Kardinal Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, nimmt an einer Videokonferenz der digitalen Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz teil. © picture alliance/dpa/EPA POOL Foto: Sascha Steinbach

Virtuelle Bischofskonferenz: Kirchenmänner im Krisenmodus

Stand: 25.02.2021 18:19 Uhr

Die digitale Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz ist zu Ende gegangen. Welche Tendenzen sind zu erkennen? Ein Gespräch mit Florian Breitmeier aus der Redaktion Religion und Gesellschaft.

Debattiert wurde etwa über die Beihilfe zum Suizid, die große Zahl der Kirchenaustritte, die Frage nach der gelebten Ökumene und über die Causa Woelki - also die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche.

Herr Breitmeier, immer weniger Menschen wollen in der Kirche bleiben - vor allem in der katholischen. Wie will die Deutsche Bischofskonferenz die Menschen weiterhin erreichen, was will sie gegen die vielen Kirchenaustritte tun?

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
Florian Breitmeier leitet die Redaktion Religion und Gesellschaft im NDR.

Florian Breitmeier: Es ist deutlich geworden, dass sie neu hinhören will, um dann vielleicht Konzepte erarbeiten zu können. Es wird aus dem Teilnehmerkreis berichtet, dass der Osnabrücker Bischof Franz Josef Bode darauf hingewiesen hat, dass die Kirche auch Menschen in den klassischen Pfarrgemeinden aufsuchen soll, die sich dort gar nicht mehr beheimatet fühlen und von manchen Angeboten enttäuscht sind, aber trotzdem noch etwas von der Kirche erwarten - eine Spiritualität, eine Mystik. Es geht auch darum, Orte wie Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser oder Altenheime stärker in den Blick zu nehmen und nicht nur die klassische Kirche, den Sonntagsgottesdienst anzubieten. Es geht um eine neue Haltung der Kirche gegenüber den Menschen: bewusst zu fragen, was die eigentlich brauchen, was ihre Interessen und Bedürfnisse sind. Da will die Kirche stärker zuhören. So hat es jedenfalls Bischof Bätzing heute bei der virtuellen Pressekonferenz deutlich gemacht.

Denn eines ist klar: Auch die Bischöfe müssen sich fragen, ob sie nicht durch ihr Verhalten auch dazu führen, dass viele Menschen die Kirche verlassen. Das ist etwas, was man auch in der Arbeitswelt feststellen kann: Menschen kündigen meistens ihren Chefs, aber selten den Aufgaben. Deshalb ist es auch eine kritische Anfrage an das Führungspersonal, wenn so viele Menschen die Kirchen verlassen.

Die Menschen wünschen sich von der katholischen Kirche, dass sie sich bewegt. Sie haben selbst im Vorfeld gesagt, dass die Bischöfe lernen müssen zu streiten, sie müssen Konflikte ausfechten. Spürt man davon etwas?

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Breitmeier: Ich habe in der virtuellen Pressekonferenz Bischof Bätzing gefragt, wie es denn mit dem Streit stehe, ob die Bischöfe sich etwas gegenseitig vergeben mussten - so hatte das der päpstliche Botschafter im Vorfeld dieses Treffens empfohlen. Da ist Bätzing ein bisschen ausgewichen: Natürlich habe man sehr gut zugehört und sich auch ausgesprochen. Es gibt Differenzen und unterschiedliche Auffassungen, aber dass man konfrontativ streitet, um an Konflikten zu wachsen, das ist immer noch ein Manko innerhalb der katholischen Kirche. Denn diese Ausarbeitung der, wie Bischof Bätzing es nannte, "desaströsen Kommunikation" im Hinblick auf die Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln, ist ja ein Thema, was alle Bistümer belastet, was auf die Kirche ausstrahlt und sehr vieles überlagert. Und dort ist ein Streit in der Auseinandersetzung weiterhin wichtig. Was wollen die Bischöfe? Was will die Kirche? Welche Standards hat sie? Und wer muss persönliche Verantwortung übernehmen, wenn gegen Leitlinien oder gegen Standards der Aufarbeitung, die man sich selbst gesetzt hat, verstoßen hat?

Der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki steht seit Monaten heftig in der Kritik, weil er ein bereits vor einem Jahr angekündigtes Gutachten einer Münchner Kanzlei zum sexuellen Missbrauch unter Verschluss hält. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz Bätzing bedauert, dass sich in der Debatte um die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs derzeit vieles auf das Erzbistum Köln konzentriere. Den Fokus allein dorthin zu richten, "wäre doch allzu kurzschlüssig", sagte Bätzing bei der Pressekonferenz. Ist diese Argumentation gerechtfertigt?

Breitmeier: Wir wissen ja nicht, was in den Zimmern tatsächlich diskutiert worden ist, da die Beratungen nicht öffentlich sind. Natürlich sind das Aussagen eines geschickten Moderators, der weiß, dass er den Kölner Erzbischof nicht an den Pranger stellen kann. Sondern er muss ihn auch mitnehmen, um vielleicht manche Veränderungen zu erreichen. Es ist klar, dass die bloße Fokussierung auf das Erzbistum Köln, so Bätzing, nicht weiterhilft. Auch ein Rücktritt wird da allein nicht weiterhelfen. Das ist eine entscheidende Phase, in der sich die Kirche befindet: Will sie einen bewussten Perspektivwechsel einnehmen und die Betroffenen sexualisierter Gewalt konsequent in den Mittelpunkt stellen? Oder will sie als Institution gut dastehen?

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Bischof Bätzing hat angekündigt, dass es nun stärker darum gehen soll, beispielsweise eine kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit einzuführen. Das hat damit zu tun, dass viele Betroffene auf Nachfragen zu ihren Fällen oft überhaupt keine Antwort erhalten. Die Prozesse innerhalb der katholischen Kirche sind also total intransparent, und so eine Verwaltungsgerichtsbarkeit würde es schaffen, dass bestimmte Entwicklungen transparent nachvollziehbar werden. Das sind Signale, die Bischof Bätzing aussenden wollte: Wir bewegen uns doch.

Aber es bleibt sehr viel Kritik an der Kölner Causa, und das wird die katholische Kirche zurecht noch lange beschäftigen. Denn hier gibt es sehr viel Wut, die sich unter den Gläubigen, die zum Kern des Gemeindelebens gehören, aufgestaut hat.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.02.2021 | 18:00 Uhr