Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Unwörter des Jahres: "Corona-Diktatur" und "Rückführungspatenschaften"

Stand: 12.01.2021 16:06 Uhr

Das Unwort des Jahres 2020 steht fest. Ach nein, stimmt nicht: Die Unwörter stehen fest, "Corona-Diktatur" und "Rückführungspatenschaften". Glossierende Anmerkungen von Ulrich Kühn.

von Ulrich Kühn

Na, so was! Bisher wurde immer nur ein Unwort gekürt. Das Sprachelend muss sich verdoppelt haben. Oder die legendäre Meinungsstärke der Unwort-Jury hat sich halbiert. Beides wäre kein Wunder. Dass ein so tapferes Gremium nach so vielen Jahren in herkulischem Geiste praktizierter Sprachhygienetätigkeit eine Kraftpause einlegt – wer könnte es ihm verdenken? Und: Nur unmusische Tröpfe bestreiten, dass es um unser schönes Deutsch nicht zum Besten steht. Unter 625 eingesandten Unwort-Vorschlägen entsprechen 75 einem der Unwort-Kriterien. Es herrscht Unwort-Inflation.

"Corona-Diktatur" in sich widersprüchlich

Und das ist sogar untertrieben. Die Deutschen sind laxer geworden, die Hacken knallen nicht mehr beim Ja-Sagen, man lächelt jetzt eher freundlich-devot, und manchmal probt man den Widerstand, indem man heldenhaft rodeln geht, obwohl Corona ist. Ein letztes Feld zuverlässiger Erwartungserfüllung ist dem deutschen Geist aber geblieben, das ist der Gebrauch von Phrasen. Um damit aufzuräumen, bräuchte es eine neue Herkuline mit riesiger Sprachunkrauthacke. Im Umfeld der herrschenden Unwort-Inflation war die Jury zu schlecht aufgestellt, um diese alternativlose Anti-Phrasen-Maßnahme jetzt schon zu implementieren. Also, phrasenhaft gesagt.

Ein Kopfhörer liegt auf einem Mischpult. © NDR Foto: Gitte Alpen

AUDIO: Unwörter des Jahres: "Corona-Diktatur" und "Rückführungspatenschaften" (4 Min)

Das muss sich ändern. Aber wir wollen ja gerecht sein: Noch geht es um das Unwort. Schauen wir uns also an, welche Wörter erwählt sind.

Da ist, 21 Mal vorgeschlagen, die unter "Querdenkern" und bei manchem AfD-Politiktreibenden beliebte "Corona-Diktatur" - erfunden, um Anti-Pandemie-Maßnahmen madig zu machen. Es ist in sich widersprüchlich, findet die Jury, auf ausdrücklich erlaubten Demonstrationen über eine angebliche "Diktatur" zu jammern. Man verhöhnt dadurch jene, die sich in wirklichen Diktaturen gegen wirkliche Diktatoren auflehnen.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Obwohl im Unwort ein Körnchen Wahres steckt: Das winzige Virus trägt kraftvoll sein Herrscherinnenkrönchen, es flüstert uns rabiat, was zu geschehen hat. Also, Querdenkende jederlei Geschlechts: Wendet euch gegen die wahre Verursacherin! Also gegen Corona. Dann wird aus eurem Unwort vielleicht sogar noch ein Wort.

Generationenwechsel bei Unwort-Jury

Mehr zum Thema
Unwort des Jahres © fotolia.com Foto: JWS, chones

Corona-Diktatur und Rückführungspatenschaften sind Unwörter des Jahres

Jährlich benennt eine Jury das "Unwort des Jahres". In diesem Jahr sind es gleich zwei Wörter geworden. mehr

Und weil die Jury pädagogisch begabt ist, erteilt sie uns auch eine kleine Lektion. Es gab so viele Vorschläge rund um die Corona-Pandemie - da wolle man doch darauf aufmerksam machen, "dass auch in anderen Themenbereichen weiterhin inhumane und unangemessene Wörter geprägt und verwendet werden". Ah, danke, das wär’ uns nicht aufgefallen. So sind also auch die "Rückführungspatenschaften" Unwort des Jahres geworden. Die EU-Kommission hat das Wort-Ungetüm in Umlauf gebracht. Gemeint ist, dass Staaten, die Flüchtlinge nicht aufnehmen wollen, "Verantwortung für die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber übernehmen" sollen. Es sei "zynisch", den ursprünglich christlich geprägten Begriff Patenschaft so zu verwenden, sagt die Jury. Stimmt schon. Andererseits fällt auf: Patenschaft gibt es auch in der Mafia.

Die bei der Auswahl oft mittelglückliche Jury will nach dieser 30. Unwort-Kür die Aufgabe nun "in jüngere Hände" legen. Das ist spannend. Wird die Wahl künftig unpädagogischer, hintersinniger, witziger? Bisher nicht die auffälligsten Eigenschaften der Generation Gendersternchen - aber wer erst mal im Amt ist, erkennt sich oft selbst nicht wieder. Vielleicht darf ich einen Vorschlag machen: Wählt nicht mehr das Unwort - wählt die Phrase des Jahres! Für diese charmante Idee fehlte der alten Jury die Kraft. Ihr aber, ihr seid jung und stark: Die Sprachunkrauthacke her und ans Werk!

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 15.01.2019 | 14:20 Uhr