Stand: 29.04.2020 17:34 Uhr  - NDR Kultur

Ver.di fordert mehr Hilfe für Künstler in Corona-Krise

Viele freie Künstlerinnen und Künstler haben gerade kein oder nur ein geringes Einkommen und hoffen auf Sonderfonds und Soforthilfen. Agnes Schreieder macht sich seit Jahren für die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in der Kulturbranche stark. Sie ist ver.di-Landessekretärin für Kunst und Kultur im Norden. Ein Interview zu Corona-Hilfen für Kulturschaffende.

Frau Schreieder, das Coronavirus hat uns seit einigen Wochen im Griff. Wie empfinden Sie die aktuelle Lage mit Blick auf Kunst und Kultur?

Agnes Schreieder © Agnes Schreieder/ver.di
Agnes Schreieder ist besorgt: "Sehen sehr viele, die von den Soforthilfe-Maßnahmen nicht profitieren können."

Agnes Schreieder: Dramatisch. Wir sehen seit Wochen geschlossene Einrichtungen, Museen, Theater, soziokulturelle Stätten, Clubs, keine Konzerte mehr. Das ist sehr bitter für die Menschen, die dort ihre Kunst, ihre Arbeit erledigen und vorführen. Um diese Leute, aber auch um ihre Kunst zu unterstützen, engagieren wir uns schon seit Wochen.

Ihre Arbeit hat wahrscheinlich stark zugenommen. Wo engagieren Sie sich besonders?

Schreieder: Gleich zu Beginn haben wir uns vor allem in der Politik massiv dafür starkgemacht, dass selbstständig arbeitende Künstlerinnen und Kulturschaffende Unterstützung bekommen. Wir wissen, das Kurzarbeitergeld für genau diese Leute nicht infrage kommen kann, und haben mit der ganzen Kraft unserer Gewerkschaft Lobby-Arbeit betrieben. Wir haben sehr darauf gepocht, dass für Solo-Selbständige Unterstützungsleistungen der öffentlichen Hand eingerichtet werden. Das war zunächst auch der Fall, allerdings mit großem und wichtigem Korrekturbedarf.

In welche Richtung?

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Schreieder: Zu Beginn hat die Bundesregierung Möglichkeiten geschaffen, Mittel zu beantragen - aber diese sind für die meisten unserer Mitglieder und auch die meisten, die freiberuflich Kunst und Kultur machen, nicht zugänglich, weil im Grunde Betriebsmittel unterstützt werden und Liquiditätsengpässe vorgelegt werden müssen. Das ist für die allermeisten nicht möglich. Insofern war es richtig, dass einzelne Bundesländer - Hamburg gehört dazu - gleich zu Beginn eigene Landesprogramme aufgelegt haben, die zusätzliche Mittel für Freiberufler bereitstellen. Leider wurde das nicht bundesweit gemacht. Da besteht noch immer erheblicher Korrekturbedarf - und daran arbeiten wir auch auf politischer Ebene.

Rechtlich ist es nun immerhin möglich, Künstlerinnen und Künstlern Ausfallhonorare zu bezahlen. Geht das in die richtige Richtung?

Schreieder: Das sollte flächendeckend passieren - diese Auffassung vertreten wir auf jeden Fall. Es ist wichtig, in dieser Krisenzeit Kunst- und Kulturschaffende nicht mit Hartz IV alleine zu lassen. Denn das ist im Moment die Alternative für nichtvorhandene öffentliche Unterstützung. Für freiberufliche Kultur- und Kunstschaffende sollte ein Nothilfefonds aufgelegt werden, der mindestens 80 Prozent des Jahreseinkommens des vergangenen Jahres als Unterstützung vorsieht.

Wir finden auch wichtig, was der Deutsche Kulturrat schon seit einiger Zeit gemeinsam mit vielen Organisationen einfordert: dass man einen Corona-Kulturunterstützungsfonds auflegt. Man hört, dass Frau Grütters das nun auch in der Politik weiterbewegt. Die Größenordnung, die da genannt wird, geht auf jeden Fall in die richtige Richtung.

Über diesen Strukturfonds in einer angedachten Höhe von 500 Millionen Euro wird gerade verhandelt. Was schon fest steht, ist ein Soforthilfeprogramm für freie Orchester und Ensembles in Höhe von 5,4 Millionen Euro. Was bringen solche Töpfe?

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Schreieder: Sehr viel. Das erleben wir bei vielen Mitgliedern: Ihre geplanten Aufführungen, Vorstellungen, Konzerte werden abgesagt - und es es gibt häufig keinerlei Honorarzahlung, keinerlei Ersatz, nicht mal anteilig. Dass nun auf der Ebene von bundesfinanzierten Kultureinrichtungen konsequent Ausfallhonorare vergütet werden sollen - wenn auch nur zum Teil -, ist eine absolut richtige und wichtige Maßnahme und auch Botschaft, die wir unbedingt auch auf Landesebene und auf kommunaler Ebene sehen möchten. Denn wir haben viele Landeskultureinrichtungen und kommunale Kultureinrichtungen, wo das Problem dasselbe ist. Wir hoffen also, dass diese Initiative auf der Bundesebene durch alle Kulturinstitutionen übernommen wird.

Werden Künstlerinnen und Künstlern auch durch dieses Netz fallen? Haben Sie Kenntnis von Gruppen, die vielleicht doch nicht so berücksichtigt werden, wie es eigentlich sein sollte?

Schreieder: Im Moment sehen wir sehr viele, die von diesen Soforthilfe-Maßnahmen nicht profitieren können. Wir haben uns sehr bemüht, dass wir verschiedene andere Unterstützungsleistungen und Optionen bekommen. Das ist auch passiert. Es ist so, dass man in der KSK mit geringerem Jahreseinkommen trotzdem einen Versichertenstatus aufrechterhalten kann, dass man in verschiedenen Sozialversicherungsinstitutionen unter verringerten Zahlungen oder Stundungen weiterhin sozialen Schutz erhalten kann, dass man Wohngeld unter vereinfachten Bedingungen beantragen kann. All diese Maßnahmen sind grundsätzlich begrüßenswert. Aber als generelle und institutionalisierte Hilfe für Corona-Ausfälle finden wir das nicht passend. Wir wollen nicht, dass Menschen in diese Unterstützungleistungen gedrängt werden. Wir wollen, dass strukturelle Maßnahmen aufgelegt werden, die allen, die Corona-Ausfälle haben, eine Absicherung gewähren.

Wir hoffen auch, dass die Fragen der sozialen Sicherung für Künstlerinnen und Künstler auch nach Corona-Zeiten viel ernsthafter und viel verbindlicher von uns allen, und insbesondere von der Politik, gehandhabt werden als bisher.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Agnes Schreieder © Agnes Schreieder/ver.di

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NDR Kultur | Journal | 29.04.2020 | 19:00 Uhr