Die US-Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und Donald Trump © dpa Foto: ROURKE SEMANSKY

US-Wahl: "Ich glaube, dass Joe Biden es schaffen wird"

Stand: 27.10.2020 16:51 Uhr

Trump oder Biden? In einer Woche werden die US-Amerikaner darüber entscheiden, welcher Präsident das Land in den kommenden vier Jahren regieren wird. Die Journalistin Bettina Gaus kennt die politischen Konstellationen in den USA sehr gut.

Frau Gaus, vor vier Jahren haben Sie den Sieg Donald Trumps vorausgesagt. Was machte Sie damals so sicher?

Bettina Gaus: Von Sichersein kann keine Rede sein. Ich habe gedacht, ich blamiere mich unsterblich, da ich das gegen alle Voraussagen und Wahlumfragen öffentlich behauptet hatte. Ich habe kurz vor der Wahl mit sehr vielen Anhängern von Donald Trump geredet und habe mich besonders bemüht, nicht die zu suchen, die dem landläufigen Klischee vom Trump-Anhänger entsprechen, sondern ich sprach mit sehr gut Ausgebildeten, mit Angehörigen der oberen Mittelschicht, die gut verdienten und bei denen man sich fragen musste, warum sie wie die Rohrspatzen auf das politische Establishment schimpften - es ging ihnen doch so gut. Dabei habe ich verstanden, dass der Ärger und die Verunsicherung hinsichtlich der eigenen Situation in großen Teilen der US-Gesellschaft viel tiefer reichen, als ich mir das vorher habe vorstellen können. Ich dachte, Trump, der sich als Außenseiter darstellte und es auch objektiv war, hatte bessere Chancen, als man ihm einräumen wollte.

Der Journalist und Watergate-Enthüller Bob Woodward, dessen Interviews mit Donald Trump vor Kurzem auf Deutsch erschienen sind, bilanziert Trumps Amtszeit gar nicht so negativ: Ein Krieg mit Nordkorea konnte verhindert werden; Trump - im Vergleich zu Nixon - sei kein Krimineller, zumindest könne man ihm das nicht nachweisen. Aber sein fataler Fehler war, dass er die Corona-Krise lange verharmlost hat. Wird ihn das den Wahlsieg kosten?

Die Journalistin Bettina Gaus steht in einem Fernsehstudio und lächelt in die Kamera. © picture alliance/Geisler-Fotopress Foto: Robert Schmiegelt
Bettina Gaus schreibt seit vielen Jahren für die "taz".

Gaus: Ich halte es für möglich, dass ihn das den Wahlsieg kostet. Ganz sicher kostet die Verharmlosung der Corona-Epidemie viele Männer und Frauen in den USA das Leben. Sie haben völlig recht mit dem, was sie über Woodward gesagt haben: All das bilanziert er. Aber man muss hinzufügen, dass er unterm Strich auch zu der Ansicht kommt, Trump sei der falsche Mann für den Job. Und zwar nicht nur wegen Corona, sondern vor allem, weil Trump außerstande sei zu verstehen, dass es seine Aufgabe ist, die Bevölkerung zu schützen. Das wird jetzt besonders deutlich im Zusammenhang mit der Corona-Epidemie, aber das, so Woodward, zeige sich auch auf anderen politischen Feldern. Die Frage ist, wie viele Leute das auch so sehen.

Wer wählt in der US-amerikanischen Gesellschaft Donald Trump? Die Swing States scheinen da eine entscheidende Rolle zu spielen.

