Stand: 21.05.2019 14:36 Uhr

Unverstellter Blick: Studienreise in den Iran

von Michael Briefs

Im Rahmen eines Seminars zur religiösen Diversität im Iran hat die Deutsch-Iranerin Katajun Amirpur, Professorin für Islamwissenschaft, versucht, ihren Studentinnen und Studenten auf 3.500 Kilometern Reise ein möglichst umfassendes Bild des Landes und seiner Menschen zu zeigen. Michael Briefs hat die Studierenden auf ihrer Reise begleitet und nach ihren Eindrücken befragt.

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Professorin für Islamwissenschaft Katajun Amirpur möchte ihren Studierenden ein umfassendes Bild des Iran zeigen.

Kirsten Bückers ist Ethnologin, ihr Schwerpunkt im Bachelor und Master liegt aber auf dem Iran. "Ich finde Teheran ist schon was ganz Spezielles und spiegelt eigentlich ein Leben wider, was sich viele im Iran ersehnen und das sie vielleicht auch nur in Teheran haben können", berichtet sie. Hasan Celebi studiert in Köln Islamwissenschaft und Philosophie. Für ihn ist Irans Hauptstadt ein faszinierender Kontrast zum vorherigen Besuch der abgelegenen armenischen Kirchen und Klöster im gebirgigen Nordwesten Irans: "Teheran ist eigentlich eine riesige Großstadt-Metropole mit allem, was dazugehört. Mit Studenten, Coffeeshops, Restaurants, Kaffees, Straßenbahn, lautem Verkehr, viel Dreck, aber mit einer für mich beeindruckenden Lebensfreude in dieser Situation", schwärmt der Deutsch-Kurde.

Gastfreundschaft trotz angespannter Lage

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Die Studierenden besuchten die Yusef Abad Synagoge in Teheran.

Am frühen Morgen hatten die Studierenden einen jüdischen Gottesdienst in einer der Synagogen Teherans besucht. Auf dem Weg zurück zum Hotel haben sie von Iranern in der Metro gehört, dass die USA das Land mit neuen Strafsanktionen ins Visier nehmen wollen. Trotz der angespannten Lage bleibt die Bevölkerung gastfreundlich. Celebi findet es beeindruckend, wie eine Bevölkerung 30 Jahre lang unter so einer Propaganda leben kann und sich Freiräume erkämpft und diese verteidigt.

Zum Shopping in die Buchläden

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Die Studierenden decken sich in Teheran mit iranischer Literatur ein.

In Nähe ihres Hotels an der Metro-Haltestelle Ferdousi befinden sich einige Buchläden. Manche der Studierenden sind bepackt mit schweren Einkaufstaschen. Auch für Hasan Celebi ist es ein Highlight der Reise, sich im lokalen Buchladen auszutoben. Er hat sich verschiedene Ausgaben des iranischen Nationalepos Schāhnāme gekauft, um zu sehen, wie sich die Iraner ihre eigenen Geschichten erzählen. Kirsten Bückers hingegen hat sich keine Klassiker, sondern Gegenwartsliteratur gekauft. "Ich finde es sehr spannend, ein bisschen durchzustöbern, was es für Literatur gibt und was es vielleicht auch nicht gibt", erklärt die Studentin.

Verschärfte Zensur

Was es gibt, sind iranische Klassiker von Hafez und Rumi bis Hedayat und Ahmad Shamlu. In den Vitrinen stehen auch internationale Buchtitel: Bertold Brecht, Che Guevara, Michelle Obama und Donald Trump; daneben Ratgeber und Esoterisches. Die Werke Sigmund Freuds findet man nicht. Nach der Niederschlagung der iranischen Studentenbewegung vor zehn Jahren kam es zu systematischen Säuberungen. Dazu gehörte die Islamisierung des Bildungssystems, das Verbot von Zeitungen und Zeitschriften und die verschärfte Zensur für Filme und Bücher.

Bestseller trotz Tabuthema

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Ein Straßenmusiker spielt vor der Metrostation Ferdousi. Ganz in der Nähe haben die Studierenden ihr Hotel.

Es sei jedoch auch immer wieder erstaunlich, was auf dem iranischen Büchermarkt alles erscheinen kann. "Ein interessantes Beispiel ist eine Frau, die über ein Tabuthema in der iranischen Gesellschaft schreibt", findet die Seminarleiterin. Der Debütroman der iranischen Schrifststellerin Fariba Vafi mit dem Titel "Kellervögel" ist eine Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis der Frauen im heutigen Iran. Auf den ersten Blick kann man ihre Beschreibung Teherans kaum von der einer westlichen Metropole unterscheiden. "Sie schreibt darüber, dass manche Mütter gar nicht gern Mütter sein wollten, aber nur durch die Gesellschaft dazu gezwungen worden sind. Dieses Buch ist zu einem Bestseller geworden", erzählt Amirpur.

Fehlende Möglichkeiten

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Katajun Amirpur ist gegen einen gewaltsamen Umsturz des iranischen Regimes.

Katajun Amirpur ist Professorin für Islamwissenschaft in Köln. Die Deutsch-Iranerin hat die Exkursion geplant und durchgeführt. Dabei halfen ihr die guten Kontakte mit der Universität Teheran. Die Menschen im Iran bekommen seit mehr als 30 Jahren enormen wirtschaftlichen und politischen Druck vom Ausland und der eigenen Regierung zu spüren. Zwei Wochen vor der Reise gab es Proteste der iranischen Studierenden. "Der Preis für Nudeln ist im Iran angestiegen. Und zwar so weit, dass sie sich nicht mal mehr Nudeln leisten können", berichtet Amirpur. "Man sollte der iranischen Bevölkerung noch viele Jahre Möglichkeit geben, aufzubegehren gegen das Regime, nicht durch Aufstände, aber indem sie ihre Möglichkeiten entwickeln, indem sie schreiben, diskutieren, als Zivilgesellschaft agieren." Die Bevölkerung im Iran will keinen gewaltsamen Umsturz. Daran ändert auch der schwelende Konflikt mit den USA nichts.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.05.2019 | 17:40 Uhr

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