Stand: 22.09.2020 15:50 Uhr

Vor 75 Jahren: Die Geburtsstunde des NWDR

Das Ende des Zweiten Weltkriegs markiert auch das Ende des Reichssenders Hamburg. Keine 24 Stunden dauert die Sendepause, dann geht unter Aufsicht der britischen Besatzer Radio Hamburg auf Sendung, aus dem wenige Monate später der Nordwestdeutsche Rundfunk wird, kurz NWDR. Das ist im September 1945, vor 75 Jahren. Anlass für einen kurzen Ritt durch die Geschichte des NWDR, gemeinsam mit Hans-Ulrich Wagner, wissenschaftlicher Referent am Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg.

Herr Wagner, der NWDR wurde als zentrale Rundfunkeinrichtung für die gesamte britische Besatzungszone eingerichtet. Was hatten die Alliierten bei dieser Etablierung im Sinn?

NDR Geschichte(n): Schild Nordwestdeutscher Rundfunk
Die britische Militärregierung gründete am 4. Mai 1945 zunächst Radio Hamburg, das am 22. September 1945 als Nordwestdeutscher Rundfunk gemeinsame Rundfunkanstalt für die gesamte Britische Besatzungszone wurde.

Hans-Ulrich Wagner: Die Medien sollten grundsätzlich anders strukturiert und organisiert werden. Es durfte nicht mehr passieren wie im Dritten Reich, dass das staatlich gelenkt, staatlich abhängig ist. Deswegen war es zunächst eine Station of Military Government, aber es war klar, dass die Deutschen das Schritt für Schritt übernehmen und einen demokratischen Rundfunk aufbauen sollen.

Die Briten wollten den Sender zu einer Institution ausbauen, die mehr und mehr von deutschem Personal getragen werden konnte. Wie sollte das vonstatten gehen? Wie und von wem wurde das Personal ausgewählt?

Wagner: Das war eine kleine Militäreinheit, die den Sender übernahm. Hamburg war relativ unzerstört - deswegen ging es gleich am 4. Mai los. Diese geringe Anzahl von Offizieren brauchte deutsche Mitarbeiter: als erstes deutsche Techniker, aber dann auch Journalisten und Programmmitarbeiter. Es war klar, möglichst unbelastete Leute zu finden, die das übernehmen können: Programm machen, aber auch Programmverantwortung ausüben. Das war ein Suchprozess - hire and fire.

Wie wurden die passenden Journalistinnen und Journalisten gefunden? Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung war ja noch von der nationalsozialistischen Ideologie indoktriniert.

Wagner: Man muss sich das so vorstellen, dass sehr viele dieser Leute einfach an die Tür geklopft und sich vorgestellt haben. Sie haben dann einen Termin gekriegt, wo sie ein Screening mit einem Kontrolloffizier hatten. Von Peter von Zahn weiß ich, dass er sich einfach vorstellte. Natürlich hat man auch gesucht - es war ein richtiger Suchprozess, der speziell in den ersten Monaten vonstattenging.

Wurde deren Gesinnung auch geprüft?

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Das NWDR-Funkhaus an der Rothenbaumchaussee in Hamburg Ende der 40er-Jahre. © NDR

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Wagner: Sie mussten diese Fragebögen ausfüllen und es wurde gecheckt, ob das stimmt, was in den Fragebögen steht. Ich habe mit einem der Kontrolloffiziere gesprochen, und er sagte, dass er sie hat erzählen lassen. In dem Gespräch haben die Kontrolloffiziere versucht rauszukriegen, wie die Person tickt. Man musste überzeugend sein und in den ersten Monaten überzeugend arbeiten. Dann hatte man einen Freibrief für die spätere Arbeit.

Es wurden Kontrolloffiziere der Briten eingesetzt. Wie konkret sah deren Zusammenarbeit mit den angehenden deutschen Journalisten aus?

Wagner: Von Anfang an haben sie sich als Partner der deutschen Journalisten verstanden. Oft waren es junge Leute, die noch sehr unerfahren waren, und man hat die angelernt - learning by doing. Die Offiziere haben keine Zensur ausgeübt, sondern sie sind mit ihnen die Texte noch einmal durchgegangen. Das schildern alle Zeitzeugen, die ich interviewt habe, dass dieses partnerschaftliche Verhältnis ganz entscheidend war für diesen Lernprozess, 1945 bis 1947.

Die Massenmedien, allen voran der Rundfunk, boten ein mächtiges Instrument für die Re-Education, die politische Umerziehung und Demokratisierung der Deutschen. Inwiefern spielte das hier eine Rolle?

Wagner: Re-Education war hier nicht das Movens der britischen Besatzungspolitik. Es war die Demokratisierung, man wollte eine demokratische Gesellschaft errichten, und die Medien sollten darin eine wesentliche Aufgabe erfüllen. Die Aufgabe des Rundfunks war es, an dieser demokratischen Grundordnung mitzuwirken. Sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen - das war wichtig.

NDR Geschichte(n): Schild Nordwestdeutscher Rundfunk

AUDIO: Vor 75 Jahren: Die Geburtsstunde des NWDR (8 Min)

Das BBC Modell der Training School wurde auf den NWDR übertragen. Wie arbeitete diese Rundfunkschule?

Wagner: Das war eine richtige Journalistenausbildung mit verschiedenen Kursen: wie man mit dem Mikrofon umgeht, wie man eine Reportage macht, was ein Feature ist - das war ja ganz neu. Es wurde viel diskutiert - das haben mir auch alle Zeitzeugen erzählt.

In der Geschichte des NWDR und überhaupt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist 1948 ein entscheidendes Jahr: Wie endet schließlich die Zeit des Senders als Besatzungsrundfunk?

Wagner: Die Besatzungszeit endete formal mit dem 1. Januar 1948. Da wurde der NWDR eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt - übrigens die erste in Deutschland. Die Briten zogen sich nahezu zurück und hatten noch ein bisschen die Oberaufsicht. Ansonsten ist das alles deutsche Programmarbeit.

Sprechen wir über das Ende des NWDR, über seinen letzten Glockenschlag am Silvesterabend zum Jahr 1955.

Wagner: Der NWDR war eine sehr große Anstalt. Sie reichte von Nordrhein-Westfalen über Niedersachsen, Schleswig-Holstein bis nach Hamburg. Der WDR und der NDR sind die Nachfolgeinstitutionen. Zu diesem Datum trennten sich also Köln, der WDR, und der NDR mit den drei norddeutschen Bundesstaaten.

Vielleicht können wir auch über NDR 3 sprechen, den Vorgänger von NDR Kultur. Wie ist dieser Sender entstanden?

Wagner: Das Dritte Programm ist auch wieder ein Vorbild der BBC - "the third program". Da hat man intellektuelle Sachen gemacht, wie etwa das Nachtstudio oder experimentelle Hörspiele. In dieser Tradition steht das Kulturprogramm.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.09.2020 | 18:00 Uhr

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