Stand: 18.08.2020 16:26 Uhr  - NDR Kultur

Longlist: "Das Jammern gehört zum Spiel"

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020 steht fest. Aus einer Rekordzahl von mehr als 200 Einsendungen hat die siebenköpfige Jury 20 ausgewählt. Nur etwa jedes zehnte Buch ist also noch im Rennen um den Titel "Deutschsprachiger Roman des Jahres". Sind die Richtigen dabei oder ist alles ganz anders gekommen? Fragen an Ulrich Kühn, Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur.

Herr Kühn, waren Sie überrascht, als sie die Longlist gesehen haben?

Ulrich Kühn: Zu erwarten war, dass 20 Bücher draufstehen - das war schon mal keine Überraschung. Zu erwarten war, dass einige der Bücher für heftiges Nicken sorgen, andere für Kopfschütteln - das ist auch eingetreten. Es sind zehn Frauen und zehn Männer auf der Liste vertreten - und wer das zutiefst überraschend findet, ist entweder einen Schritt zurück oder auch schon einen Schritt voraus, ganz nach Betrachtungsweise. Wenn man es dann im Detail durchgeht, kommen Überraschungen en gros, allein schon, weil so vieles fehlt, das man sich hätte wünschen können. Ulrike Draesner mit ihrem "Schwitters"-Roman hätten wir uns sehr gut auf dieser Liste vorstellen können. Wir als Literaturredaktion, die wir auch eine eigene Liste vor einer Woche bereitgestellt hatten. Oder Iris Hanikas "Echos Kammern" - das wäre auch ein Roman gewesen, den wir gern auf dieser Liste gesehen hätten. Dass "Die Bagage" von Monika Helfer nicht dabei ist, hat mindestens einen von uns, einen sehr geschätzten Kollegen, am Sinn der ganzen Veranstaltung zweifeln lassen. Sicherheitshalber ist er vorher in den Urlaub gefahren. Und außerdem gehören solche Zweifel zu einer leidenschaftlichen Buchpreis-Diskussion dazu.

Nun stehen aber 20 Bücher auf der Liste und bestimmt auch nicht nur überraschend, oder?

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Die Jury des Deutschen Buchrpreises 2020 © vntr.media

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Kühn: Ja, natürlich nicht. Das Jammern gehört zum Spiel. Frank Witzel ist zum Beispiel dabei mit "Inniger Schiffbruch", einem autobiografischen Roman. Der Erzähler ist mit dem Nachlass des Vaters zu Gange. Das lockt ihn in die Kindheit zurück, die noch viel stärker von Disziplinierungsmaßnahmen geprägt war, als das heute - jedenfalls hoffentlich - in der Breite der Fall ist. Ironisch, komisch, sehr offen, sehr traurig, souverän mit Unsicherheiten, mit Widersprüchen hantierend - die Kritik hat das Buch sehr gelobt. Frank Witzel hat den Buchpreis übrigens schon mal gewonnen, und wenn er am Ende übrig bliebe, wäre er der erste Buchpreis-Double-Gewinner und Sensationssieger.

Eher eine Überraschungssiegerin wäre in den Augen vieler Olivia Wenzel, die 1985 in Weimar zur Welt gekommen ist und für ihr Debüt "1000 Serpentinen Angst" nominiert ist. Da schreibt eine schwarze Autorin über Herkunft und Verlust und über die Rollenzumutungen in der Gesellschaft. In einem Interview hat Wenzel mal gesagt, es gehe um eine Art Coming-out als Nichtweiße. Als sie nämlich ihre ersten Theaterstücke geschrieben habe, sei ihr gar nicht aufgefallen, dass das gesamte Personal durchweg weiß gewesen ist.

