Stand: 16.07.2019 08:51 Uhr

Überseemuseum: "Wir brauchen einen Digitalisierungsschub"

von Nikolas Golsch

In den Depots und Archiven deutscher Museen lagert eine schier unfassbar große Masse an Ausstellungsstücken, die teilweise nie jemand zu Gesicht bekommt. Ein Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" ließ vergangene Woche aufhorchen: Da hieß es, dass die Lagerbedingungen in vielen Museen katastrophal seien. NDR Kultur hat deswegen Reporter in die ethnologischen Museen in Norddeutschland geschickt, um zu schauen, wie dort die Sammlungen gelagert sind. So auch ins Bremer Überseemuseum - dort herrschen gute Lagerbedingungen, dafür aber gibt es ganz andere Probleme.

Rundgang durchs Depot mit Wiebke Ahrndt

Mit dem Lastenaufzug geht es rauf in den zweiten Stock des Kinogebäudes direkt neben dem Bremer Überseemuseum. Hier lagern, Raum an Raum mit den Kinosälen, rund 1,2 Millionen Objekte aus den Bereichen Völker- und Naturkunde. Museumsdirektorin Wiebke Ahrndt führt mich durch die Textilmagazine, die Musikinstrumentensammlung und die Afrikaabteilung. Ein Großteil des Depots ist öffentlich zugänglich, deswegen im Vergleich mit anderen Museumsdepots in hervorragendem Zustand und entsprechend aufbereitet.

Das Sorgenkind des Museum: Die Insektensammlung

Nur ein kleiner Teil der Bestände befindet sich hinter verschlossenen Türen, etwa die Insektensammlung: "Wir laufen hier gerade über die Brücke über dem Eingang zum Cinemaxx. Die ist nicht klimatisiert, aber wenn wir jetzt hier reinkommen, dann ist es sehr schön kalt - die Insekten mögen es so am liebsten."

600.000 bunte Schmetterlinge, schillernde Käfer und andere Insekten lagern hier aufgespießt in verglasten Holzkästen, die sich in metallenen Magazinschränken stapeln. Die Abteilung ist gewissermaßen das Sorgenkind des Museums - eigentlich ein unfassbarer Schatz für Forscher auf der ganzen Welt, weil aber Personal fehlt, führt der Bestand ein Schattendasein, erklärt Ahrndt: "Für all das haben wir eine Dreiviertelstelle. Wir reden vom Insektensterben. Hier haben wir die Archive, wo nachvollzogen werden kann, was haben wir denn, was fehlt uns. Dafür ist es notwendig, dass die Sammlung erfasst und in die internationalen Netzwerke eingespeist wird."

Eine geöffnete Schublade in der Insektensammlung des Bremer Überseemuseums zeigt präparierte Schmettlerlinge. © Nikolas Golsch Foto: Nikolas Golsch

Überseemuseum: "Wir brauchen einen Digitalisierungsschub"

NDR Kultur -

Im Depot des Bremer Überseemuseums lagern rund 1,2 Millionen Objekte aus den Bereichen Völker- und Naturkunde. Viele davon sind noch nicht inventarisiert.

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Die Katalogisierung und Digitalisierung steckt in der Insektenabteilung noch in den Kinderschuhen, bisher ist nur ein Bruchteil davon erfasst. In anderen Abteilungen sieht es ähnlich aus, teilweise existieren Listen von Artefakten aus der ethnologischen Sammlung nur in Sütterlin-Schrift.

Gerade im Umgang mit kolonialer Kunst, der Forschung welche Stücke zu Unrecht und auf welchen Wegen nach Bremen gekommen sind, spiele die Digitalisierung eine Schlüsselrolle, sagt Wiebke Ahrndt: "Wir bekommen gerade fast wöchentlich Anfragen von Wissenschaftlern aus dem Ausland, von Herkunftsgesellschaften, die fragen: Was habt ihr denn? Und wir können dann oft nur knappe Listen ohne Foto rüberschicken, und die sind dann auch noch auf Deutsch. Wir brauchen einen Digitalisierungsschub, da müssen wir ran."

Mehr Budget für das Sammeln und Forschen

Welche Arbeit damit verbunden ist, lässt sich erahnen wenn man einen Blick nach Frankreich wirft, ins Pariser Musée du Quai Branly. Bis dort sämtliche 300.000 Objekte online standen, arbeiteten 70 Leute rund sechs Jahre lang. Heute gibt es ein umfassendes Register, in dem Museen aus Übersee nach Objekten ihres Kulturkreises gezielt suchen können.

Wiebke Ahrndt kann davon nur träumen. Vom designierten neuen Bremer Kultursenator Andreas Bovenschulte erwartet sie deswegen mehr Geld für die kommenden Jahre, um mit zusätzlichem Personal zumindest einen Anfang machen zu können: "Museen werden so oft als reine Ausstellungshäuser betrachtet. Aber das Sammeln und Forschen ist Grundlage dafür, und gerade hier fehlt es an Personal."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 15.07.2019 | 07:20 Uhr

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