Stand: 04.06.2019 18:11 Uhr  - NDR Kultur

Vertrag mit Daniel Barenboim vorzeitig verlängert

Am Dienstag hatte Berlins Kultursenator Klaus Lederer kurzfristig zu einer Pressekonferenz geladen. Es ging um die Zukunft der Staatskapelle Berlin, der Staatsoper Unter den Linden - und damit auch um die Zukunft von Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, über den zuletzt eher Unappetitliches verbreitet wurde. Nun aber Champagnerlaune, denn der Vertrag, der ohnehin noch bis 2022 läuft, wurde vorzeitig um fünf Jahre verlängert. RBB-Kulturkorrespondentin Maria Ossowski hat an der Pressekonferenz teilgenommen.

Frau Ossowski, warum ist der Vertrag nun verlängert worden?

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Maria Ossowski

Maria Ossowski: Eigentlich hätte der Vertrag erst Ende des Jahres verlängert werden müssen, aber wegen der erwähnten Vorwürfe über den Führungsstil von Daniel Barenboim hat Klaus Lederer das Ganze vorgezogen, damit eine gewisse Planungssicherheit da ist. Das Orchester, die Oper und Berlin, so Lederer, hätten Barenboim viel zu verdanken, und es hätte keine Gründe gegeben, ihn jetzt umzubesetzen.

Sind die Vorwürfe damit ad acta gelegt?

Ossowski: Die Vorwürfe sind noch im Raum - das ist ganz klar. Es ging um Machtmissbrauch, und er würde zu Musikern unfreundlich und demütigend sein. Dazu gab es von verschiedenen Stellen in der Staatsoper eine Art Untersuchung, und der Kultursenator hat alles zurückgewiesen:

"Erstens konnten keine der rechtlich relevanten Vorwürfe erhärtet werden. Zweitens gibt es in Bezug auf den Umgang miteinander durchaus Verbesserungsmöglichkeiten. Es sind aber alle Beteiligten gewillt, sich gemeinsam diesem Veränderungsprozess zu stellen, und dieser Veränderungsprozesses ist mit dem heutigen Tag nicht beendet, sondern er steht erst am Anfang. Lassen Sie mich drittens hinzufügen, dass die Arbeit in einem großen Orchesterzusammenhang allen Mitwirkenden ein Höchstmaß an Belastungen auferlegt." Klaus Lederer

Deshalb gab es eine Belastungsanalyse. Lederer hat betont, keine künstlerische Existenz wurde ein menschliches Fehlverhalten entschuldigen. Aber man kann sich jetzt bei einer Ombudsstelle melden, wenn es wieder Probleme gibt. Alle Musiker und der Dirigent arbeiten also an einer Verbesserung der Situation.

Im Haus scheint also Frieden einzukehren. Aber was heißt diese Vertragsverlängerung für Berlin und für die drei Opernhäuser? Da gibt es ja auch ständig Diskussionen und Zank.

Ossowski: Das Wichtige ist, dass Barenboim vor einiger Zeit in der Wochenzeitung "Zeit" gesagt hat, er kämpfe gar nicht um sein eigenes Geld und seinen eigenen Vertrag - er kämpfe für mehr Geld für die Staatsoper. Dazu haben sie heute gar nichts gesagt. Die Staatsopern-Musiker sind die mit Abstand am besten verdienenden Opernmusiker in Berlin, und das gibt bei der Opernstiftung immer sehr viel Ärger. Die Musiker sind natürlich glücklich, weil sie wissen, was sie Barenboim zu verdanken haben. Und Barenboim selbst geht es auch gut. Er will weitermachen, solange seine Kräfte es erlauben:

"Wenn meine Kräfte nachgeben, werde ich sofort gehen, weil ich nicht aus Loyalität als eine Reliquie hier behalten werden möchte. Es geht hier um eine Geschichte, die nächstes Jahr 450 alt ist, um dieses Orchester, und das ist das Wichtigste." Daniel Barenboim

Das Gros des Orchesters steht hinter ihm, und ich habe heute etwas Interessanteres beobachtet: Offensichtlich hatte diese Presseresonanz auf Barenboim die Folge, dass das Orchester näher zusammengerückt ist. Für den Orchestervorstand sprach die Geigerin Susanne Schergaut:

Wenn man so intensiv, leidenschaftlich und so einfordernd arbeitet wie er, liegt es in der Natur der Sache, dass es zu Kontroversen kommt. Aber seine Tür für Gespräche war immer offen. Und wir hatten einige. Die Gespräche sind intensiver geworden, vor allen Dingen auch im Orchester. Wir sind offener geworden, und Herr Barenboim hat nochmal ganz deutlich seine Bereitschaft signalisiert, mitzuwirken, dass die Arbeitsatmosphäre gut ist und dass der künstlerische Anspruch im Mittelpunkt steht. Susanne Schergaut

Was ich noch spannend fand, war, dass Susanne Schergaut sich verboten hat, dass die Presse ihr oder dem Orchester diktiert, wie das Verhältnis zum Chefdirigenten sein soll. Das wollten sie autark entscheiden.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.06.2019 | 19:00 Uhr

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