Christine Adelhardt. © NDR Foto: Christian Spielmann

VW-Prozessbeginn: "Martin Winterkorn und seine Ingenieure"

Stand: 15.09.2021 20:12 Uhr

Heute beginnt in Braunschweig der Prozess gegen den früheren VW-Chef Martin Winterkorn und seine Ingenieure. So heißt denn auch die NDR-Dokumentation über den Dieselskandal, "Martin Winterkorn und seine Ingenieure", die in der ARD Mediathek zu sehen ist.

Christine Adelhardt. © NDR Foto: Christian Spielmann
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Winterkorn selbst wird in der eigens für diese Verhandlung zum Gerichtssaal umfunktionierten Stadthalle in Braunschweig aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein, aber es stehen in Gestalt von vier weiteren VW-Managern erstmals Mitverantwortliche vor Gericht. Den ganzen Skandal mit aufgedeckt hat Christine Adelhardt, die stellvertretende Leiterin des Ressorts Investigation beim NDR. Ihre Rechercheergebnisse stecken auch in der siebenteiligen Podcast-Reihe "Winterkorn und seine Ingenieure".

Frau Adelhardt, markiert der Prozess einen Schlusspunkt in dieser scheinbar nicht enden wollenden Skandalchronik - oder ist es nur ein weiteres Kapitel?

Christine Adelhardt: Definitiv ein weiteres Kapitel, und da werden noch viele weitere Unterkapitel folgen. Das ist jetzt der erste Strafprozess, und damit wird erstmals strafrechtlich darüber nachgedacht und verhandelt, wer was wann wie gewusst hat. Wer hätte handeln können oder handeln müssen? Ich glaube, es wird sehr spannend werden zu sehen, wie sich die einzelnen Beteiligten da verteidigen werden. Also: ein weiteres spannendes Kapitel.

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Mit welchen vier Managern haben wir es da zu tun? Wo sind die hierarchisch einzuordnen?

Adelhardt: Wir haben es da mit zwei leitenden Ingenieuren zu tun, die auch Hauptabteilungsleiter waren, also schon eher oben angesiedelt. Die sagen, sie hätten ihre Chefs immer informiert und sich korrekt verhalten. Sie wussten, dass das vielleicht zu Problemen mit den Behörden führen könnte, aber deswegen hätten sie es ja mit den Chefs besprochen.

Die beiden anderen, die angeklagt sind, gehören zum Top-Management: ein früherer Motorenchef und ein früherer Vorstand. Die wiederum sagen: So ist es nicht gewesen, ihr habt uns nicht gewarnt, ihr habt nicht gesagt, dass das Betrug sei. Wir konnten gar nicht wissen, dass das zu Problemen führt, weil ihr uns nicht ordentlich informiert habt. Das ist so in etwa das Setting derer, die bei dem ersten Strafprozess auf der Anklagebank sitzen.

Was ist von so einem Team zu halten, wenn die sich gegenseitig die Schuld zuschieben und sie keiner wirklich eingesteht?

Adelhardt: Vielleicht ist auf beiden Seiten ein bisschen Wahrheit. Ich habe mich damit jahrelang beschäftigt, und uns ist es auch gelungen, für die Doku und für den Podcast mit Menschen aus diesem inneren Zirkel zu sprechen. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen rund hundert Personen. Am Anfang dachte ich, irgendjemand wird sich das ausgedacht haben, dann hat einer einen Haken dran gemacht, und dann wurde das Ding eingebaut. Aber so scheint es eben nicht zu sein. Die Geschichte ist doch sehr grau in vielen Schattierungen. Ich glaube schon, dass ein Teil der Wahrheit ist, dass es ihnen schon klar war, dass das, was da entwickelt wurde, nicht ganz koscher ist. Einer hat zu uns gesagt: Sie müssen sich das wie eine rote Ampel vorstellen - da darf man auch nicht drüber gehen, aber man macht es trotzdem. Das heißt, man hat die Folgen komplett unterschätzt, und man war sich vielleicht tatsächlich gar nicht so sicher darüber, ob das ein großer Betrug ist oder eine Trickserei, die in der Automobilindustrie - beileibe nicht nur bei VW - irgendwie auch branchenüblich war. Testerkennungszyklen war denen nicht unbekannt. Aber keiner von denen hätte geglaubt, dass er eines Tages als mutmaßlicher Betrüger vor Gericht stehen würde.

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Podcast-Cover: Winterkorn und seine Ingenieure © [M] picture alliance / Bernd v. Jutrczenka; unsplash / Erik Mclean, Paul Wong Foto: [M] picture alliance / Bernd v. Jutrczenka; unsplash / Erik Mclean, Paul Wong

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Der einzige, der bis jetzt zur Verantwortung gezogen worden ist, ist Oliver Schmidt, der ehemalige USA-Manager von VW, der dort zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden ist. Ist das so eine Art Bauernopfer gewesen?

Adelhardt: Bei ihm ist es ähnlich wie bei allen Personen, mit denen man sich da beschäftigt hat - Täter oder Opfer? Er ist irgendwie beides. Er ist damals von VW in die USA entsandt worden, um mit den dortigen Behörden zu verhandeln. Die waren da schon sehr nervös und waren dieser Testerkennung schon auf der Spur. Er sollte die so ein bisschen kalmieren und nicht die ganze Wahrheit sagen - so schildert er das jedenfalls. Insofern hat er seinen Anteil zumindest an der Verschleierung dieser Software gehabt. Aber er ist natürlich auch Opfer, weil er zwei Jahre später im Urlaub am Flughafen festgenommen wurde. Damit hat er überhaupt nicht gerechnet, weil er dachte, dass es nicht so schlimm sei, nicht die ganze Wahrheit gesagt zu haben. Die Amerikaner haben das anders gesehen und haben ihn zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ja, er hat mit Sicherheit unter all denen bislang den höchsten Preis für diese Affäre bezahlt.

Sie haben unter anderem einen siebenteiligen Podcast aus dieser Geschichte gemacht. Wie klingt der? Ist das True Crime?

Adelhardt: Da wird einerseits die Geschichte chronologisch erzählt, mit sehr tiefen Einblicken, wer sich wann mit wem wie getroffen haben soll. Wer wann was wie gesagt haben soll. Und es gibt eine zweite Ebene, wo Jennifer Lange mit dem Kollegen Alexander Droste einen sehr engen Kontakt zu Oliver Schmidt gehalten hat. Sie sitzen im Studium mit der Management-Trainerin Sabine Asgodom und versuchen, aus diesem ganz tiefen VW-Einblick herauszukommen und das auf eine andere Ebene zu heben. Sabine Asgodom versucht eher den Blick darauf zu werfen, was das grundsätzlich für Strukturen sind, die zu so etwas führen können. Wie viel von dem ist ganz singulär, und wie viel davon ist das, was jeder aus seinem eigenen Berufsumfeld kennt? Aber True Crime bleibt es trotzdem.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 14.09.2021 | 18:00 Uhr