Stand: 16.01.2020 14:17 Uhr

Anne Brontë: Schwermut in den Hügeln Yorkshires

von Jan Ehlert
Porträt der drei Brontë Schwestern: Charlotte Brontë (1816-1855), Emily Brontë (1818-1848) und Anne Brontë (1820-1849) © Costa/Leemage
Anne, Emiliy und Charlotte Brontë, gemalt von ihrem Bruder Branwell.

Sie sind vermutlich die berühmtesten Schwestern der Literaturgeschichte: Charlotte, Emily und Anne Brontë. Die "taubengrauen Schwestern", wie Arno Schmidt sie taufte, schufen mit ihren Romanen wie "Jane Eyre", "Wuthering Heights" oder "Agnes Grey" Weltliteratur - und das völlig abgeschottet von derselben, in einem kleinen Pfarrhaus in den Mooren von Yorkshire. Am 17. Januar vor 200 Jahren wurde Anne Brontë, die jüngste der drei, geboren.

20. December 1826. Der fünfte Jahrestag meiner Hochzeit und hoffentlich der letzte, welchen ich unter diesem Dache zubringen werde. Mein Entschluß ist gefasst. Auszug "Wildfell"

Mitten in der Nacht macht sich die junge Helen Huntingdon mit ihrem kleinen Sohn auf den Weg. Ihr einziges Ziel: Fort von diesem Mann, der sie seit Jahren gedemütigt, betrogen und misshandelt hat.

Als ich auf ewig von diesem Hause, der Scene von so viel Schuld und Elend, Abschied nahm, freute ich mich, es nicht früher verlassen zu haben, denn jetzt konnte kein Zweifel über das Geziemende eines solchen Schrittes - kein Schatten von Bedauern für denjenigen, den ich zurückließ, obwalten. Auszug "Wildfell"

Die Flucht von Helen Huntingdon, die Anne Brontë in ihrem Roman "Die Herrin von Wildfell Hall" beschreibt, sorgte im viktorianischen England für einen Skandal. Denn Frauen hatten damals in einer Ehe keine eigenständigen Rechte. Schon gar nicht jenes, ihren Mann zu verlassen und ihm die Kinder zu nehmen. Der Moment, in dem Helen die Tür hinter sich zuwirft, habe Schockwellen durch ganz England gesandt, beschrieb es die Vorkämpferin der feministischen Sufragettenbewegung, May Sinclair.

Martyrium eines heimlichen Schmerzes

Die englische Schriftstellerin Anne Brontë, dargestellt von Charlie Murphy in der BBC Serie "To walk invisible" © BBC
In dem BBC-Film "To walk invisible", der das Leben der drei Schwestern nachzeichnet, verkörpert die britische Schauspielerin Charlie Murphy Anne Brontë.

Anne Brontë selbst war keine aktive Feministin. Die jüngste der Brontë-Schwestern wuchs wie Charlotte und Emily im Pfarrhaus von Haworth in Yorkshire auf. Es schien, als habe sie ihr ganzes Leben unter dem Martyrium eines heimlichen Schmerzes gelitten, schreibt die ältere Charlotte in ihren Lebenserinnerungen über sie. Anne war still und in sich gekehrt, nur in den Fantasiewelten Angria und Gondal, die Anne mit Charlotte und Emily erdachte, durchlebte sie die Abenteuer, von denen sie träumte. Ihre Gedichte, in denen sie ihr Leben in Haworth beschrieb, waren düster und schwermütig.

Blow on, wild wind; they solemn voice
However sad and drear
Is nothing to the gloomy silence
I have had to bear.

Selbst die einsame, traurige Stimme des Windes sei nichts im Vergleich zu dem bedrückenden Schweigen, das sie aushalten müsse, schreibt Anne, mit der für die Brontë-Schwestern typischen Mischung aus Naturbildern und Traurigkeit. Nachzulesen in einem Gedichtband, den die drei 1846 gemeinsam veröffentlichten - unter männlichen Namen: Charlotte als Currer, Emily als Ellis und Anne als Acton Bell. Auf eigene Kosten ließen sie 1.000 Bücher drucken. Verkauft wurden gerade einmal zwei Exemplare. Um die Familie finanziell zu unterstützen, nahm Anne eine Stelle als Gouvernante im 17 Meilen entfernten Mirfield an. Lange hielt sie es dort jedoch nicht aus. Diese Erlebnisse hat sie in ihrem ersten Roman, Agnes Grey, verarbeitet:

Entweder waren die Kinder so unverbesserlich, die Eltern so unverständig oder ich selbst in meinen Ansichten so unrichtig oder so unfähig, sie auszuführen, daß meine besten Absichten und eifrigsten Anstrengungen keine besseren Resultate hervorzubringen schienen, als Vergnügen für die Kinder, Unzufriedenheit für die Eltern und Folterqualen für mich. Auszug "Agnes Grey"

"Agnes Grey", Annes fiktives Alter Ego, findet am Ende ihr Glück und heiratet. Und auch Helen Huntingdon, ihre "Herrin von Wildfell Hall" findet doch noch den Mann, der sie liebt. Anne selbst blieb dieses Glück verwehrt. Mit 26 Jahren kehrte Anne ins Haus ihres Vaters zurück, wo sie 1849, mit gerade einmal 29 Jahren, an Tuberkulose starb. In der literarischen Wahrnehmung steht sie im Schatten ihrer beiden Schwestern Charlotte und Emily, doch für die feministische Literatur ist sie die bedeutendste der Brontë-Schwestern: Denn mit der Tür, die sie Helen Huntingdon hinter sich und ihrem unglücklichen Leben schließen ließ, öffnete sie eine andere Tür: die Möglichkeit für ihre Leserinnen, genauso zu handeln wie die Herrin von Wildfell Fall.

Das Grab Anne Brontes in Scarborough, North Yorkshire. © imago Foto: Robert Harding

AUDIO: Zum 200. Geburtstag von Anne Brontë (3 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.01.2020 | 07:20 Uhr