Stand: 15.07.2020 17:12 Uhr  - NDR Kultur

Corona: Wie geht der Schulbetrieb nach den Ferien weiter?

Wie geht es für die Schülerinnen und Schüler nach der Sommerpause weiter? Darüber wird in diesen Tagen viel diskutiert. An der Debatte beteiligt sich auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund. Ein Gespräch mit dem Bildungsexperten Uwe Lübking.

Herr Lübking, die Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder hat sich wieder zu Wort gemeldet und einen Rahmenplan für die Hygienemaßnahmen in Schulen verabschiedet. Trotz Corona-Pandemie soll - wenn es nach der KMK geht - nach den Sommerferien wieder der Regelbetrieb starten. Für wie realistisch halten Sie diese Idee?

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"Uns muss klar sein, dass es auch nach den Sommerferien keinen normalen Schulbetrieb geben wird", sagt Bildungsexperte Uwe Lübking.

Uwe Lübking: Zunächst einmal ist es vollkommen richtig, dass das Recht der Kinder auf Bildung wichtig ist und auch durch die Corona-Pandemie nicht über Gebühr eingeschränkt werden darf. Von daher erwarten viele Schüler und Eltern, dass sich die Schulen weiter öffnen. Auf der anderen Seite muss uns klar sein, dass es auch nach den Sommerferien keinen normalen Schulbetrieb geben wird, sondern wir werden weiter mit dem Coronavirus leben müssen, und das wird auch weiter Auswirkungen auf den Schulbetrieb haben.

Die Kultusministerkonferenz hat drei verschiedene Szenarien erarbeitet. Je nach Infektionsgeschehen soll eines dieser Szenarien greifen. Szenario A: Regelbetrieb, Szenario B: rollierender Betrieb mit abwechselndem Unterricht in der Schule und zu Hause, Szenario C: Komplettschließungen von Schulen. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne rechnet mit "an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" damit, dass Szenario A umgesetzt wird. Dieses Szenario sei "nah an Schule, so wie wir sie aus der Vor-Corona-Zeit kennen". Auf einen Mindestabstand werde verzichtet, auch Schutzmasken in den Klassenräumen seien nicht nötig. Welches Szenario halten Sie für wahrscheinlich?

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Lübking: Das ist in der Tat schwer einzuschätzen, weil das Infektionsgeschehen in der Bundesrepublik sehr unterschiedlich ist, und das werden wir auch im Lehrbetrieb spüren. Sicherlich ist es wünschenswert, Szenario A zu favorisieren - aber auch das ist kein Regelbetrieb, wie wir ihn kennen. Denn auch dort, sagen die Kultusminister, soll es möglichst feste Lerngruppen geben. Auch dort wird es zur Verlagerung von Unterrichtsanteilen ins häusliche Lernen kommen können. Das ist also noch nicht der normale Schulbetrieb, aber er kommt ihm einigermaßen nahe. Das setzt natürlich voraus, dass die Hygiene-Voraussetzungen in allen Schulen erfüllt werden können. Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Kultusminister in den Ländern in den Sommerferien mit den kommunalen Schulsachaufwandsträgern ins Gespräch kommen, wie man diese Hygiene-Vorschriften sicherstellen kann.

Was müsste aus Ihrer Sicht während der Sommerpause passieren, um einen halbwegs normalen Schulbetrieb möglich zu machen?

Lübking: Wenn es möglicherweise zu weiteren Teilungen von Klassen kommt, muss man sich die Frage stellen, wo die Räume sind, die wir für den Unterricht brauchen. Gibt es in all diesen Räumen Waschbecken mit fließendem Wasser? Wie sieht es mit Seifenspendern aus? Wie sieht es mit dem Schulbusverkehr aus, was insbesondere die ländlichen Räume angeht? Denn es macht wenig Sinn, wenn in den Schulbussen neue Infektionsherde entstehen können. Haben wir ausreichend Lehrkräfte? Auch das ist eine Frage, die gerade von den Lehrergewerkschaften gestellt wird. Werden die Arbeitsschutzbedingungen eingehalten? Wo sind besondere Risikogruppen, die für einen Unterricht gar nicht zur Verfügung stehen? Ein weiterer Punkt wäre auch, dass wir für Lehrer und Schüler regelmäßige Teststrategien vorsehen.

Der Bundeselternrat hat gefordert, dass sich Lehrerinnen und Lehrer angesichts der Corona-Pandemie in den Sommerferien nicht in den Urlaub begeben, sondern sich stattdessen in digitalem Unterrichten fortbilden. Was denken Sie darüber?

Uwe Lübking © picture alliance / dpa Foto: Soeren Stache

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Schule in Corona-Zeiten - wie geht es weiter? "Uns muss klar sein, dass es auch nach den Sommerferien keinen normalen Betrieb geben wird", sagt Bildungsexperte Uwe Lübking im Interview.

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Lübking: Das ist eine Problematik, die uns schon länger umtreibt. Die Corona-Pandemie hat noch einmal gezeigt, dass wir bei dem Thema Bildung in der digitalen Welt weit hinterherhinken. Hier hätten die Länder schon längst aktiv werden müssen, hätten sehr offensiv Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote für die Lehrerinnen und Lehrer machen müssen. Viele Lehrkräfte wussten beim Homeschooling gar nicht, wie sie mit ihren Schülern kommunizieren und wie sie digitalen Unterricht konzipieren können. Das jetzt in den Sommerferien nachzuholen, wird man kaum schaffen, denn das ist eine längerfristige Sache. Hier haben die Länder die Entwicklung etwas verschlafen.

Das andere Thema ist, dass viele Schulen in einem baulichen Zustand sind, der einen Unterricht unter Corona-Bedingungen nur schwer zulässt: Belüftungsfragen, Raumgrößenfragen und so weiter.

Wegen der überaus positiven Entwicklung der Corona-Pandemie im Nordosten des Landes hat der Rostocker Hygiene-Professor Andreas Podbielski zu einem mutigeren Umgang mit Öffnungen von Kitas und Schulen geraten. Er hat vorgeschlagen, in ausgewählten Einrichtungen für wenige Wochen testweise einen Regelbetrieb unter Vor-Corona-Bedingungen laufen zu lassen und zu schauen, ob das funktioniert. Was denken Sie über dieses Versuchslabor Kita beziehungsweise Schule?

Lübking: Da bin ich sehr zwiespältig. Früher hat man von den Juristen gesagt: Zwei Juristen, drei Meinungen - jetzt sagt man das auch von Epidemiologen und Virologen. Es ist wichtig, wenn wir zu einer vorsichtigen Öffnung kommen, dass wir dort Begleitforschung machen. Aus Sachsen haben wir gehört, dass es dort keine Infektionsherde in den Schulen gegeben hat. Aber Schulen zu Versuchslaboren zu machen - das ist nicht der richtige Weg.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.07.2020 | 19:00 Uhr

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