Stand: 17.08.2018 14:39 Uhr

Unbehagen in der behaglichen Welt

von Paul Nolte

Wie Populismus und Kulturpessimismus die Übermacht über unseren Alltag gewinnen

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Paul Nolte ist Professor für Zeit-Geschichte an der FU Berlin.

In einer Woche ist es soweit: Das neue Buch von Thilo Sarrazin liegt in den Buchhandlungen. Wie bei den früheren Titeln des Berliner enfant terrible tönt es reißerisch und bedrohlich zugleich: "Feindliche Übernahme - Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht". Autor und Verlag dürfen sich schon die Hände reiben, denn Aufmerksamkeit und Bestsellerstatus sind gewiss. Die SPD hat dem ungeliebten Parteimitglied sogar den Gefallen getan, erneut mit einem Ausschlussverfahren zu drohen - noch mehr mediale Aufmerksamkeit, noch mehr Sarrazin in den Schlagzeilen, und vermeintlich in der Mitte der öffentlichen Debatten unserer Demokratie.

Das gleiche Muster der Rattenfängerei

Aber es geht nicht um Sarrazin. Der Ober-Apokalyptiker reitet geschickt eine Welle, die kommerziellen Erfolg verspricht - der sei ihm und anderen gegönnt. Gefährlich daran ist die Suggestion, die uns immer wieder eingetrichtert wird: Es ist nicht nur etwas „faul im Staate Dänemark“, sondern der ganze Staat, das ganze "System", wie die Populisten gerne sagen, steht auf tönernen Füßen, hat seine Existenzberechtigung eingebüßt und ist dem Untergang geweiht. Nur ein weiteres Beispiel: In wenigen Wochen erscheint ein anderes Buch, aus der Feder des Bestseller-Journalisten Hans-Peter Martin. "Game Over" heißt es, und im Untertitel: "Wohlstand für Wenige, Demokratie für Niemand, Nationalismus für alle - und dann?" Dem Ankündigungstext ist zu entnehmen, dass alles den Bach heruntergeht, nicht nur in Deutschland, sondern im ganzen Westen und auf der ganzen Welt.

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Wohlgemerkt: Martins Buch wendet sich gegen Populisten, es beschwört die Gefahr der autoritären Versuchungen, die wir in den letzten zehn Jahren verstärkt beobachten. Wenn man in Sarrazin einen Vordenker der neuen Rechten, eine intellektuelle Vorhut der AfD sehen kann, verstehen sich andere als Gegenprediger auf der Linken. Doch man muss kaum an der Oberfläche kratzen, um das exakt gleiche Muster der Argumentation – besser sollte man sagen: der Rattenfängerei - zu erkennen. Hier wie dort ist es ein populistisches Muster, das den "Eliten" oder irgendwelchen anderen äußeren Feinden der Volksinteressen die Schuld in die Schuhe schiebt und auf billigen Applaus wettet, der sich aus diffusen Ängsten vor Veränderung speist.

Zur Ignoranz verführt

Doch nicht nur der populistische Stil gibt den Grundton solcher Debatten immer mehr vor. Es ist auch die übersteigerte Diagnose des Verfalls bestehender Ordnungen. Ein solches Weltbild kennt keine Probleme, die man diskutieren und politisch bearbeiten könnte, sondern nur den großen und mittlerweile unaufhaltbaren Sog des Untergangs. Solche von Journalisten und Schriftstellern, Intellektuellen und Bohemiens genährten Szenarien des nahenden Kollapses kennen wir aus der Geschichte, zumal der des 20. Jahrhunderts, allzu gut. Der berühmte deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern hat schon Anfang der 1960er-Jahre den "Kulturpessimismus als politische Gefahr" analysiert, mit dem Blick auf den Aufstieg des Nationalsozialismus und seine geistige Ermöglichung. Die Warner vor dem Untergang waren und sind eben zugleich Propheten des Untergangs - und mehr noch: Sie sind oft genug Brandbeschleuniger.

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Manchmal muss man sich geradezu wundern, wie besonnen eine große Mehrheit der Bevölkerung angesichts des ringsum in schrillsten Tönen beschworenen apokalyptischen Untergangs weiterhin ist. Kaum zu glauben: Sie gehen ihrer Arbeit nach, erziehen ihre Kinder, pflegen ihre Angehörigen. Im Weltbild der Populisten und Kulturkritiker sind sie, wie könnte es anders sein, zur Ignoranz verführt worden; betrogen von den Eliten und von finsteren Mächten. Aber andersherum wird ein Schuh daraus: Die das Volk als dumm und betrogen darstellen, sind in Wahrheit diejenigen, die ihm nichts zutrauen, die es für einfältig halten. Es sind zuallererst die Populisten und Kulturkritiker, die das Volk entmündigen und für dumm verkaufen wollen.

Wir vermögen zu differenzieren

Zweifellos gibt es diejenigen, die sich in ihrem privaten Kokon eingesponnen haben, die gelegentlich über Politik und Weltläufte lästern, aber sonst ihrem recht sicheren und bequemen Leben nachgehen. Die schrillen Töne der Populisten sind ihnen letztlich ebenso egal wie die Idee, von der möglichst maximierten Freizeit etwas in gesellschaftliches Engagement zu investieren, sei es im Sportverein oder in der Kirche, in einer politischen Partei oder einer Bürgerinitiative. In ihre behagliche Welt vermag das Unbehagen kaum einzudringen. Aber dann ist da die große Zahl derer, die sich ihre Gedanken machen und vielleicht handeln - doch nicht so, wie die Scharfmacher es von ihnen erwarten: dass sie die Eliten zum Teufel jagen und eine neue, vermeintlich wahre Volksherrschaft errichten, sei diese Fantasie nun rechts- oder linksgestrickt. Nein, sie vermögen zu differenzieren! Mehr noch, sie akzeptieren ein Leben in Brüchen und Widersprüchen! Der Klimawandel macht Sorgen - aber die Flugreise nach Asien lasse ich mir jetzt nicht nehmen. Für die Pflege muss viel mehr getan werden - aber wenn wir ehrlich sind, ist unser Sozialstaat einer der besten auf der Welt. Und auch: Alle Menschen können nicht nach Deutschland kommen - aber helfen müssen wir doch, und ertrinken darf erst recht keiner. Die Dinge liegen eben etwas komplizierter als die populistischen Weltvereinfacher sie gerne machen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 19.08.2018 | 19:00 Uhr

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