Die US-Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und Donald Trump im ersten TV-Duell vor der Wahl. © Pool AFP/AP/dpa Foto: Olivier Douliery

Trump und Biden im TV-Duell: "Chaotisch und unprofessionell"

Stand: 30.09.2020 16:30 Uhr

In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch fand das erste Fernsehduell der US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Joe Biden statt. Politikwissenschaftlerin Christiane Lemke hat es sich angesehen.

Frau Lemke, haben Sie mit dem gerechnet, was dort zu sehen war?

Christiane Lemke: Ich habe mir die Sendung von Anfang bis Ende angeschaut. Wir hatten damit gerechnet, dass Donald Trump sehr aggressiv auftreten wird - ich hatte ihn auch vor vier Jahren schon erlebt in der Debatte mit Hillary Clinton. Aber das, was gestern Abend stattgefunden hat, war doch überraschend chaotisch und unprofessionell, weil die Fernsehdebatten nach einem bestimmten Muster verlaufen, also eine Themenreihenfolge haben. Aber beide Kandidaten sind sich ins Wort gefallen und haben sich nicht ausreden lassen. Ich war negativ überrascht.

Hat das überhaupt noch mit politischer Auseinandersetzungen zu tun? Oder war das nur noch reine Show?

Lemke: Es ist Ausdruck der polarisierten Demokratie. Die USA sind sehr gespalten und sehr zugespitzt. In den letzten Jahren können wir das an verschiedenen Indikatoren und Umfragen feststellen. Insofern ist diese sehr persönliche und angriffslustige Auseinandersetzung auch Ausdruck eines tiefer liegenden Problems, das wir in der amerikanischen Demokratie im Moment beobachten.

Eigentlich sind solche TV-Duelle dazu gedacht, dass wir die Kandidaten kennenlernen und vor allen Dingen ihre Positionen und Argumente. Ist das viel zu idealtypisch gedacht?

Lemke: Ja, so ist es eigentlich gedacht. Die Situation ist, dass Joe Biden in allen Umfragen, auch in den umstrittenen Staaten, vorne liegt. Die Aufgabe von Trump und Biden wäre es eigentlich gewesen, noch unentschiedene Wähler und Wählerinnen auf die jeweilige Seite zu ziehen und das auch mit Argumenten zu tun. Ich fand, dass Biden sehr gut vorbereitet war und inhaltlich gute Schwerpunkte hatte, sofern man das verstand. In den ruhigen Minuten kam das sehr klar rüber, was er zur Wirtschaft, zur Klimapolitik, zur Covid-19-Bekämpfung und so weiter zu sagen hatte. Während Trump wenig inhaltlich gesagt hat und eher durch seinen Habitus, durch den Versuch der Einschüchterung und der aggressiven Rhetorik versucht hat, zu punkten. Das geht, wenn man neu ist im Feld, so wie 2016. Das geht aber nicht, wenn man schon fast vier Amtsjahre hinter sich hat und die Verantwortung für das hat, was in den letzten vier Jahren passiert ist. Da hätte man inhaltlich mehr erwarten können, dass er etwas zur Wirtschaftspolitik sagt und wie er die schwere Krise zu überwinden gedenkt. Das geht nicht, indem er immer sagt, er sei der Größte und seine Leistung sei herausragend.

Fehlte der Inhalt auch bei Joe Biden? Der machte gelegentlich einen fast schon hilflosen Eindruck gegen diesen übermächtig wirkenden Silberrücken. Ist das nicht für jemanden, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden möchte, ein bisschen hilflos?

Die US-Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und Donald Trump im ersten TV-Duell vor der Wahl. © Pool AFP/AP/dpa Foto: Olivier Douliery

AUDIO: Trump und Biden im TV-Duell: "Chaotisch und unprofessionell" (7 Min)

Lemke: Ich fand beide schlecht im Stil. Bidens Problem ist, dass ihm immer vorgeworfen wird, er sei eigentlich schon zu alt und ein bisschen tatterig. Trump nennt ihn immer "Sleepy Joe". Dafür fand ich ihn eigentlich sehr standhaft. Aber grundsätzlich ist die Frage, ob zwei alte Männer dieses wichtige Land, diese moderne Demokratie heute wirklich führen können.

Trump hat einmal mehr verhältnismäßig unverhohlen damit gedroht, dass er bei einer Wahlniederlage das Weiße Haus nicht einfach verlassen wird. Ist das einfach nur Großmäuligkeit, oder ist das ein Desaster für die Demokratie, das da droht?

Lemke: Ja, leider muss man sagen, dass er wiederum die Legitimität des gesamten Wahlvorgangs, insbesondere die Briefwahlen, kritisiert - zu Unrecht. Das hat mich in dieser Klarheit überrascht, weil es das eine ist, so etwas in Interviews zu sagen, aber das andere, wenn er es geschätzt vor 100 Millionen Zuschauern und Zuschauerinnen tut. Ich befürchte, wenn es kein klares, eindeutiges Bild am Wahlabend gibt - und das könnte sein bei der großen Anzahl der Briefwähler, weil viele wegen Covid-19 nicht ins Wahllokal gehen werden, dass es dann auch zu Auseinandersetzungen gerichtlicher Art kommen kann. Das wäre für die amerikanische Demokratie außerordentlich schlecht.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.09.2020 | 18:00 Uhr