Stand: 11.09.2018 17:38 Uhr

Shortlist: Rückbesinnung und Besonnenheit

Die Shortlist mit den sechs Finalisten für den Deutschen Buchpreis steht fest. Ulrike Sárkány, Leiterin der NDR Kultur Literaturredaktion, fällt auf, "dass ungewöhnlich viele deutschsprachige Autorinnen und Autoren sich inzwischen auf historische Themen konzentrieren".

Frau Sárkány, die beiden Top-Favoriten unter diesen sechsen könnten schnell ausgemacht sein: "Die Katze und der General" von Nino Haratischwili und "Gott der Barbaren" von Stephan Thome, zwei 700-Seiten-Schmöker. Wie sehen Sie es?

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Wer sollte den Deutschen Buchpreis 2018 bekommen? Ulrike Sárkány wünscht sich "Archipel" von Inger-Maria Mahlke.

Ulrike Sárkány: Jedenfalls hat man momentan diesen Eindruck, aber das muss gar nichts heißen: Inger-Maria Mahlkes "Archipel", Maxim Billers "Sechs Koffer" und auch Susanne Röckels "Der Vogelgott" und María Cecilia Barbettas "Nachtleuchten" stehen jetzt absolut gleichberechtigt daneben. Und wie die Jury am Sonntag vor der Preisverleihung, am 8. Oktober, sich endgültig entscheiden wird, hängt noch von vielen möglichen Faktoren ab. Auffällig ist zunächst, dass vier der sechs nominierten Autoren weiblich sind - das ist meines Wissens in den vergangenen 13 Jahren noch nie vorgekommen. Es muss wohl mit dem erstarkten Selbstbewusstsein der Frauen zu tun haben, von denen ja auch vier in der Jury sind im Gegensatz zu nur drei Männern.

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Die Sprecherin der Jury, Christine Lötscher, wird mit den Worten zitiert: "'Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen' - der berühmte Satz, den Faulkner 1951 schrieb, hängt wie ein unausgesprochenes Motto über der deutschsprachigen Literatur dieses Jahres." Das ist eine starke Aussage, aber vielleicht auch eine arg pauschale Beurteilung der neuen Bücher eines ganzen Jahres. Liegt sie denn richtig?

Sárkány: Ja, es fällt auf, dass ungewöhnlich viele deutschsprachige Autorinnen und Autoren sich inzwischen auf historische Themen konzentrieren und da in Regionen gehen, die bisher nie ausgeleuchtet worden sind in der Literatur. Stephan Thomes Roman über eine Rebellion in China Mitte des 19. Jahrhunderts und die Rolle der Kolonialherren dabei ist nur ein Beispiel. Aber eigentlich kann das nur heißen, dass sich über unsere Gegenwart gerade nichts sagen lässt, was wirklich Bestand haben könnte. Helene Hegemanns dystopischer Roman "Bungalow" stand auf der Longlist, ist nun aber aussortiert worden, wohl auch wegen schriftstellerischer Mängel. Aber Romane wie "Die Hungrigen und die Satten" von Timur Vermes, Alexander Schimmelbuschs "Hochdeutschland" oder Julia von Lucadous "Die Hochhausspringerin" hat die Jury gar nicht erst berücksichtigt. Also, wirklich aufregende Texte hat sie vernachlässigt zugunsten von literarisch hochwertigen Darstellungen geschichtlicher Zusammenhänge. Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen. Es erscheint sogar vernünftig in diesem Jahr, in dem wir uns zum Beispiel an den Fall der Türme in New York schon gar nicht mehr besonders erinnern, weil ja so viele neue Brandherde da sind.

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Meinen Sie damit, dass die Jury eine politische Stellungnahme vielleicht ganz bewusst vermeiden will, indem sie, ganz anders als im vergangenen Jahr, als Robert Menasse für sein Werk "Die Hauptstadt" gekürt wurde, diesmal einem Roman mit rein historischem Thema den Deutschen Buchpreis zuspricht?

Sárkány: Nein, so kann man das auch nicht sagen, denn keins dieser sechs Bücher kommt ja ganz ohne einen Kontext, der auf unsere Gegenwart zurückspiegelt, aus. Aber wenn konkrete Geschichten der Vergangenheit erzählt werden, ist der Kommentar immer eher ein philosophischer und nicht direkt ein politischer. Ich glaube, das ist eine sehr passende Rolle für die Literatur, auf Rückbesinnung und Besonnenheit zu setzen.

Sowohl Maxim Biller als auch Nino Haratischwili haben ja zum Teil recht negative Kritiken bekommen. Glauben Sie denn, dass am 8. Oktober im Frankfurter Römer der tatsächlich beste deutschsprachige Roman des Jahres gekürt werden wird?

Sárkány: Das hat ja in den vergangenen 13 Jahren auch noch nie funktioniert. Es gab immer Bücher, die beim Buchpreis überhaupt keine Rolle spielten und trotzdem vom Lesepublikum viel begeisterter aufgenommen worden sind. Schon 2005, beim ersten Mal, hat Arno Geiger mit "Es geht uns gut" gewonnen, aber das mit Abstand erfolgreichste Buch des Jahres war "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann.

Wir können uns aber in jedem Fall darauf verlassen, dass eine solche Fachjury uns jedes Jahr ein besonders lesenswertes und schriftstellerisch herausragendes Werk ans Herz legt. Und das ist doch auch viel wert.

Und was wäre dann Ihr Tipp? Wer sollte und wird den Deutschen Buchpreis 2018 bekommen?

Sárkány: Vom literarischen Können her setze ich auf Stephan Thome - in seinem Buch "Gott der Barbaren" steckt eine Menge Wissen und eine genau austarierte Dramaturgie. Aber in den letzten Jahren haben Robert Menasse, Bodo Kirchhoff, Frank Witzel und Lutz Seiler gewonnen, vier Männer - da muss es wohl doch mal wieder eine Frau sein. Deshalb wünsche ich mir jetzt "Archipel" von Inger-Maria Mahlke.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Ulrike Sárkány © NDR Fotograf: Christian Spielmann

Shortlist: Rückbesinnung und Besonnenheit

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Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2016 steht fest. In diesem Jahr setzt die Jury auf literarisch hochwertige Darstellungen geschichtlicher Zusammenhänge, bemerkt Redakteurin Ulrike Sárkány.

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NDR Kultur | Journal | 11.09.2018 | 19:00 Uhr

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