Stand: 19.02.2019 19:00 Uhr

"Privat war Lagerfeld ein völlig anderer Mensch"

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Mit dem Verleger Gerhard Steidl hat Karl Lagerfeld etliche Bücher geschaffen.

Voller Hochachtung wurde Karl Lagerfeld in der Pariser Modeszene "Karl der Große" genannt. Der Hamburger Jung, der seit Jahrzehnten die Welt der Mode beherrschte, ist nun im Alter von 85 Jahren gestorben. Mit dem Göttinger Verleger Gerhard Steidl schuf Lagerfeld etliche Bücher - er hatte im Steidl Verlag seine eigene Reihe.

Herr Steidl, auf vielen Feldern war Karl Lagerfeld ein großer Meister. Auf welchem Feld schätzten Sie ihn am meisten?

Gerhard Steidl: Er hat ja immer gesagt, dass er drei Berufe hat: Modedesigner, Fotograf und Verleger. Er war in allen drei Berufen gleich gut und hat sie alle drei gleich ernst genommen. Für mich war es ganz schmackhaft, dass ich mit meinen Dienstleistungen zwei Berufsfelder abdecken konnte: Fotografie und das Verlagswesen. Wir haben mit ihm im Laufe der Jahre ungefähr 40 Fotobücher gemacht, und dazu 50, 60 literarische Titel.

Von Hamburg in die Pariser Modewelt

Die Kreationen, die er für Chanel geschaffen hat, haben wir alle vor Augen. Was hat ihn denn als Fotografen ausgemacht?

Steidl: Seine berufliche Fotografie war natürlich die Mode. Alles andere nannten wir "private Fotografie": Das waren Porträts von Menschen, die er gerne gemacht hat, Abstraktionen, Architektur, Landschaft. Von diesen fotografischen Welten haben mir immer die Abstraktionen am besten gefallen. Er hatte ein unglaubliches Auge; er entdeckte plötzlich etwas - ein Schatten verändert eine Wand oder einen Türgriff -, und das hat er fotografiert, vielleicht mit etwas Unschärfe, und so ist ein sehr anspruchsvolles, atmosphärisch dichtes Foto entstanden. Wir haben das für uns behalten, aber ich habe vor, in den nächsten Jahren eine große Ausstellung nur mit Abstraktionen zu machen.

Die Worte "privat" und "Karl Lagerfeld" passen schwerlich zusammen. Man hat immer nur eine Kunstfigur vor Augen: dunkle Sonnenbrille, weiß-gepuderter Zopf, hoher Hemdkragen, dunkle Krawatte, meistens Handschuhe dazu. Wie hat sich dieser Privatmensch hinter der Maskerade verborgen?

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Steidl: Wie bei vielen anderen prominenten Menschen auch, ist die Maskerade notwendig, um Distanz zu wahren, damit das Publikum, das ihn schätzt, ihm nicht zu nahekommt. Dafür hat er die dunkle Sonnenbrille gehabt und den hohen Kragen. Aber es gab auch die Leute, mit denen er gearbeitet hat und mit denen er privat zusammen war - und da war er ein völlig anderer Mensch, man könnte fast sagen: so wie du und ich. Er war äußerst umgänglich, höflich, amüsant, und das haben wir alle sehr genossen. Die, die mit ihm gearbeitet haben, standen in einer ganz eigenwilligen Beziehung zu ihm, denn er hat verlangt, dass man hochpräzise arbeitet, bis zum Umfallen, bis tief in die Nacht. Alle waren erschöpft, und er war der Einzige, der noch Ideen hatte. Auf der anderen Seite musste man auch von ihm bei Laune gehalten werden - und das hat er vortrefflich hingekriegt.

Da beschreiben Sie ihn als einen Teamplayer - er selbst hat sich als Egoist bezeichnet. War das kokett oder ehrlich?

Steidl: Ja und nein. In der Kunst gibt es eigentlich keine Demokratie, jemand muss entscheiden. Als ich angefangen habe, für ihn zu arbeiten, habe ich ihm vier verschiedene Buchumschläge hingelegt. Die hat er sich ganz entgeistert angesehen und gesagt: "Können Sie denn nicht entscheiden, welcher der beste ist? Legen Sie mir bitte nur einen Entwurf vor, den Sie für am besten halten, und dann entscheiden wir gemeinsam." Und so hat er es immer gehalten, so ist seine Mode entstanden. Er hat nie an mehreren Entwürfen gleichzeitig gearbeitet, sondern nur an dem einen Kleid für den einen Empfang einer Schauspielerin. Das hat er ausgearbeitet, und dazu gab es keine Alternative. Das ist das, was er umschrieben hat mit Egoismus oder einer autoritären Anordnung, dass er gesagt hat: "Letzten Endes wird es so gemacht, wie ich es haben will." Und nur so ging es auch. Sie dürfen nicht vergessen, dass er Hunderte Kleider pro Jahr gemacht hat, dazu noch Schuhe, Handtaschen, Bücher, Fotos und Ausstellungen. Das machen andere nicht in vier Leben.

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Steidl: Er hat die besten Buchhandlungen auf der ganzen Welt gekannt und dort eingekauft. Er hat nie Bücher übers Internet bestellt, sondern er hat den Kontakt zu den Buchhändlern gesucht, weil er auch beraten werden wollte. So ist diese Buchsammlung entstanden. Ich habe mal vor Jahren einen Test gemacht, weil ich wissen wollte, ob er die Bücher auch wirklich alle gelesen hat. Ich habe aus dieser Bibliothek in seinem Studio, wo ungefähr 300.000 Bände aufgereiht sind, eins herausgenommen und habe zu ihm gesagt: "Ich habe dieses Buch hier gerade durchgeblättert und finde es nicht so toll." Er hat mir geantwortet: "Sie haben völlig recht. Gucken Sie mal auf Seite 224, was da für ein Unsinn steht." Er kannte jedes Buch in seiner Bibliothek. Er hat ein langes Leben gehabt, und in einem langen Leben schafft man es schon, eine ganze Reihe von Büchern in seinem Gehirn aufzunehmen.

Welche Facette von Karl Lagerfeld werden Sie am meisten vermissen?

Steidl: Diese tagtägliche Flut von Ideen. Er hat meistens schon morgens um fünf oder sechs Nachrichten oder SMS geschickt. Er hat übrigens nie E-Mails geschrieben - früher waren es Faxe, und dann löste sich das ab durch SMS oder Fotos, Zeichnungen, Skizzen, die er angefertigt hat. Das ging bis tief in die Nacht hinein, und es war völlig egal, ob man mit anderen Sachen beschäftigt war - Karl hatte immer Vorrang vor allen Dingen, weil seine Dinge so anspruchsvoll waren. Er hat nie aufgegeben, um das beste Resultat zu kriegen. Diesen Anspruch, den er in die tagtägliche Arbeit gegeben hat, werde ich sehr vermissen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Ein Porträtbild zeigt den Mode-Designer Karl Lagerfeld. © picture alliance / AP Photo Foto: Christophe Ena

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NDR Kultur | Journal | 19.02.2019 | 19:00 Uhr

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