Eher wenig überraschend ist, dass Thomas Hettche mit auf der Liste steht für seinen "Roman der Augsburger Puppenkiste" namens "Herzfaden", oder Robert Seethaler mit seinem schmalen Gustav-Mahler-Roman "Der letzte Satz". Aber auch Anne Weber ist für jede Longlist gut und hier dabei. Ihr Buch heißt "Annette, ein Heldinnenepos" und ist nicht als Roman markiert. Das kennen wir aus dem letzten Jahr, als Saša Stanišić gewonnen hat für "Herkunft", auch kein ausgewiesener Roman. Birgit Birnbacher würde ich gern noch erwähnen, die Bachmann-Preis-Gewinnerin von 2019, mit ihrem Roman "Ich an meiner Seite" oder Valerie Fritschs "Herzklappen von Johnson & Johnson" rund um ein Kind, das keinen Schmerz empfindet, aber ein soziales, mitfühlendes Wesen werden soll. Diesen Roman hatten wir auch auf unsere Redaktions-Longlist schon entdeckt - da hat die Jury mal gut aufgepasst.

Das klingt nach einer sehr vielfältigen Liste von Autorinnen, Autoren und Romanen. Aber gibt es vielleicht ein gemeinsames Thema, eine alle oder wenigstens die meisten verbindende Erzählhaltung? So etwas wie einen gemeinsamen Blick auf die Welt?

Kühn: In diesem Jahr besteht die Jury aus etlichen Jüngeren, was ich sehr positiv finde. Man könnte vermuten, da gibt es einen gemeinsamen, durch Generationenzugehörigkeit geprägten Blick. Ich glaube aber, das wäre ein Vorurteil. Die Jury hat in ihrer Begründung erläutert, dass die Vielfalt so groß sei wie selten. Während die ganze wirkliche Welt auf Corona fixiert ist, ist die Literatur also mit offenem Blick unterwegs.

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Aufgeschlagene Bücher © Fotolia.com Foto: Carlo Süßmilch

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Andererseits gibt es vielleicht doch so etwas wie einen roten Faden, der etliche Longlist-Kandidaten zusammenhält: Identität im weitesten Sinn. Das ist aber ein uraltes Literaturthema. Etwas spezieller das Autobiografische, auch in mehreren Büchern, die ich genannt habe, vertreten. Man könnte noch Bov Bjerg hinzufügen, in dessen Buch "Serpentinen" es in die Kindheit zurückgeht: eine traumatisierende Schwäbische Alb mit depressiven Vater; eine Familie, in der die Väter in Serie Suizid begehen. Das fanden etliche erschütternd und haben das sehr anerkennend gemeint. Es gab allerdings auch Stimmen, die schwäbische Selbstanklage komme in dem Buch ein bisschen überbordend daher.

Hart am Puls der Sorgen der Zeit ist der Roman "Malé" von Roman Ehrlich. Da hat die Bevölkerung der Malediven wegen des gestiegenen Meeresspiegels zu großen Teilen die Inseln verlassen, während die armen Gentrifizierungsopfer aus den Großstädten des Westens in der Inselhauptstadt Zuflucht suchen.

Man könnte noch hinzufügen, dass die Form selbst, also der Roman, nach wie vor viel Offenheit für experimentellere Zugriffe bietet und dass die Jury das auch honoriert und goutiert.

Die Shortlist mit nur noch sechs Namen wird am 15. September veröffentlicht. Wagen sie dafür schon eine Prognose? Haben sie vielleicht sogar einen Tipp, welcher Roman ganz am Ende übrig bleibt?

Kühn: Auf solche Fragen gibt es in der Redaktion eine sehr bequeme Standardantwort, die besagt, dass nur mein Kollege Joachim Dicks solche Fragen beantworten kann, weil ihm das in der Vergangenheit schon trefflich gelungen ist, weshalb sein Spitzname "Der Prophet" lautet. Also bin ich vor unserem Gespräch zum Propheten gegangen und habe mal nachgefragt. Er wusste auch schon, wer gewinnt: Die Antwort war klar - Olivia Wenzel. Nach meinen vorangegangenen Auslassungen eher eine Überraschungssiegerin - aber nicht für Propheten. Diese Gabe geht mir ab, man muss seine Grenzen respektieren. Wundern würde mich nicht, wenn Olivia Wenzel am Ende gewinnen sollte - oder wenn es ganz anders käme.

Das Interview führte Alexandra Friedrich

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

AUDIO: Longlist: "Das Jammern gehört zum Spiel" (8 Min)

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NDR Kultur | Journal | 18.08.2020 | 19:00 Uhr