Stand: 05.06.2020 15:28 Uhr

Tod von George Floyd: "Rassismus wird noch viel stärker werden"

Der Mord an dem Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten bestimmt in diesen Tagen die Medien, die Stimmung und unsere Gedanken. Er sei nicht an dem neuartigen Corona-Virus gestorben, sondern der "Pandemie des Rassismus" zum Opfer gefallen. So hat es der Anwalt der Familie Benjamin Crump in seiner Rede bei der Trauerfeier für Floyd formuliert. Ein Gespräch mit der USA-Korrespondentin Claudia Sarre über das hartnäckige Virus Rassenhass, seine Ursachen und Auswüchse.

Frau Sarre, in den USA und weltweit zeigen die Menschen ihr Mitgefühl. Sie gehen auf die Straßen in friedlichem Protest. Gleichzeitig gibt es Ausschreitungen und einen Präsidenten, der für ein Foto mit der Bibel in der Hand gewaltsam gegen friedliche Demonstranten vorgeht. Wie nehmen Sie die Stimmung aktuell wahr?

ARD-Hörfunkkorrespondentin Claudia Sarre sitzt in ihrem Homeoffice © ARD Studio Washington/Claudia Sarre
ARD-Hörfunkkorrespondentin Claudia Sarre

Claudia Sarre: Es ist immer noch so, dass man jeden Tag persönlich betroffen ist, oftmals auch emotional. Zu Anfang war man eher geschockt, fassungslos - jetzt ist es fast ein bisschen versöhnlich geworden. Denn es wird immer noch Tag für Tag demonstriert, aber insgesamt wird der Ton ruhiger. Die Wut, die man am Anfang sehr gespürt hat, hat sich etwas gelegt. Das hat zum einen damit zu tun, dass die Gedenkfeierlichkeiten für George Floyd begonnen haben, und zum anderen damit, dass die drei anderen Polizisten aus Minneapolis jetzt auch angeklagt worden sind. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele Polizisten im ganzen Land häufig Gesten der Versöhnung gezeigt haben: Sie knien sich zum Beispiel gemeinsam mit den Demonstranten hin oder schütteln den Protestlern die Hand. Es kam sogar zu Umarmungen, und das fand ich persönlich ganz besonders berührend.

Einige haben Befürchtungen geäußert, die Situation könnte weiter eskalieren. US-Präsident Trump hat auch mit dem Einsatz von Militär im Inland gedroht. Sie klingen nicht besorgt.

Sarre: So würde ich das nicht sagen. Ich war durchaus in großer Sorge und bin es immer noch. Wir haben ja auch immer noch die Coronavirus-Pandemie. In Washington zum Beispiel sind wir seit drei Monaten immer noch im Lockdown, dazu kommen die nächtlichen Ausgangssperren - also auch die persönlichen Freiheiten der Menschen sind stark eingeschränkt. Gleichzeitig ist auch die Angst nach den Plünderungen, nach den gewalttätigen Ausschreitungen groß gewesen. Ein demokratischer Senator hat hier in Washington einen schönen Satz geprägt: "Es fühlt sich so an, als hätten wir hier die Spanische Grippe von 1918, die Große Depression von 1929 und die Unruhen von 1968 - alles zur gleichen Zeit."

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Demonstraten protestieren vor der St. John's-Kirche gegen den gewaltsamen Tod von George Floyd durch Polizisten. © picture alliance / newscom Foto: Tasos Katopodis

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"I can't breathe!", sagte George Floyd noch - bis er starb. Ein Polizist hatte ihm minutenlang sein Knie in den Nacken gedrückt. Die Geschichte erschüttert die USA und die ganze Welt. mehr

Schon nach dem Tod von Eric Garner, der 2014 bei einer Festnahme durch den Würgegriff eines weißen Polizisten in New York gestorben war, gab es einen ähnlichen Aufschrei. Daraufhin hatte sich die Bewegung "Black Lives Matter" formiert. Viele Menschen sind auf die Straße gegangen - geändert hat sich aber gefühlt nichts. Warum passieren diese Vorfälle immer wieder?

Sarre: Das ist die große Frage. Wahrscheinlich ist es doch irgendwo drin in der DNA der Amerikaner. Viele Aktivisten haben jetzt von einem "tipping point" gesprochen, von einem Wendepunkt - aber davon wurde auch schon gesprochen, als zum Beispiel Obama zum Präsidenten gewählt wurde. Damals haben auch viele gesagt, dass sich mit einem schwarzen Präsidenten endgültig etwas ändern wird. Jetzt ändert sich vieles im Bewusstsein der Menschen - das war zum Beispiel auch nach der MeToo-Bewegung so. Aber heißt das auch, das Schwarze in den USA nie wieder diskriminiert werden? Ganz sicher nicht.

Sie haben gesagt, der Rassismus wohne vielleicht in der DNA Amerikas. Aber ist dieser institutionelle, strukturelle anti-schwarze Rassismus wirklich in erster Linie ein US-amerikanisches Problem? Ist es nicht vielleicht auch ein globales Problem, vielleicht auch ein Problem hier in Deutschland?

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Donald Trump, Präsident der USA, hält eine Bibel, während er die St. John's Episcopal Church besucht. © Patrick Semansky/AP/dpa Foto: Patrick Semansky

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Sarre: Auf jeden Fall ist es auch ein globales Problem. Es ist auch in Deutschland jederzeit und allen Ortes spürbar und sichtbar. Aber ich glaube, in den USA ist es - wie so vieles - sehr viel extremer, durch die Geschichte bedingt und befeuert durch die US-Regierung. Präsident Trump gießt Öl ins Feuer und tut nichts dazu, um diesen Konflikt in irgendeiner Art und Weise beilegen zu wollen, zum Beispiel durch versöhnende Gesten oder einende Worte. Insofern wird dieser Rassismus in den USA in den nächsten Jahren noch viel stärker und sichtbarer werden.

Es sind viele Solidaritätsbekundungen weltweit wahrzunehmen. Wir sehen in den Medien zahlreiche Aktionen, Prominente haben sich weltweit zu Wort gemeldet. Teilen Sie die Kritik, die teilweise aufkommt, dass es da gar nicht wirklich um die Sache geht, sondern sich die Menschen eher damit schmücken?

Sarre: Das teile ich eigentlich nicht. Ich finde es schön, wenn es so etwas gibt. Das Ganze hat eine riesengroße Symbolwirkung. Ich habe heute morgen hier in Washington erlebt, wie Aktivisten direkt vor dem Weißen Haus eine sehr symbolträchtige Aktion ins Leben gerufen haben: Sie haben mit riesengroßen gelben Lettern auf den Fußboden "Black Lives Matter" geschrieben. Ich könnte mir vorstellen, dass das durchaus einen Effekt hat.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Menschen protestieren in New York gegen Rassismus und gegen Polizeigewalt © picture-alliance/Everett Collection

AUDIO: "Rassismus wird noch viel stärker werden" (7 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.06.2020 | 19:00 Uhr