Stand: 13.07.2018 10:22 Uhr

"Treffen Total": Künstler als Touris in Hamburg

von Thomas Jähn

Ein Musical-Besuch gefällig - oder doch lieber das Miniaturwunderland? Auf jeden Fall aber einen Abend auf der Reeperbahn verbringen und natürlich unbedingt noch ein Foto von der Elphi machen! Ja, die To-do-Liste für Touristengruppen in Hamburg ist lang. Seit drei Wochen ist noch eine weitere Gruppe in der Stadt unterwegs - und will Tourismus ganz anders und neu für sich entdecken. Dahinter steckt das internationale Projekt "Treffen Total" der freien Kunstszene.

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Unübersehbar: Die Künstlerinnen und Künstler des Projektes "Treffen Total" haben jede Menge Spaß in Hamburg.

Gefletschte Zähne und lautes Knurren, gekrümmter Rücken und ein verkniffener Blick. Knapp 20 Leute verwandeln sich in wilde Bestien. "Es ist total spannend", sagt eine der Tänzerinnen. "Und man merkt wirklich, wie dann plötzlich die Kraft hochschießt, wie etwas in einem passiert, was man sich vorher gar nicht hat vorstellen können. Und man hat auch keine Scheu, sich zum Affen beziehungsweise zum Biest zu machen. Das ist gut!"

Aufwärmen mit dem "Training Total"

Ein animalischer Start in den Tag: Das "Training Total" ist das allmorgendliche Warm-up, bevor es raus geht ins touristische Gewimmel - kostenlos und offen für alle. 90 Minuten Yoga oder Tanz, Gesang, Improvisation oder eben eine Verwandlung zum Werwolf. "Der Werwolf, der ja weder Mensch noch Tier ist, besetzt so eine Außenseiterposition und damit wird er total attraktiv und interessant für Touristen", erklärt Tänzerin Ursina Tossi. "Wenn wir das, was wir jetzt hier gemacht haben, im öffentlichen Raum machen würden, das hätte einen großen Sog, glaube ich, das würde sehr viele Leute anziehen."

25 Kunstschaffende aus Hamburg und der Welt

Ein junger Tänzer bei einer Improvisation. © Treffen Total

Treffen Total - Kunst trifft auf Tourismus

NDR 90,3 - Kulturjournal -

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Einen Monat lang beschäftigen sich 25 Kunstschaffende aus Hamburg und der Welt mit Tourismus - und werden dabei selbst zum Großstadt-Touri. "Es ist schön, die Stadt auf diese Weise kennenzulernen, sie als Gast zu erleben", sagt Sigurður Jónsson aus Island. "Und gleichzeitig über die touristischen Strategien nachzudenken, wie sie die Stadt beschädigen."

Einmal in der Woche geht es auf Exkursion. An diesem Tag gibt es eine Radtour quer durch die Stadt. "Ja, es kann schnell gefährlich werden mit so einer Reisegruppe auf dem Rad", meint die Performerin und Tanzpädagogin Hannah Wischnewski. "Wir haben uns natürlich jetzt alle verloren, weil nicht alle das gleiche Tempo haben. Die, die ganz hinten waren und verloren gegangen sind, die sind jetzt die ersten hier - so ist das", sagt sie und ruft laut lachend "Juhu", als der Rest der Gruppe wieder zu ihnen stößt.

"Man macht sich auch total verletzlich"

Die Aufgabe jetzt auf dem Hansaplatz: umherlaufen, Eindrücke und Fragen sammeln - und diese dann künstlerisch umsetzen. "Was ich interessant finde ist: Was bin ich denn als Tänzerin und Choreografin an so einem öffentlichen Ort", sagt Jenny Beyer. "Was kann ich da überhaupt machen? Man macht sich ja auch total verletzlich - das finde ich aber eine interessante Spannung und ich glaube, das ist auch das besondere an dem Projekt."

Material gibt es genug: Kneipen und Straßenmusiker, Leute, die auf dem Boden schlafen, ein Junggesellenabschied samt Ganzkörperlederkostüm. "Der Künstler ist vielleicht auch ein Tourist in sich, weil er sich Sachen anguckt, sich Material sucht, recherchiert", sagt Choreograf Antoine Effroy. "Aber er tut es auch für sich, für sein Werk. Ich mag es überhaupt nicht, ein Tourist zu sein, wenn ich irgendwo bin."

Rückwärts über den Elbstrand

Das Kunstwerk an sich ist hier der Prozess - eine Regie und künstlerische Leitung gibt es nicht. "Das bedeutet aber nicht, dass nichts dabei herauskommt", sagt Theatermacherin Greta Granderath. "Es passieren andauernd Dinge - aber eben in einer anderen Abfolge und auch in einer anderen Spontanität, weil wir versuchen, immer nur einen Tag im Voraus zu planen. Deshalb gibt's auch diese Map." Die Map, ein interaktiver Stadtplan, kündigt die Ausflüge an und zeigt, was die Gruppe schon erlebt hat. Am Tag zuvor gab es einen Spaziergang am Elbstrand - aber rückwärts, mithilfe eines Handspiegels über der Schulter. "Da haben uns richtig viele Leute angesprochen: Ist das jetzt ein Kunstprojekt? Das sieht total toll aus. Da sollte man mal Fotos machen", erzählt Jenny Beyer. "Manche haben auch angefangen, das selber mal auszuprobieren."

Ein anderer Blick auf die eigene Stadt

Sehenswürdigkeiten hinterfragen, Urlaubsrituale neu erfinden, abseits der altbekannten Touristenpfade wandern. "Hamburg irgendwie noch mal anders zu sehen, andere Orte kennenzulernen, sich vielleicht auch anders zu begegnen, ein bisschen bewusster zu schauen, was werden hier eigentlich für Bilder kreiert oder wie werden bestimmte Orte gestaltet, wer hat dazu Zugang", fasst Greta Granderath das zusammen, was sie sich von dem Projekt erhofft. "Ja, man bekommt hoffentlich noch mal einen anderen Blick auf die eigene Stadt und das, was einen so täglich umgibt."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 15.07.2018 | 16:40 Uhr

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