 25.000 oder 500.000 Tote - es gibt eine Berechtigung zu trauern.

Neutzner: Ja, absolut - wenn es denn tatsächlich Trauer ist, die da verhandelt wird. Aus der Perspektive der Betroffenen, in den Familienerinnerungen spielt dieser Tag natürlich eine wichtige Rolle. Es muss geschützte Räume für diejenigen geben, die an getötete Angehörige, an die Leiderzählungen, die in ihrer Familie tradiert sind, erinnern wollen. 25.000 getötete Menschen binnen weniger Stunden - das ist eine so dramatische Katastrophe und ein Verlust, an dem Dresden noch heute leidet. Das sind so dramatische Ereignisse, dass sie aus einer lokalgeschichtlichen Perspektive, aus der Identität der Stadt heraus auch weiter behandelt werden müssen.

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Aber wir haben auch die Verantwortung, das zu kontextualisieren, die Kausalitäten, die zu dieser Zerstörung geführt haben, mitzudenken, wachsam zu sein. Einen Rückgriff auf dieselben Ideologien, nämlich auf Nationalismus, auf Rassismus, auf Demokratiefeindlichkeit, wie wir ihn jetzt in dem nationalkonservativen Diskurs wieder erleben, für den die AfD, aber auch andere Gruppen stehen, dürfen wir nicht zulassen.

Es gibt auch ein großes öffentliches Gedenken: eine Menschenkette, eine Rede von Bundespräsident Steinmeier, Podiumsdiskussionen, Glockenläuten. Wie beurteilen Sie diese öffentliche Form des Gedenkens?

Neutzner: Ich sehe das ein wenig ambivalent. Vor dem Hintergrund dieser eben beschriebenen Entwicklungen ist es unabdingbar, dass wir uns an diesem Tag auch öffentlich äußern. Ich würde mir allerdings wünschen, dass das weniger mit den großen Inszenierungen und weniger mit den missverständlichen Symbolen getan wird, sondern sehr viel stärker noch im Gespräch, im Diskurs, im sich demokratisch Verständigen darüber, mit welchen Zielen wir heute das Erinnern verbinden. Und vor allem, dass aus diesem Diskurs ein erlebbares Engagement der Stadtgesellschaft für Demokratie, Frieden und Menschenrechte entstehen würde. Wir sollten die Verantwortung, die dieses Geschichtssymbol unserer Stadtgesellschaft überträgt, nicht allein mit Worten füllen, sondern auch mit Taten. Je besser das gelingt, umso schwieriger wird es sein, das Erinnern rechtsextrem zu instrumentalisieren.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Blick auf das fast völlig zerstörte Stadtzentrum von Dresden 1945 © picture alliance / dpa

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NDR Kultur - Journal Gespräch -

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NDR Kultur | Journal | 13.02.2020 | 19:00 Uhr

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