Stand: 25.02.2020 19:38 Uhr  - NDR Kultur

Harvey Weinstein: Ein Urteil mit Signalwirkung

Beim Prozess gegen den US-amerikanischen Filmmogul Harvey Weinstein ist am Montag das Urteil gefallen: Eine Geschworenenjury sprach Weinstein schuldig. Mit welcher Strafe er zu rechnen hat, soll demnächst bekannt gegeben werden. Jahrelang soll sich Weinstein an Frauen vergangen haben. Ein Gespräch mit dem USA-Korrespondenten Peter Mücke.

Herr Mücke, Weinstein soll nach dem Schuldspruch in eine Klinik eingeliefert worden sein, und seine Verteidiger haben angekündigt, gegen die Entscheidung vorzugehen. Was ist da los?

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ARD-Korrespondent Peter Mücke berichtet aus den USA.

Peter Mücke: Harvey Weinstein soll nach dem Urteil über Schmerzen in der Brust geklagt haben und ist daraufhin in ein Krankenhaus nach Manhattan gebracht worden. Nach der Entlassung soll Weinstein nach Rikers Island gebracht werden, die berüchtigte Gefängnisinsel vor New York. Denn der Richter hat entschieden, dass Weinstein bis zur Urteilsverkündung in Haft muss. Seine Verteidigung versucht aber, das zu verhindern - auch mit dem Hinweis auf den Gesundheitszustand des 67-Jährigen. Am Dienstag hat er aschfahl im Gerichtssaal gesessen, als das Urteil gefallen ist. Jedenfalls wird die Verteidigung versuchen, das Urteil anzufechten. Ein möglicher Hebel könnte dafür sein, dass in der Jury eine Frau saß, die einen Roman geschrieben hat, in dem es genau um dieses Thema geht: Mächtige alte Männer vergehen sich an jungen Frauen. Da fragt man sich in der Tat, warum so eine Person in der Jury sitzt, die ja neutral sein soll. Offenbar ist das im Vorfeld nicht aufgefallen.

Was bedeutet dieser Schuldspruch für die Opfer des Sexualstraftäters und für die #MeToo-Bewegung, die durch diesen Prozess erst in Gang gekommen war?

Mücke: Die Reaktionen sind etwas unterschiedlich. Die Geschworenen haben Weinstein nur in zwei Anklagepunkten schuldig gesprochen, den am wenigsten schwerwiegenden. Es geht um eine Vergewaltigung in einem minderschweren Fall, was im amerikanischen Recht so definiert ist, dass der Sex nicht einvernehmlich war, aber auch nicht mit Gewalt erzwungen wurde. Der zweite Fall war eine schwere sexuelle Nötigung.

In den schwerwiegendsten Anklagepunkten, schwere Vergewaltigung und zweimalige räuberische sexuelle Erpressung, ist Weinstein freigesprochen worden. Das hat manche Frauen in der #MeToo-Bewegung enttäuscht. Wobei man dieses differenzierte Urteil durchaus positiv interpretieren kann. Denn damit nimmt man den Kritikern den Wind aus den Segeln, die sonst argumentieren könnten, dass das ein Schauprozess war, bei dem es nicht um konkrete Fälle ging, sondern nur darum, ein prominentes Opfer zu finden.

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Nach dem Schuldspruch drohen Harvey Weinstein nun bis zu 29 Jahre Gefängnis.

Das Urteil ist aber insgesamt überwiegend positiv aufgenommen worden - auch von Prominenten, von denen man das nicht unbedingt erwartet hätte. Präsident Trump hat das Urteil begrüßt, auch Hillary Clinton sagte, das Urteil spreche für sich selbst. Es sei an der Zeit gewesen, dass Weinstein Rechenschaft ablegt. Auch bei den mutmaßlichen Opfern ist viel Erleichterung zu spüren.

Bei Prozessen um Sexualstraftaten ist die Verteidigungslinie der Anwälte auf Täterseite oft, dass man die mutmaßlichen Opfer als unglaubwürdig darstellt. Diese Strategie haben wir auch hier so ähnlich erlebt - sie ist aber diesmal nicht aufgegangen. Was ist bei diesem Prozess anders?

Mücke: Die Strategie der Anklage hat sicherlich eine Rolle gespielt, über diese beiden konkreten Fälle hinaus weitere Zeuginnen anzubieten, um zu zeigen, dass es eine Art System gab, in dem Weinstein immer wieder versucht hat, junge Frauen zum Sex zu zwingen. Auf diese Art und Weise hat er über Jahrzehnte seine einflussreiche Position ausgenutzt.

Ein wichtiger Faktor ist auch, dass sich die Zeiten geändert haben, dass es heute dank der #MeToo-Bewegung eine andere Sensibilität gibt, was das Thema sexualisierte Gewalt angeht - gerade in solchen Abhängigkeits- und Machtverhältnissen. Heutzutage kommt man mit solchen Sachen nicht mehr durch, mit denen man vor 20 Jahren noch durchgekommen ist.

Dieses Urteil kann eine Signalwirkung entfalten. Glauben Sie, dass sich jetzt andere Frauen ermutigt sehen, ebenfalls vor Gericht zu ziehen?

Mücke: Ich könnte mir das schon vorstellen. Gerade Frauenrechtlerinnen reden von einer neuen Ära, die im US-amerikanischen Rechtssystem angebrochen ist. Auf der anderen Seite war das für die Zeuginnen ein harter Prozess - das mag den einen oder anderen abschrecken. Aber in einem Rechtssystem wie dem amerikanischen, das sehr auf Präzedenzfälle ausgelegt ist, dürfte das eine Ermutigung sein.

Es gibt noch kein Strafmaß gegen Weinstein. Bis zu 25 Jahre Haft stehen im Raum. Auf was läuft das hinaus?

Mücke: Schwer zu sagen. Es könnten am Ende sogar noch mehr als 25 Jahre sein. Maximal wären 29 Jahre - und das ist bei einem 67-Jährigen fast schon eine lebenslange Haftstrafe. Fest steht: Wenn es bei diesem Schuldspruch bleibt, muss Weinstein für mindestens fünf Jahre ins Gefängnis.

Das Gespräch führte Janek Wiechers

Ein Mikrofon liegt auf einem Mischpult. © NDR Foto: Gitte Alpen

Harvey Weinstein: Ein Urteil mit Signalwirkung

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Der US-amerikanische Filmmogul Harvey Weinstein ist schuldig gesprochen worden. Jahrelang soll er sich an Frauen vergangen haben. Ein Gespräch mit dem USA-Korrespondenten Peter Mücke.

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NDR Kultur | Journal | 25.02.2020 | 19:00 Uhr

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