Gaus: Ja, die Swing States spielen bei den Wahlen in den USA immer eine entscheidende Rolle. Das liegt an dem komplizierten Wahlsystem. Der Vergleich hinkt zwar auf vielen Ebenen, aber am besten versteht man es, wenn man die US-Staaten mit der EU vergleicht. In der EU sind alle Staaten für sich genommen autonom - und das gilt auch in den USA, wo die Autonomie der einzelnen Bundesstaaten sehr hoch ist. Deswegen sind eigentlich nur die Staaten interessant, die mal so und mal so wählen. Pauschal gesagt, wählen mehr Menschen in den ländlichen Gebieten Trump als in den Städten. Ihn wählen im Großen und Ganzen eher schlechter ausgebildete Leute, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben, als Universitätsprofessoren, die eine Lebensanstellung haben. Es wählen - aus leicht verständlichen Gründen, wenn man sich Trumps Rassismus anguckt - mehr Weiße als Schwarze Donald Trump. Aber: Es gibt keine Bevölkerungsschicht, in der Donald Trump keine Anhänger hat. Es gibt auch den Universitätsprofessor, der mit aus seiner Sicht guten Gründen für Trump ist. Wenn ich überhaupt eine Gemeinsamkeit bei den Trump-Wählern feststellen soll, dann sind es zu einem ganz großen Teil Leute, die Angst haben, fremdbestimmt zu werden, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Deswegen war Trump so erfolgreich mit seiner Kampagne gegen China. Deswegen war er so erfolgreich mit dem - aus meiner Sicht absurden - Versprechen, er wolle eine Mauer zu Mexiko bauen. Da geht es um die Abwehr von undurchschaubaren, unkontrollierbaren Einflüssen von außen.

Jüngste Umfragen deuten auf eine Niederlage Trumps - lassen sie zumindest als durchaus möglich erscheinen. Trump hat angekündigt, dass er eine Niederlage nicht anerkennen werde. Spielt da die Ernennung von Amy Coney Barrett als neue Supreme-Court-Richterin eine Rolle?

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Donald J. Trump und Joe Biden vor US-Flagge (Fotomontage). Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten 2020 ist für den 3. November 2020 vorgesehen. Es ist die 59. Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten. © picture alliance/Geisler-Fotopress

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Gaus: Diese Ernennung kann dann eine Rolle spielen, wenn Streitigkeiten im Zusammenhang mit dem Wahlergebnis vor Gericht ausgefochten werden müssen. Das hat es in der Geschichte schon gegeben: Wir erinnern uns an das unklare Stimmenverhältnis in Florida, wo Al Gore möglicherweise mehr Stimmen bekommen hat als George W. Bush. Es gab gerichtliche Auseinandersetzungen über die Frage, wie Stimmen gezählt werden dürfen, bis wann sie gezählt werden dürfen - und irgendwann hat Al Gore im Interesse des Friedens des Landes seine Niederlage eingeräumt. Dass Donald Trump im Falle einer strittigen Wahl eine Niederlage einräumt, halte ich für ausgeschlossen. Ich halte es allerdings auch für ausgeschlossen, dass er sich bei einem eindeutigen Wahlergebnis an dem Schreibtisch im Oval Office festklammern wird und sich weigern wird, eine Niederlage zu akzeptieren. Das wird er natürlich nicht tun. Er hat das manchmal sehr provokant formuliert, aber ich verstehe nicht ganz, warum die Demokraten oder auch die liberalen Medien in den USA über jedes Stöckchen springen, das er ihnen hinhält.

Es werden möglicherweise Staaten wackeln, von denen man das nie gedacht hätte - zum Beispiel Georgia, ein ganz lange angestammter republikanischer Staat. Es ist nicht auszuschließen, dass Georgia oder auch Texas am Schluss Biden vorne sieht - und das sind nicht die klassischen Swing States.

Sie haben vor vier Jahren mit Ihrer Vermutung richtig gelegen - wer wird Ihrer Meinung nach jetzt die Wahl gewinnen?

Gaus: Ich habe mich lange davor gedrückt, weil, wenn ich etwas Falsches prognostiziere, ist der schöne Glorienschein weg, den ich mir mit der richtigen Prognose von vor vier Jahren erarbeitet habe. Aber ich traue mich trotzdem: Ich glaube tatsächlich, dass Joe Biden es schaffen wird.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Die Journalistin Bettina Gaus steht in einem Fernsehstudio und lächelt in die Kamera. © picture alliance/Geisler-Fotopress Foto: Robert Schmiegelt

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NDR Kultur | Journal | 27.10.2020 | 18:00 Uhr