Stand: 12.05.2020 10:19 Uhr  - NDR Kultur

Verschwörungen: "Wir alle neigen dazu, daran zu glauben"

Die Corona-Pandemie schürt Ängste und Verunsicherung - ein guter Nährboden, nicht für Viren, sondern auch für Verschwörungstheorien. Politiker unterschiedlicher Parteien haben deshalb vor einer Radikalisierung der Corona-Proteste gewarnt. Aller Lockerungen zum Trotz sind am Wochenende tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Corona-Einschränkungen zu protestieren - darunter auch einige mit extremen Weltansichten. Die Ökonomin und Bürgerrechtlerin Katharina Nocun kennt diese Szene genau.

Frau Nocun, warum ist diese Krise ein so fruchtbarer Nährboden für Verschwörungstheoretiker?

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Katharina Nocun war von Mai bis November 2013 politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland.

Katharina Nocun: Psychologische Studien haben ganz klar gezeigt, dass wir alle in Situationen, wo wir das Gefühl haben, dass wir einen Kontrollverlust erleben, eher dazu neigen, Verschwörungserzählungen zu glauben. Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Wenn es große Ereignisse in der Welt gibt, beispielsweise der Tod von Prominenten, Kriege oder Terroranschläge, dann haben wir ganz oft die Neigung zu sagen: So etwas kann kein Zufall sein - da muss es einen großen Plan geben. Diese beiden Effekte verkoppeln sich in der Pandemie und sorgen dafür, dass Menschen in unserem Umfeld, die wir eigentlich für ganz vernünftig gehalten haben, plötzlich in eine Parallelwelt abdriften und eine große Verschwörung glauben. Das ist auch eine Bewältigungsstrategie von einigen Menschen, um mit dieser schwierigen Situation irgendwie umzugehen.

Ist fehlende Bildung der Grund, warum sich jemand in krude Theorien verstrickt?

Nocun: Es wurde wissenschaftlich untersucht, inwiefern Alter, Geschlecht, Einkommen und Bildung eine Rolle spielen bei der Neigung, an so etwas zu glauben. Es gibt einige Zusammenhänge: Männer glauben eher dran als Frauen, und ein niedriger Bildungsgrad geht eher mit dem Glauben an Verschwörung einher. Aber diese Zusammenhänge sind nicht wirklich stark. Mehr Bildung kann das Problem eventuellen in einigen Fällen lösen, aber insgesamt ist es nicht das Patentrezept - so einfach können wir es uns leider nicht machen. Wir sehen auch, dass sehr gebildete Menschen, teilweise Professoren diesem Sog erliegen und jetzt merkwürdige Dinge von sich geben. Ich würde eher sagen, dass dieses Gefühl von Kontrollverlust der wichtigste Faktor ist.

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Eigentlich vertrauen wir gern auf die Meinung von Experten; in der Corona-Krise zum Beispiel auf die Einschätzungen von Virologen. Warum haben Verschwörungstheorien überhaupt eine Chance gegen diese Expertenmeinungen?

Nocun: Es gibt sehr interessante Untersuchungen dazu: Es wurde getestet, wie Menschen, die an sehr viele Verschwörungsmythen glauben, zu Expertenmeinungen stehen. Es hat sich herausgestellt, dass normale Menschen so etwas wie Experten-Bias haben: Wenn wir wissen, dass jemand seit zehn Jahren als Virologe arbeitet, dann vertrauen wir seiner Einschätzung eher als jemanden, der einen YouTube-Kanal hat und sich seit einem Monat mit Corona beschäftigt. Das ist eine nützliche Verzerrung im Denken, und diese Verzerrung haben Menschen mit einer starken Verschwörungsmentalität nicht. Zugespitzt kann man sagen, dass Menschen, die an Verschwörungserzählungen glauben, die Einschätzung zu Corona von irgendeinem YouTube-Kanal oder dem eigenen Friseur für genauso stichhaltig halten wie die eines Experten. Es wird da also nicht so unterschieden.

Viele Politikerinnen und Politiker befürchten eine Spaltung der Gesellschaft und warnen davor, dass Extremisten die Corona-Krise als Plattform für demokratiefeindliche Propaganda missbrauchen. Ist diese Sorge begründet?

Nocun: Bei den Demonstrationen, die gerade stattfinden, gibt es kaum Abgrenzungen vom rechtsextremen zum verschwörungsideologischen Lager. Da werden teilweise Verschwörungsideologen wie Ken Jebsen als Hauptredner ans Mikro gelassen, und das ist ein Problem, weil diese Menschen Ansichten vertreten, die sich sehr weit davon entfernen, was man in der Mitte der Bevölkerung oder in der Wissenschaft ansiedeln würde. Die behaupten, dass die Wissenschaft keine triftigen Aussagen treffen würde, sie leugnen wissenschaftliche Fakten, sie konstruieren Verschwörungen unter Zuhilfenahme von angeblichen Belegen, die sich als Falschmeldung herausstellen. Man muss sehr vorsichtig sein, welchem Protest man sich momentan anschließt. Ich kann das absolut verstehen, wenn Eltern nicht nachvollziehen können, dass Möbelhäuser in einigen Bundesländern offen haben, Kitas aber nicht. Aber wenn man zu solchen Veranstaltungen geht, wo man nicht genau weiß, wer dahinter steht, dann kann es sein, dass nebenan ein Rechtsextremist protestiert, der alles andere als mehr Bürgerrechte oder mehr Freiheitsrechte im Sinn hat.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Katharina Nocun © picture alliance/dpa Foto: Ole Spata

Verschwörungen: "Wir alle neigen dazu, daran zu glauben"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Warum ist die Corona-Krise ein so fruchtbarer Nährboden für Verschwörungstheoretiker? Die Ökonomin Katharina Nocun mit einem Erklärungsversuch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.05.2020 | 19:00 Uhr