In einem Schaufenster in der Fußgängerzone hängt ein Schild mit der Aufschrift "geschlossen" © picture alliance/dpa Foto: Christophe Gateau

Von Corona bis Cancel Culture - das Kulturjahr 2020

Stand: 23.12.2020 18:23 Uhr

Wer konnte 2019 schon ahnen, dass ein Jahr später ein Virus die ganze Welt im Griff haben würde - mit herben Folgen auch für den Kulturbetrieb, für viele Künstlerinnen und Künstler hierzulande.

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von Hannah Lühmann

Vielleicht muss man sich das Kulturjahr 2020 als apokalyptisches Roadmovie vorstellen: In einer völlig versteppten Geisteslandschaft stehen sich die letzten Überlebenden mit geladenen Waffen gegenüber oder rasen funkensprühend auf existenzieller Mission durch die Einöde. Corona hat uns alles genommen, was uns in den vergangenen zehn Jahren Reste der Illusion ließ, das Feuilleton sei der Ort, an dem freundliche Intellektuelle in liebevoller Kleinarbeit die neuesten Kulturerzeugnisse bewerten. Es gibt kein Theater mehr, keine Kinos, keine Museen, und was uns bleibt, sind die grellen Schlaglichter der sogenannten Kulturkämpfe, in denen es immer um alles geht: Meinungsfreiheit oder Zensur? Freiheit oder Gerechtigkeit? Rassismus oder Empowerment?

Zarte Pflänzchen der Normalität

Übersicht
Samira El Ouassil und Ijoma Mangold © imago

Cancel Culture, Identitätspolitik und das richtige Vokabular

Ein Gespräch mit der Autorin Samira El Ouassil und dem Literaturkritiker Ijoma Mangold. mehr

Bevor im März der erste Lockdown seinen Schatten über das Land wirft, blühen in unserem Feuilleton aber noch zarte Pflänzchen der Normalität: Mit einer heute befremdlich erscheinenden Inbrunst widme ich mich der Frage, ob Greta Gerwigs Kostümfilm "Little Women" feministischen Standards genügt. Vor der Oscar-Nacht streiten wir uns im - heute verwaisten - Newsroom ausufernd darüber, wie der Live-Ticker zu gestalten sei. Und ich schicke einen Kollegen zum Dresdner Semperopernball, von wo er eine geniale Reportage mitbringt, in der er das dortige Geschehen zum "Dresden-Drag-Race" erklärt, zur "heterosexuellen Travestie". Er unterhält sich dafür mit Teenagern im Raucherzelt, trinkt Glühwein beim Public Viewing - undenkbare Exzesse der Nähe aus heutiger Sicht. Als sich in Thüringen der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen lässt, sagt ein Kollege: "Merkt euch den 5. Februar!" und meint damit den Anfang vom Ende der Demokratie.

Das Virale als Grundverfassung unserer Zeit

Als die Welt sich dann tatsächlich verdunkelt, versuchen wir Zeichen zu lesen: Wir analysieren den Begriff "Ausnahmezustand". Wir laden Denker und Denkerinnen ein, die aktuelle Situation auf ihr gesellschaftsveränderndes Potenzial hin zu beleuchten. Wir schreiben Selbstfindungsessays, in denen wir während des Lockdowns unsere Schreibtische entrümpeln und uralte Korrespondenzen mit bundesrepublikanischen Schriftstellern entschlüsseln. Wir geben sogar einen Corona-Fortsetzungsroman in Auftrag - er stammt von Thomas Glavinic. Ich glaube, es ist der erste seiner Art im deutschsprachigen Feuilleton und er beschäftigt sich hauptsächlich mit Kryptowährungen.

In den folgenden Wochen entsteht eine ganz neue Art von Essay in den deutschsprachigen Feuilletons, die darauf abzielt, Corona als Metapher für gesellschaftliche Veränderungen zu lesen: das Virale als Grundverfassung unserer Zeit, unsere Hörigkeit gegenüber den Maßnahmen als autoritäre Sehnsucht. Das scheitert allerdings bald daran, dass Corona keine Metapher ist, sondern furchtbar real. Und so steigen wir, enttäuscht von der erkenntnisstiftenden Funktion der Seuche, auf unsere Kulturkampfmobile und ziehen hinaus in die Einöde, um nach potenziellen Gegnern Ausschau zu halten.

Der seltsamste Aspekt von Cancel Culture

Im März begegnet uns ein Trupp Rowohlt-Autoren, die sich für eine Art apokalyptische Reiter halten. Sie befinden sich im Kampf gegen Woody Allen, dessen Autobiographie sie verhindern wollen - als Akt der Solidarität mit seiner adoptierten Tochter, die dem Regisseur seit Jahrzehnten vorwirft, sie missbraucht zu haben. Der offene Brief der Autoren ist die Eröffnung einer Reihe von Debatten, die sich im Kern um die immer gleiche Frage drehen: Soll etwas stattfinden oder soll es nicht stattfinden? Muss Woody Allen, dem - so die Logik - "mächtigen" alten weißen männlichen Regisseur seine "Plattform" entzogen werden, damit andere Stimmen sprechen können, schwächere, oder - so ginge das Framing wohl weiter - "interessantere" Stimmen?

Im April jedenfalls erklingt eine brutale Stimme: Till Lindemann schreibt ein Gedicht. Es handelt davon, wie das Lyrische Ich eine Bewusstlose vergewaltigt. Es kommt zu Protesten. Lindemanns Verlag bekundet daraufhin erst, die Protestierenden hätten den Unterschied zwischen Verfasser und Lyrischem Ich nicht verstanden. Und dann, als die Proteste nicht aufhören: dass die eigene Reaktion unangebracht gewesen sei, so der Verlag, man sich entschuldige und in Zukunft sensibler mit dem Thema sexuelle Gewalt umgehen werde. Der seltsamste Aspekt von Cancel Culture beginnt sich zu zeigen: der kolossale Mangel an Souveränität, den die Institutionen an den Tag legen, sobald ein Shitstorm sich am Horizont abzeichnet. Diese gespenstische Abfolge immer gleicher Schritte, bei der jemand etwas tut, dafür öffentlich angegriffen wird und sich dann entschuldigt. Als ließe sich nicht voraussagen, wie bestimmte Kreise auf Social Media auf bestimmte Themen reagieren - als ließe sich nicht zu den eigenen Entscheidungen stehen, als ließen sie sich nicht verteidigen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 27.12.2020 | 19:00 Uhr