Ulrich Khuon posiert © picture alliance/Paul Zinken/dpa Foto: Paul Zinken

Ulrich Khuon: "Die Antworten der Politik sind zu simpel"

Stand: 20.11.2020 12:24 Uhr

Nach vier Jahren als Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins endet nun die Amtszeit von Ulrich Khuon. Ein Gespräch über seine Bilanz und die Zukunft der Branche.

Am 21. November wählt der Deutsche Bühnenverein eine neue Präsidentin oder einen neuen Präsidenten. Der Intendant des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon, der seit 2017 dieses Amt ausübt, steht nicht mehr zur Verfügung.

NDR Kultur: Der Deutsche Bühnenverein ist der Bundesverband der deutschen Theater und Orchester, der öffentlichen und privaten. Sie haben vier Jahre lang diesen Verband geleitet. Was hat Ihnen dabei am meisten Freude gemacht?

Ulrich Khuon: Es ist eine gute Frage. Ich würde mal sagen, dass wir doch einige kulturpolitisch und für den Verband, für die Mitglieder, wichtige Entscheidungen treffen konnten, die auch weitertragen - beispielsweise die Entwicklung des Verhaltenskodex. Also dass man sich innerhalb der Häuser selber auch Führungsregeln gibt: Wie wir führen wollen, das war eine Botschaft nach innen.

Dann, das hat keinen Spaß gemacht, aber es war sehr notwendig, der Kampf gegen Rechts - gegen nationalistische, gewalttätige Tendenzen, die im Grunde eine große Sprachlosigkeit mit sich geführt haben.

Zum einen war es da wichtig, klar Stellung zu beziehen und zu sagen, dass man solchen völkischen Tendenzen widerspricht und entgegensteht. Und zum anderen war es aber auch wichtig, dran zu arbeiten, dass wir alle sprachfähig bleiben und das miteinander Reden nicht verlernen. Das merkt man jetzt auch wieder bei den Demonstrationen der Querdenker. Weil der nächste Schritt, wenn man nicht versucht, sich zu verstehen, ist ja die Gewalt. Und wo die hinführt, das wissen wir auch.

Der Deutsche Bühnenverein hat das Ziel, so kann man es auf der Internetseite lesen, "die einzigartige Vielfalt der Theater- und Orchesterlandschaft und ihr Angebot zu erhalten, zu fördern und zu pflegen." In den vergangenen Monaten ein Ding der Unmöglichkeit. Wie sind Sie durch diese Zeit gekommen?

Khuon: Es war sehr wichtig, dass die Theater erstmal unterschiedliche Wege gesucht haben - in der Zeit des Lockdowns natürlich auch digitale Wege. Also an der Öffentlichkeit dranzubleiben, an ihren Besucherinnen und Besuchern. Und dann, sobald man wieder durfte, im Freien zu spielen. Das heißt, deutlich zu machen, dass wir uns nicht damit abfinden zu verschwinden und die Pause-Taste nicht akzeptieren.

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Ein Mikrofon liegt auf einem Mischpult. © NDR Foto: Gitte Alpen
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Ulrich Khuon: "Die Antworten der Politik sind zu simpel"

Nach vier Jahren als Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins endet nun die Amtszeit von Ulrich Khuon. Eine Bilanz im Gespräch. 6 Min

Jetzt ist der zweite Lockdown und der erwischt uns brutaler und schwieriger als der erste. Es ist wie eine Art Wiederholung, ein gruseliges Déjà-vu - in Verbindung mit der Ansage: Wir machen den November zu und den Dezember wahrscheinlich auch. Das ist für viele Häuser unglaublich anstrengend, weil man den Dezember vorbereitet hat. Weil man Karten verkauft hat. Jetzt muss möglicherweise alles zurückgekurbelt werden.

Und jetzt steht der Januar vor der Tür und muss geplant werden. Das Schwierige ist die Unsicherheit, dieser On-Off-Modus, in den wir reingetrieben werden. Andererseits ist es extrem wichtig, dass wir der Politik bewusst machen, dass die Theater, die Opernhäuser, die Konzerthäuser für die einzelnen Menschen, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes, wie so ein Echoraum gegen die Einsamkeit, gegen die Vereinzelung und für das Verstehen voneinander auch eine Schule der Nähe sind. Und während wir mit dem Virus zu leben lernen werden wir sehen, dass es diese öffentlichen Orte braucht. Wenn man die auf Dauer kaltstellt, oder abstellt, tut das der Gesellschaft als Ganzes nicht gut.

Sind Sie oder waren Sie in irgendeiner Form in die Entscheidungsprozesse der Bundesregierung einbezogen?

Khuon: Es gibt natürlich viele Kontakte. Beratungen ist vielleicht zu viel gesagt. Natürlich, mit Frau Grütters gibt es intensive Kontakte, auch mit den verschiedenen Fraktionen, auch mit der Regierung selber. Man muss die Beratung allerdings eher aufdrängen. Die Beschlüsse machen ja auch deutlich, dass es kein Über-Bewusstsein für die Kultur gibt, wenn man es mal vorsichtig ausdrücken will.

Also ich denke schon, dass in den Köpfen der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten - Kultur ist ja im Großen und Ganzen doch Länder- und Kommunen-Angelegenheit - die Kultur nicht hinreichend vorhanden ist. Trotzdem könnte ich mir vorstellen, dass man Teilöffnungen überlegt, auch als Zeichen an die Kultur selber, aber auch als Zeichen an die Bürgerinnen und Bürger. Man könnte beispielsweise die Museen öffnen, die vielleicht am einfachsten zu öffnen sind. Innerhalb der Theater, die mehrere Bühnen haben, könnte man vielleicht eine der Bühnen öffnen.

Trotz der hohen Infektionszahlen könnte man maßvolle Schritte, beispielsweise im Bereich der Jugendarbeit, machen. Die Schulen sind ja geöffnet, und ich finde es ganz wichtig, was die Theater, aber auch die Opern und Tanztheater, für eine theaterpädagogische Arbeit machen. Die ist essenziell, außerschulisches Lernen, wenn man so will - also Bildung, die Spaß macht. All das könnte man in einer differenzierten Weise in ein Öffnungsszenario einbinden. Und da sind mir die Antworten der Politik zu simpel. Sie wäre gut beraten, wenn sie sich mehr Beratung wünschen würde.

Das Gespräch führe Andrea Wilke.

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Matinee | 20.11.2020 | 09:20 Uhr