Felix Klein © picture alliance/dpa Foto: Britta Pedersen

"Toleranz-Tunnel": Ausstellungsprojekt gegen Hass und Hetze

Stand: 25.01.2021 16:08 Uhr

Vor dem Internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde bei einer Bundespressekonferenz der "Toleranz-Tunnel" vorgestellt. Schirmherr ist der Bundesbeauftragte für jüdisches Leben in Deutschland, Felix Klein.

Herr Klein, das Projekt "Toleranz-Tunnel" will Toleranz und Mitmenschlichkeit fördern. Wie genau soll das vonstattengehen?

Felix Klein: Die Toleranz-Tunnel sind ein niedrigschwelliges Angebot. Es handelt sich um Ausstellungsmodule in Containergröße, die in Innenstädten, vor Universitäten, in Betrieben, auf Bahnhöfen aufgestellt werden können. Dort können Menschen über verschiedene Formen von Ausgrenzung informiert werden, die im Extremfall bis zum Genozid führen können. Die extremste Form des Völkermordes, der Holocaust, wird auch dargestellt. Die Menschen sollen sich Gedanken machen, dass man einschreiten muss, wenn man negative Entwicklungen einfach so laufen lässt, dass unsere Gesellschaft wehrhaft sein muss, dass man Hass und Hetze nicht unwidersprochen stehen lassen kann. Dafür soll dieses Projekt die Menschen sensibilisieren.

Es gibt ja viele Informationsangebote zum Thema. Was unterscheidet den Toleranz-Tunnel inhaltlich von anderen Projekten?

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Menora-Leuchter in einer Jüdischen Synagoge. Chanukkia Kerzenständer © NDR Foto: Julius Matuschik

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Klein: Zum einen sehen wir, wohin eine negative Entwicklung führen kann. Dass die Ausgrenzung, die im Alltag beginnt - die auch in den 30er-Jahren im Alltag begonnen hat, um Juden auszugrenzen und zu diffamieren -, in einem Holocaust oder in einer einem Völkermord gipfeln kann. Bisher ist viel zu stark betrachtet worden, dass Völkermorde für sich gesehen als Phänomene ihrer Zeit gelten. Das ist das Neue daran, dass man ganz klar zeigt, dass dem nicht so ist, dass wir uns dem entgegenstellen müssen. Und dass dieser Blick, trotz der Einzigartigkeit, die der Holocaust als Völkermord darstellt, nicht unseren kritischen Blick darauf verstellt, dass wir auch anderen Formen von Ausgrenzung, Diskriminierung und anderen Völkermorden entgegenwirken müssen. Auch als Bürger.

Aufklärung ist ohne Frage wichtig. Die Frage ist: Erreiche ich die Richtigen und überzeuge sie allein mit der Vermittlung von Wissen? Braucht es nicht noch mehr als das?

Klein: Ja, wir müssen nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Empathie entwickeln. In unserer Erinnerungskultur müssen wir nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz ansprechen - auch wenn wir die Leute wehrhaft machen wollen. Hierauf geht auch das Toleranz-Tunnel-Projekt ein. Das wird in verschiedenen deutschen Städten gezeigt. Eine Wand in diesen Tunneln wird immer für lokale Bezüge reserviert sein, für Menschen, die während den 30er- und 40er-Jahren ausgegrenzt wurden, um deren Schicksal zu zeigen: Juden, Roma, Behinderte - alle Menschen, die unter den Nazis zu leiden hatten.

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Blick auf schneebedeckte Gleise im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. © picture-alliance / dpa Foto: Guenter Schindler

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Unsere Erinnerungskultur muss weiterentwickelt werden. Es kann nicht sein, dass sie in Formeln und Ritualen erstarrt, das Honoratioren einer Stadt zu Gedenktagen zusammenkommen, Kränze ablegen, um dann wieder auseinander zu gehen. Wir müssen die Bevölkerung erreichen. Das tun wir in Fußgängerzonen, an Orten des öffentlichen Raums. Wir sollten nicht erst darauf warten, dass Menschen in Gedenkstätten kommen oder wissenschaftliche Symposien besuchen - die sind ja sensibilisiert. Wir müssen in der Mitte der Gesellschaft die Menschen ansprechen und aufklären.

Eine physische Ausstellung birgt ja in Pandemie-Zeiten - selbst unter Sicherheitsvorkehrungen - auch Gefahren. Wenn es im September losgehen soll, wird Corona wahrscheinlich immer noch Thema sein. Warum können Sie damit trotzdem nicht warten?

Klein: Gerade die Corona-Pandemie zeigt ja, wie virulent das Problem ist. Menschen relativieren im Zuge der Pandemie den Holocaust und der Antisemitismus nimmt deutlich zu, wenn sich zum Beispiel Menschen bei Demonstrationen den Judenstern mit der Aufschrift "ungeimpft" anhängen. Oder wenn ein junges Mädchen erzählt, sie habe ihren Geburtstag nicht so laut feiern können, wie sie wollte, und fühle sich wie Anne Frank. Das sind Relativierungen des Holocausts, die wir so nicht stehen lassen können.

Der Holocaust taugt auch nicht als Projektionsfläche für jedwede Opfergefühle. Wir müssen uns in der Pandemie alle einschränken. Wir wissen, dass gerade in Zeiten der Unsicherheit Menschen für irrationale Erklärungsmuster anfälliger werden. Der Antisemitismus ist nun mal so ein Phänomen und deswegen müssen wir dem jetzt entgegenwirken. Wenn wir dem nicht entgegenwirken und Verschwörungsmythen verbreitet werden, dann kann das sehr schnell in Gewalt umschlagen. Und wohin zum Beispiel die Radikalisierung im Internet führen kann, zeigen die Attentate von Hanau und Halle, wo Menschen zu Waffen gegriffen haben.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.01.2021 | 18:00 Uhr