Stand: 09.03.2020 10:32 Uhr

"Unterleuten": Romanverfilmung startet im ZDF

Im März 2016, also genau vor vier Jahren, erschien Juli Zehs Roman "Unterleuten". Und sofort eroberte die Geschichte, die in einem fiktiven Dorf in Brandenburg spielt, den zweiten Platz auf der Spiegel-Bestsellerliste. Nicht zuletzt deshalb haben die Programmmacher beim ZDF entschieden, "Unterleuten" als Dreiteiler zu verfilmen. Ulrich Noethen, Thomas Thieme, Charly Hübner und Dagmar Manzel sind nur einige Namen auf der langen Besetzungsliste. Heute läuft der erste Teil im ZDF.

Juli Zeh © imago/CommonLens
Juli Zeh hat der Figur Manfred Gotz aus ihrem Buch "Unterleuten" eine virtuelle Identität geschaffen.

Juli Zeh zeigt in "Unterleuten" nicht nur eine Welt, in die man sonst nicht so leicht Einblicke bekommt, sie öffnet den Raum gleich doppelt, auch die Grenzen des Romans verschwimmen. Denn das Spezielle an diesem Buch ist: Besonders aufmerksame und neugierige Leser können auch in der vermeintlich echten Welt auf die Protagonisten stoßen - oder zumindest in der virtuellen. Personen, Bücher und Firmen, die in der Geschichte auftauchen, lassen sich im Netz auffinden. Man könnte für einen Moment fast meinen, es gebe sie wirklich, dabei sind sie - wie jetzt klar ist - alle erfunden. Besonderer Aufwand wurde da für den Unternehmensberater Manfred Gortz betrieben. Sein Buch - ein Ratgeber- spielt im Roman eine große Rolle. Er hat eine eigene Internetseite und einen Twitteraccount - und sogar den Ratgeber gibt es. Ist das eine neue Form der Literatur? NDR Kultur hat 2016 mit Juli Zeh darüber gesprochen.

Normalerweise hat ein Buch einen ersten und eine letzten Satz - und hinter dem Buchdeckel geht dann höchstens die Fantasie noch weiter. Sie hat es aber gereizt, mit ihren Protagonisten das Papier zu verlassen, warum?

Juli Zeh: Das ist automatisch passiert. Erstens haben diese Figuren schon während des Schreibens für mich noch eine viel höhere Wirklichkeit bekommen, als es früher der Fall war. Ich habe irgendwann fast geglaubt, die gibt es wirklich. Und zum anderen gab es diese skurrile Figur des Manfred Gortz, dessen Buch in Unterleuten immer zitiert wird. Der erste Testleser von Unterleuten meinte dann: "Gibt es den eigentlich wirklich? Das klingt so überzeugend." Und so wurde die Idee geboren, ihn als echten Unternehmensberater zu erschaffen.

Das war also ein Selbstläufer, es gab keinen großen Plan?

Zeh: Genau, es war gar nicht geplant, sondern eher eine Schnapsidee. Das erste, was e sgab, war dieses Buch von Manfred Gortz, also "Dein Erfolg". Das haben dann auch Testleser bekommen und die fanden das alle total lustig. Und dann purzelten plötzlich die Ideen, was man noch so alles machen könnte. So kam eins zum anderen. Der braucht eine Webseite, dann Twitter und Facebook und dann haben wir uns gefragt, was eigentlich mit den anderen Figuren ist. Und so wurde es immer und immer größer.

Möchten Sie mit dieser "Meta-Fiktion", die sie da geschaffen haben, eine Kernaussage über Realität und Wahrnehmung treffen - oder ist das einfach ein großer Spaß?

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Buchcover: Unterleuten Juli Zeh. © Luchterhand

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Zeh: Echter Spaß entsteht ja eigentlich immer dann, wenn es einen ernsten Kern gibt und der Spaß sich auf etwas bezieht. Ein Thema, was in Unterleuten wichtig ist und mich seit Jahren beschäftigt ist, was eigentlich die Identität der Menschen in unserem Zeitalter prägt. Da spielt die Leistungsgesellschaft eine rieseige Rolle. Und was Gortz da in seinem Buch verbreitet, sind im Grunde die Leitsätze der Leistungsgesellschaft. Das wurde dann etwas überspitzt und ein Ratgeber daraus gestrickt. Das ist im Kern natürlich Gesellschaftskritik.

Steckt dahinter auch Kluge PR? Immerhin sorgen ihre Figuren außerhalb des Romanes noch einmal dafür, dass die Leute auf ihr Buch aufmerksam werden...

Zeh: Aus meiner Sicht wäre es schön, wenn es auch als PR funktionieren würde. Ich freue mich natürlich über alles und jeden, der mir weitere Leser bringt, aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass Romanleser so ticken. Ich hoffe, dass Leute Spaß daran haben, etwas zu entdecken und dem nachzugehen. Aber ich denke, das wird vor allem die Leute interessieren, die Unterleuten sowieso schon gelesen habe.

Wie reagieren denn die Leser ?

Zeh: Sehr unterschiedlich. Einige haben sofort gesagt, dass ist ja eine super Idee und fanden es lustig und andere standen davor wie der Ochs vorm Berg und haben gar nicht verstanden, was das soll. Mir ist auch immer wieder passiert, dass Leute, denen ich von dem Projekt bereits erzählt hatte, trotzdem geglaubt haben, dass dieser Manfred Gortz wirklich existiert. Der hat so eine Überzeugungskraft gewonnen und das ist so ein Wahnsinns-Statement über Identität im virtuellen Zeitalter. Wie leicht man einen Menschen erschaffen und wie schwer es ist, den Menschen wieder auszureden, dass es ihn gibt.

Und ist jetzt alles aufgedeckt - oder lohnt es sich, noch weiter zu "graben" und zu recherchieren?

Zeh: Dem nachzugehen lohnt sich sowieso. Bisher hat keiner Lust, damit aufzuhören, obwohl ja schon bekannt ist, dass da eine Inszenierung stattfindet. Aber Gortz hat heute ein Videostatement abgegeben, das demnächst veröffentlicht wird. Solange alle noch Freude dran haben, geht die Geschichte noch ein bisschen weiter.

Das Gespräch führte Joachim Dicks.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | BücherLeben | 07.05.2016 | 19:00 Uhr